PISA: Bayern hat geschummelt (ein Artikel von Klaus Klemm)

(beschummeln = Rotwelsch, Jenisch b’schummeln betrügen, Fatzersprache beschummeln stehlen, mausen, schummeln = niederländisch schommelen "balancieren", "schaukeln", "wippen", engl. sham? Trick, Betrug, althochdeutsch scama?, Wortbedeutung "verhüllen", "bedecken")

http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/getArticleSZ.php?artikel=artikel7938.php

 

Schau genau

Wie stark sind die Leistungsschwächeren? Es gibt Zweifel an den PISA- Ergebnissen aus Bayern

In Bayern sind nicht nur die stärksten, sondern auch die schwächsten Schüler leistungsfähiger als im übrigen Deutschland. So erreichen etwa beim Leseverständnis nur zwei Prozent nicht die unterste Kompetenzstufe, in Nordrhein-Westfalen gilt das dagegen für sechs Prozent. Dieser Befund, der zu den besonders beachteten Ergebnissen der PISA-Studie zählt, gerät bei genauerem Hinsehen ins Wanken. In ihn gehen Testergebnisse ein, die aus zwei Gründen keine Repräsentativität beanspruchen können.

Erstens: In Bayern besuchen aus dem bei PISA getesteten Jahrgang der Fünfzehnjährigen 14 Prozent Berufsschulen. Dies ist bundesweit der Spitzenwert. In Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz liegen die Vergleichswerte bei neun Prozent, in Nordrhein-Westfalen gibt es wegen der dortigen zehnjährigen Schulpflicht keine Berufsschüler unter den Fünfzehnjährigen. Da Berufsschüler für Untersuchungen im schulischen Feld als schwer erreichbar gelten, wurden die Tests dieser Gruppe in Bayern nur an drei Schulen durchgeführt. Testergebnisse von nur drei Schulen müssen daher die Leistungsfähigkeit von 14 Prozent eines Altersjahrgangs repräsentieren – und dies bei der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Regionen Bayerns. Da für repräsentative Ergebnisse eine deutlich größere Stichprobe von Schulen erforderlich ist, wurden in den größeren Flächenstaaten für die Tests an Haupt- und Realschulen sowie an Gymnasien 25 Schulen je Schulart und Land einbezogen.

Wenn schon die Repräsentativität der Ergebnisse aufgrund weniger einbezogener Berufsschulen in Frage steht, so muss sie aus einem zweiten Grund endgültig bezweifelt werden. Nur 53 Prozent der an Bayerns Berufsschulen vorgesehenen Testteilnehmer beteiligten sich am PISA-Test. Diese Quote hätte angesichts der sonst angelegten Untersuchungsstandards zum Ausschluss führen müssen. Dies geschah nicht, die Frage der Repräsentativität der Ergebnisse wird in der PISA-Veröffentlichung nicht einmal gestellt, – und dies, obwohl die Autoren an anderer Stelle betonen, dass "mit zunehmenden Verweigerungsraten die Leistungswerte der Schulen steigen". Nicht ohne Grund gilt für die Repräsentativität derartiger Studien, dass sich mindestens 80 Prozent der ausgewählten Testteilnehmer am Test tatsächlich beteiligen. Die Testergebnisse Berlins und Hamburgs wurden ja deshalb nur für die Gymnasien in die Auswertung einbezogen, weil bei den übrigen Schularten die Beteiligungsquoten zwischen 53 Prozent (Berliner Hauptschulen) und 76 Prozent (Hamburger Realschulen) lagen.

Leistungsvorsprung schwindet

Dass trotz der geringen Beteiligungsquote die bayerischen Berufsschüler in die Auswertung eingeschlossen wurden, führt zu erstaunlichen Ungereimtheiten. Zunächst: Es gibt keinen Weg, nachträglich repräsentative Daten zu konstruieren. Gleichwohl muss angenommen werden, dass die Überschätzung der Leistungsfähigkeit der fünfzehnjährigen bayerischen Berufsschüler die Spitzenposition in den getesteten Kompetenzbereichen nur geringfügig schwächt.

Ein anderer Effekt muss gesehen werden: Die fünfzehnjährigen Berufsschüler werden kaum erfolgreiche Absolventen der Realschulen und Gymnasien sein. Sie werden eher zum leistungsschwächeren Teil der Schüler gehören. Insbesondere wird das für jene gelten, die sich dem Test entzogen haben. Damit schwindet oder vermindert sich jedoch der hohe Vorsprung, den die PISA-Studie gerade den leistungsschwächeren bayerischen Schülern etwa im Vergleich zu den Schülern Nordrhein-Westfalens attestiert. Die unterste Leistungsgruppe der bayerischen Schüler ist im innerdeutschen Vergleich deshalb so gut, weil ein beachtlicher Teil der Leistungsschwächsten am Test schlicht nicht teilgenommen hat.

Noch ein Vorsprung Bayerns wird fraglich: Da unter den leistungsschwächeren Schülern solche mit Migrationshintergrund besonders stark vertreten sind, müssen auch die in Bayern gemessenen überdurchschnittlichen Ergebnisse dieser Schülergruppe zumindest relativiert werden. Schließlich gibt es eine dritte Auswirkung: Leistungsschwächere Schüler entstammen überdurchschnittlich oft den unteren Sozialschichten. Wenn nun die Leistungsfähigkeit der unteren Leistungsgruppe durch das ‚Ausscheren' eines besonders schwachen Teils dieser Gruppe überhöht dargestellt wird, so führt dies zwangsläufig zu einer Schönung der Testergebnisse der Kinder aus sozial schwachen Familien Bayerns.

Es geht nicht darum, die für die deutsche Schulentwicklung wohl bedeutsamste Untersuchung der letzten Jahrzehnte in Frage zu stellen. Es geht aber darum, da, wo Befunde nicht hinreichend gesichert sind, vorschnellen Interpretationen, Systembewertungen und schulpolitischen Schlussfolgerungen entgegen zu treten.

Klaus Klemm

Der Verfasser ist Bildungsforscher an der Universität Essen.

(Anfang September 2002)

 

 

 

PISA 2003: Kompetenzen von in Deutschland geborenen
Jugendlichen, deren Eltern aus der Türkei stammen, im Vergleich:
(vom Li Hamburg)

 

Anteil

Mathematik

Lesen

Problemlösen

Hamburg

6,4 %

Rang 2
(424 Punkte)

Rang 2
(410 Punkte)

Rang 3
(434 Punkte)

Bayern

3,3 %

Rang 9
(408 Punkte)

Rang 7
(393 Punkte)

Rang 4
(432 Punkte)

(Rangplätze und Mittelwerte)

Quelle: hlz, 06-07/06, Seite 22: „Bayern kann von Hamburg lernen: Förderung türkischstämmiger SchülerInnen“

 

Bayern 2008
Hamburgs Schulsenatorin Christa Goetsch berichtete auf einer Veranstaltung des Elternvereins Hamburg am 15.7.08 von konkreten Erfahrungen vor Ort, die sie auf einer Reise durch das südliche Bundesland gemacht habe. Die SchülerInnen dort seien gezwungen, weite Anfahrtswege in Kauf zu nehmen. Die Klassengrößen betragen nicht selten 35 Schüler/innen und mehr. Im Übrigen seien die eigentliche Vergleichgrößen für Hamburg Großstädte und nicht Flächenländer. München aber habe in etwa dieselben Probleme wie die Hansestadt.

 

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