PISA (Programme/Program for International Student Assessment)

Rudolf Lange, Schulsenator in Hamburg: "Die Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden bei PISA heißt doch nicht, dass unsere Schüler dümmer sind. Wir müssen das Schulsystem ändern." (Hamburger Abendblatt, 29.9.02, Seite 4)
Anmerkung: Diese Gegenüberstellung berücksichtigt nicht die geäußerte grundsätzliche Kritik an PISA: Ziele werden kaum benannt, Ergebnisse zeitigen keine Konsequenzen, Rankinglisten decken sich nicht mit konkreten Erfahrungen vor Ort in den Bildungssystemen in anderen Ländern, PISA, wird gesagt, vergleicht Unvergleichbares, eine kritische Hinterfragung PISAs (wissenschaftlich, journalistisch) steht immer noch aus und vieles andere mehr. Siehe PISA

Gegenüberstellung
Was fordert PISA und wie ist die schulpolitische Realität in Hamburg ?

PISA fordert/sagt
Schulpolitische Realität ist
Chancengleichheit ("gleichwertige Schulbildung" für alle)
Frühe Selektion,
"keine Gleichmacherei",
IR-Klassen werden abgeschafft (23.9.04),
Kürzung des Gesamtschulbereiches um 10,3%,
Abschulen schon nach Klasse 5 des Gymnasiums (Schulsenator Lange: "früher, effektiver und konsequenter")
Zwei-Säulen-Modell
frühe Einschulung, gute Ausstattung der Grundschulen und des vorschulischen Bereichs
Hamburgs Grundschulllehrerinnen arbeiten schon jetzt mehr als in jedem anderen Bundesland. Nach dem Arbeitszeitmodell der Hamburger Schulbehörde sind es in Zukunft bis zu sechs Stunden in der Woche mehr. Jetzt heißt es aber, die Berechnungen seien so vorzunehmen, dass niemand mehr als 30 Stunden unterrichtet. Für diese Lehrkräfte bedeutet das jeden Tag 6 Stunden Unterricht.. (Hamburger Abendblatt, 23.1.2003, Seite 12);
Ankündigung: 2 Stunden Sprachförderung durch Lehrkräfte in den Kitas (noch einmal Mehrarbeit?);
Ankündigung: Überprüfung der Lernstände bei Viereinhalbjährigen und gegebenfalls Rückstufung - dafür werden LehrerInnenstunden und Geld bereit gestellt;
Ankündigung: Grundschulen werden zu dezentralen Förderzentren ausgebaut. SonderpädagogInnen, die durch die Schließung von Grundschulförderklassen frei werden, erweitern die Kompetenz der Grundschulkollegien.
Absenkung der Grundschulfrequenzen auf 23/19
hohe Übergangsquote an die zum höchsten Abschluss führende Oberstufe
Kürzung des Gesamtschulbereiches um 10,3% (Gesamtschulen zeichnen sich beim Erreichen von höheren Abschlüssen durch die beste Förderungsleistung aus)
Orientierung an Bayern, das eine besonders niedrige Abiturientenquote hat
Investieren:
"Eine Erhöhung der Ausgaben je Schüler um 500 Dollar ist mit einem beträchtlichen Leistungszuwachs ... verbunden." (Deutsches PISA-Konsortium)
Ausgaben pro Grundschülerin (Finnland) laut OECD-Statistik: 5.075,-$
Rotstiftpolitik:
2002 Kürzung des Gesamtschulbereiches um 10,3%, Streichung von 3.882 Lehrerwochen-stunden bei allen Hamburger Gesamtschulen;
2003 im Rahmen des Arbeitszeitmodells Kürzung um weitere 3%
Ausgaben pro Grundschülerin (Deutschland): 3.531,-$
kostenlose Lernmittel
Politische Entscheidung im Mai 2003: Schulbücher bleiben kostenlos. Die Hamburger Regierungskoalition ist übereingekommen, dass es in §30 des Schulgesetzes eine "Öffnungs-Klausel" gibt, nach der der Staat Eltern an den Schulbuchkosten beteiligen kann.

Ankündigung: Das Büchergeld wird abgeschafft. (März 2010)
kostenloser Gesundheitsdienst
"Hamburg braucht neue Schulärzte": "Frei werdende Stellen werden nicht wieder besetzt und damit wichtige Vorsorgeuntersuchungen gefährdet:" (Gesundheitsexperte Jenspeter Rosenfeldt, SPD, Hamburger Abendblatt, 20.12.02, Seite 12)
langes gemeinsames Lernen (bis Klasse 9)
Festhalten an der Selektion ab Klasse vier, abgetrennte Mittelstufe ("Sek1");
schulpolitische Weichenstellung: Berufung einer Leiterin des Amtes für Schule, die ihren "Schwerpunkt (setzt in) die Stärkung des dreigliedrigen Schulsystems". (Peter Ulrich Meyer, Hamburger Abendblatt, 10.7.02, Seite 17)
Positiv: Integrationsklassen in den Klassen 1-10 werden im Hamburgischen Schulgesetz verankert.
DESI: Keine Leistungsüberlappungen in Englisch zwischen den SchülerInnen von Hauptschule und Gymnasium: Im gegliederten System gibt es keine Durchlässigkeit. (E&W, 4/2006, Seite 25)

18. Juli 2010: Volksentscheid in Hamburg gegen die Primarschule und damit gegen gemeinsames Lernen bis Klasse 6
Leistungsbewertung so lange wie möglich durch Berichte statt durch Zensuren (bis Klasse 8/9)
Einführung von Noten/Zensuren und Notenzeugnissen schon ab Klasse 3
Lernen in heterogenen Gruppen
Festhalten am gegliederten, selektierenden Schulsystem mit dem Ziel, homogene Gruppen zu bilden (Maßnahme dazu: frühes Überprüfen von SchülerInnen in Gymnasien ohne entsprechende Grundschulempfehlung und gegebenenfalls Abschulung)
abgesonderte "Hochbegabten"-Förderung
Geplant (Oktober 2003): 6 bis 10 Club-of-Rome-Schulen: SchülerInnen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft und mit unterschiedlichem Leistungsvermögen werden gemeinsam unterrichtet.
DESI: Leistungsheterogenität ist kein Risiko für die Leistungsentwicklung, der Hauptgrund für frühe Selektion entfällt. (E&W, 4/2006, Seite 25)

2010: Stadtteilschule und Gymnasium in Hamburg.
Lernen mit neuen Medien
Ankündigung "Jeder/m Schüler/in, jeder/m Referendar/in ein Laptop", Realität: keine Entlastung für MedienlehrerInnen. Die meisten Schulen haben inziwschen eine eigene Homepage, dafür gibt es Nachholbedarf z. B. bei White Charts, schulinternen Kommunikationsforen.
Projektunterricht (Lernfelder statt Fächer)
Betonung des Lernens in Fächern ("Kernfächer")
Schulgemeinde vor Ort
Aufhebung der Schulbezirksgrenzen ("Schultourismus"), Begünstigung der schulischen Stadtteilflucht; Verschärfung der Probleme durch soziale Entmischung
schulpolitische Entscheidungen vor Ort durch Gemeinde und Eltern (Schulgemeinde)
Entscheidungen werden auf höchster politischer Ebene getroffen, ohne Schulen, Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen einzubeziehen (nicht einmal die höchsten Vertretungsgremien, die Kammern)
Abschaffung des Mitbestimmungsrechtes der Eltern bei der Wahl der Zeugnisform
Geplant (Oktober 2003): 6 bis 10 Club-of-Rome-Schulen: Autonomie bei Personalentscheidungen und Sachmitteln, Rechenschaftspflicht über die Einhaltung der Ziele
Soziales Lernen
Betonung des Wissenlernens, Wissenskanon (Paukschule), kein Geld für Integrationsmaßnahmen
"Leistung (gemeint sind aber Egoismus, Rücksichtslosigkeit) muss sich wieder lohnen"
Spaß und Spiel inbegriffen
"Schule soll Spaß machen." (Bildungssenator Rudolf Lange, zuletzt auf dem Schulforum am 28.1.03)
Vorgabe des Schulgesetzes: "Schule muss anstrengen", "Lernen kann nicht immer Spaß machen", "Schule, die nicht weh tut, taugt nichts"
Spitzenergebnisse erreichen integrierte Gesamtschulsysteme mit Ganztagsunterricht
Festhalten am gegliederten Schulsystem, zwar drei neue Ganztagsschulen im Jahr 2002, darunter aber nur eine Gesamtschule; 2003 wird gar keine Gesamtschule in eine Ganztagsschule umgewandelt.

Schulreform in Hamburg 2010: Alle Stadteilschulen können Ganztagsschulen werden.

Ziel: Problemlösungskompetenz (selbständiges Lernen und Erarbeiten von Lösungswegen, Lehrer als Begleiter); kreatives, forschendes Denken; Phantasie

Ziel: reproduzierbares Wissen (Vergleichsarbeiten, Zentralabitur, Pensa lernen, Standards, angeleitetes Lernen), Denken in Schablonen

Kleine Klassen in den Stufen 1-9 (nicht mehr als 24 SchülerInnen)

Durch Kürzungspakete große Klassen (30 und mehr)
Rechnerisch (!) sind im Grundschulbereich die Klassen in Hamburg durchschnittlich mit 24 SchülerInnen größer als in allen anderen Bundesländern (Bund: 22,1). (Hamburger Abendblatt, 14.9.06, Seite 4)
Hamburger Schulforum, 9.5.06: "Auf die Frage einer Zuhörerin, ob nicht kleinere Klassenstärken die Probleme beheben könnten, sagte Schulsena-torin Alexandra Dinges-Dierig (CDU), es fehle der Beweis, dass das tatsächlich einen Erfolg bringe. Außerdem seien dafür die Kosten zu hoch." (Hamburger Abendblatt, 10.5.06, Seite 14)
DESI: In kleinen Klassen werde besser Englisch gelernt als in größeren. Die Behauptung von der Bedeutungslosigkeit der Klassengröße sei empirisch widerlegt. (E&W, 4/2006, Seite 25)
Schuljahr 2007/08: Die Basisfrequenz in den neuen 1. Klassen wurde auf 18 Kinder abgesenkt.
Ankündigung: Primarschule max. 25, Stadtteilschule max. 25, Gymnasium max. 28 Kinder (Hamburger Abendblatt, 17.9.08, Seite 15)
Ankündigung: Die Klassengrößen an den Primarschulen werden rechtlich verbindlich auf höchstens 23 Schüler gesenkt. In sozial benachteiligten Gebieten (KESS I und II) wird die Klassenfrequenz auf 19 Kinder gesenkt. (März 2010)

Schulpersonal in Finnland: eine Schulschwester (Gesundheit), eine Kuratorin (Soziales), eine Psychologin (individuelle Probleme), eine Speziallehrerin (Diagnostik), größere Zahl von Assistenten (Hilfskräfte) zur Entlastung der Klassen- und Fachlehrer/innen in Klassen ab 20 Schüler/innen, Küchenpersonal (für die tägliche Mahlzeit)

Bei drei neuen Ganztagsschulen pro Jahr wird auch Küchenpersonal eingestellt werden müssen.
Die Schulpsycholog/in pro Gesamtschule wurde abgeschafft. In mehreren Schüben wurden Lehrerstellen abgebaut, 2002 allein im Gesamtschulbereich 3882 Stellen.
Absehbarer LehrerInnenmangel (Warnruf der Universität Hamburg) und Unterrichtsausfall durch Personal-Unterdeckung.
Schuljahr 2007/08: Ganztagsschulen (November 2006: 35) der Kategorie KESS 1-3 erhalten pro Jahrgang eine/n Erzieher/in zusätzlich.

LehrerInnen genießen Respekt und stehen in hohem gesellschaftlichem Ansehen.

Beleidigen ist "Volkssport":
"Studienversager, Mittelmäßige, Unentschlossene, Ängstliche und Labile, elektronische Analphabe-ten, Doofe, Faule und Kranke" (Spiegel 46/2003);
"Paradiesvögel und Jammerlappen (mit dem) Gehalt eines Managers" (Leserbrief Hamburger Abendblatt, 15.8.03, Seite 12);
"Bei Lehrern handelt es sich um eine verzogene Berufsgruppe, die seit Jahren auf hohem Niveau jammert." (Wolfgang Drews, CDU, Vorsitzender der Schulausschusses der Hamburger Bürger-schaft, Hamburger Abendblatt, 7.5.03, Seite 12)

Ausnahmen zur Bestätigung der Regel:
"Ich muss zugeben - ich beneide heute keinen Lehrer an einer öffentlichen Schule. Aber ich habe hohen Respekt vor denen, die sich - fern dem teuren Luxus einer Eliteschule - dieser Aufgabe mit Engagement, Mut und Hingabe stellen." (Thomas Frankenfeld, Hamburger Abendblatt, 23.5.06, Seite 4)

 

 

 

 

 

Horst Köhler, Bundespräsident, meint:
"Was wir ... brauchen, gibt es nicht umsonst:

* das kann nur heißen: mehr Lehrerstellen
** das wäre zu erreichen durch Jahrgänge zusammenfassende Lerngruppen statt Klassen

 

Um sich dem Druck zu entziehen, dass das deutsche Bildungssystem angesichts der PISA-Ergebnisse dem der PISA-Gewinner angenähert werde muss, wird von Verteidigern der „gymnasialen Bildung“ behauptet, man könne ebenso gut die Fähigkeit, Finnisch zu sprechen, als Beleg für ein gutes Bildungssystem heranziehen. Dies zeugt davon, dass diese Kritiker offensichtlich unfähig sind, in Zusammenhängen zu denken, keine Vorstellung davon haben, was ein Konzept ist, und auch nicht in der Lage sind, wichtige Aspekte von unwichtigen zu unterscheiden.
Allerdings haben sie damit gleichzeitig, wenn auch unwillentlich, etwas Interessantes angesprochen: Bilingualität (=Zweisprachigkeit, in Finnland meist Finnisch und Schwedisch) wirkt - bei geeigneten Rahmenbedingungen - lernförderlich. Das haben mehrere (Gesamt-)Schulen in Hamburg erkannt und praktizieren es mit guten Ergebnissen.
Dass es daneben auch bilinguale SchülerInnen in Deutschland gibt, denen dies eher zur Last wird, ist dann allerdings auf eine mangelnde soziale und kulturelle Wertschätzung ihrer Umgebung zurückzuführen.

 

Zurück zur vorigen Seite