Initiative „Wir wollen lernen“ (WWL)
Die
Hamburger Elterninitiative WWL wurde im Mai 2008 gegründet. Sie richtet sich
gegen die Einführung des Hamburger Schulreform-Modells, bestehend aus einer sechsjährigen
Primarschule und einem sich daran
anschließenden Zwei-Säulen-Modell,
bestehend aus Stadtteilschule und Gymnasium,
die beide bis zum Abitur führen, die Stadtteilschule in 13, das Gymnasium in 12
Jahren.
Dabei liegt ihr Schwerpunkt in der Verhinderung der Primarschule und dem Erhalt
der Gymnasien ab Klasse 5, sie ist also im Kern gegen längeres gemeinsames Lernen.
Nach
einem erfolgreichen ersten Schritt im Volksgesetzgebungsverfahren, der
Volksinitiative, gelang es WWL im November 2009, auch den zweiten
Schritt, das Volksbegehren, erfolgreich abzuschließen.
Das Volksbegehren: Über das Zustandekommen dieser Unterschriftensammlung wurde
in der Presse äußerst kritisch berichtet: Es habe Honorarkräfte und bezahlte
Drückerkolonnen gegeben, und viele Unterschriften seien unter der Vorspiegelung
falscher Tatsachen („Sie sind doch auch für gute Bildung - dann unterschreiben
Sie doch!“) regelrecht erschlichen worden.
Damit es bei einem Volksentscheid nicht zu Gewinnern und Verlierern kommt und
um einen dauerhaften Schulfrieden zu erreichen, kommt es ab Januar 2010 zu
Gesprächen der Initiative mit dem Senat und den Fraktionschefs der ihn
tragenden Parteien.
Der ursprünglich angekündigte „Runde Tisch“ mit allen Betroffenen kommt nicht
zustande.
Parallel zu den Gesprächen hat WWL mit Planung und Vorbereitung des
Volksentscheids begonnen. Die Initiative gibt sich zuversichtlich, im Sommer
2010 auch diesen dritten Schritt erfolgreich zu absolvieren.
Während
die Initiative anfangs die bestehenden Verhältnisse unverändert beibehalten
wollte, zeigen die späteren Vorschläge, dass es ihr um eine „Entschleunigung“
des Umwandlungsprozesses, um Qualitätssicherung, Prozessbegleitung (Evaluation)
und um das Elternwahlrecht zu gehen scheint. In ihrer Schrift „Bildungskonsens
und Schulfrieden für Hamburg“ vom Januar 2010 („Die Vertreter der
Volksinitiative können nicht ... schulische Inhalte ... zum Gegenstand eines
... 'Kompromisses' machen“) bekennt sich die Initiative geradezu zu ihrer
Reform- und Kompromissunwilligkeit.
Die zentralen Punkte des Angebots von WWL an den Senat: 2010 und 2011 sollen
jeweils 25 Grundschulen auf freiwilliger Basis in Primarschulen umgewandelt und
die Entwicklung von Grund- und Primarschulen sechs Jahre lang wissenschaftlich
begleitet werden; die bewährten Langform-Gesamtschulen und Schulen in Langform
bleiben bestehen.
Zahlreich eingehende Stellungnahmen von Elternräten Hamburger Schulen machen
indes deutlich: Die meisten betroffenen Eltern in Hamburg sind für diese
Hamburger Schulreform, die sie als einen wichtigen ersten Schritt in Richtung
längeren gemeinsamen Lernens ansehen.
Die Hamburger Grundschulen machen in einer Stellungnahme klar, dass sie alle
(freiwillig) die Umwandlung in eine Primarschule anstreben.
Obwohl der Senat den Forderungen von WWL weitgehend entgegengekommen war,
bricht die Initiative die Gespräche nach der sechsten Verhandlungsrunde am
10.2.2010 ab (bzw. „setzt die Gespräche aus“). Gleichzeitig betonen beide
Seiten, sie seien weiterhin gesprächsbereit.
„Die Volksinitiative hat ein gesetzlich begrenztes Leben und löst sich am Abend des 18. Juli mit dem Volksentscheid auf. Es wird sicherlich Menschen geben, die sich in der Parteipolitik weiter engagieren. Ich persönlich habe dies nicht vor.“ (Walter Scheuerl in einem Interview in: Die Welt, 23.02.10, Welt online: „Die Menschen in dieser Stadt wollen keine verpflichtende Primarschule“)
WWL zum parteiübergreifenden Konsens der Bürgerschaft am 3.3.10: Die
Bürgerschaft wende sich damit „gegen die Mehrheit der Eltern“. (Walter Scheuerl
am 3.3.10 im Hamburgjournal)
Am 18.3.10 beantragt WWL den Volksentscheid, der am 18.7.2010 stattfindet.
Volksentscheid vom 18.7.2010:
492.057 der 1,3 Mio. wahlberechtigten Hamburger/innen geben ihre Stimme ab. Das
entspricht einer Wahlbeteiligung von 39,31%. 276.304 (56,15% der abgegebenen
Stimmen, 22,07% aller Wahlberechtigten) geben ihre Stimme für die Initiative „Wir
wollen lernen“ ab. Das erforderliche Quorum wird deutlich überschritten. Für
die Primarschule stimmen 218.065 (44,32%, 17,42%). Laut Volksgesetzgebung ist
die Einführung der Primarschule damit abgelehnt. Ein Fünftel der Wähler majorisieren
den Rest der Bevölkerung. Hamburger Eltern ohne deutschen Pass können an der
Wahl nicht teilnehmen. Die Wahlbeteiligung in sozial privilegierten Stadtteilen
ist besonders hoch (bis zu 60%), in sozial schwachen und in Gebieten mit hohem
Migrantenanteil dagegen besonders niedrig. (Hamburger Abendblatt, 19.7.10,
Seite 7)
Die meisten Stimmen erreichte WWL in Wandsbek, Bergedorf und Harburg, dort, wo die CDU bei der Bürgerschaftswahl die höchsten Prozentsätze erreichte. In den GAL-Hochburgen schnitt sie dagegen am schlechtesten ab. 13,1% der Wähler gaben ihre Stimme in einem Wahllokal ab. Von dieser Minderheit der Wähler ist bekannt, dass viele von ihnen auch dann den Reformgegnern ihre Stimme gaben, wenn sie aus einkommensschwachen Gebieten der Hansestadt kamen. Gerade die Kinder dieser Wähler hätten aber vom längeren gemeinsamen Lernen profitiert, sie hätten somit ja eigentlich gegen ihre eigenen Interessen votiert. Über ihre Beweggründe ist nichts bekannt: Reformmüdigkeit, Protest gegen „die da oben“, Festhalten am Bildungsangebot der Gesamtschulen ab Klasse 5? Immerhin über 60% haben gar nicht abgestimmt, weil weder Befürworter noch Gegner der Reform sie erreicht haben. (Hamburger Abendblatt, 30.7.10, Seite 8)
Wie geht es weiter? Die Schulreform kommt, die Primarschule nicht. Längeres gemeinsames
Lernen findet in den Gesamtschulen und in den neuen Stadtteilschulen statt, außerdem
in den 23 Starterschulen, die als sechsjährige Grundschulen arbeiten.
Die konservative Gym-Initiative WWL will bei den nächsten Bürgerschaftswahlen als „sozialliberale Wählergemeinschaft“ mit dem Ein-Punkt-Programm Schulpolitik antreten (single-isssue party). Ziel sei Schulfrieden (für wen?). (Hamburger Abendblatt, 20.8.10, Seite 11)
Nach eigenem Bekunden ist WWL für
Homepages der Initiative:
www.wir-wollen-lernen.de
www.schulreform-check.de
WWL-Schrift „Bildungskonsens und Schulfrieden für Hamburg“
Dazu ein paar Anmerkungen
Merkwürdig uninformiert zeigt sich WWL in Bezug auf die
Möglichkeiten und Grenzen empirischer Sozialforschung. In ihrem Angebot
an den Senat (siehe oben) schlägt WWL vor, beide Systeme (Grundschule bis
Klasse 4 und Primarschule bis Klasse 6) parallel laufen und beider Leistungsfähigkeit
extern evaluieren zu klassen. So sollen „systembedingte Unterschiede“ (Walter
Scheuerl) festgestellt werden. „Die Verfahren, Lernstände zu ermitteln“, so der
Sprecher der Initiative weiter, seien „standardisiert und eindeutig“ (Hamburger
Abendblatt, 9.2.10, Seite 14). Damit das funktioniert, müsste von Staats
wegen bestimmt werden, auf welche Schule jedes Kind zu gehen hat, damit es vergleichbare
Gruppen (mit einer vergleichbaren Durchmischung) gibt. Wenn dies aber,
wovon auszugehen ist, weiterhin den Eltern überlassen bleibt, kommt es
unweigerlich zu Ungleichgewichten („Disparitäten“), weil viele Eltern aus so
genannten bildungsnäheren Milieus ihre Kinder wie bisher bereits nach
Klasse 4 auf eine weiterführende Schule schicken, weil sie sich davon
einen Leistungsvorsprung erhoffen. Unausgesprochen geht es vielen dieser Eltern
aber auch darum, ihre Kinder nur mit Kindern aus dem gleichen („gehobenen“)
sozialen Milieu lernen zu lassen.
Da es unter diesen Kindern tatsächlich viele leistungsstarke, weil gut
geförderte, gibt, bedeutet das für den Systemvergleich, es werden Äpfel mit
Birnen verglichen. Das absehbare Ergebnis der Evaluation kann daher schon jetzt
(im Februar 2010) formuliert werden: Der Lernstandsvergleich im Herbst
2013 weist nach, dass die Schüler/innen, die die Grundschule nach Klasse 4
verlassen haben, größere Leistungsfortschritte gemacht haben als die in der
Primarschule verbliebenen. Das hat aber nichts mit einer unterschiedlichen
Leistungsfähigkeit der Systeme zu tun, sondern mit der „Versuchsanordnung“.
Im Übrigen hat ein echter Systemvergleich bereits stattgefunden: Erfolgreiche
PISA-Länder sind solche mit Ganztagsschulen und einem Gesamtschulsystem (siehe
oben).
Nach Abschluss dieses Verfahrens (spätestens im Juli/August 2010) kann gemäß den Vorschriften der Volksgesetzgebung eine neue Volksinitiative in gleicher Sache erst nach einer Sperrfrist von zwei Jahren gestartet werden.
Zitate
„Den Primat des
Parlaments haben wir mit dem Volksbegehren ausgehebelt.“ (Initiativensprecher
und Rechtsanwalt Walter Scheuerl, Hamburger Abendblatt, 28.01.10,
Seite 15)
Mathematik: „Offensichtlich trauen selbst an diesen reformbegeisterten Schulen die
meisten Eltern der Primarschule ... nicht.“ (Walter Scheuerl) 81% der
Eltern an den so genannten Starterschulen wollen, dass ihr Kind in die neue
5. Primarschulklasse geht. (Hamburger Abendblatt, 10.02.10, Seite 14)
„Unterschicht grüßt Oberschicht - eure Schule woll'n wir nicht.“ (Gegen-Plakat
auf einer Demo von „Wir wollen lernen“)
Bericht über WWL in „Panorama“:
„In Hamburg tobt derzeit ein Kampf. Es ist der Kampf einer Gruppe aus dem
Bürgertum. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen und vor allem mit viel Macht und
Geld gegen die Ablösung des bestehenden dreigliedrigen Schulsystems. Ein
Schulsystem, das sich nach Meinung vieler führender Wissenschaftler selbst
überholt hat.
Das Hamburger Aktionsbündnis "Wir wollen lernen" sieht das anders.
Die vor allem von gut situierten Eltern getragenen Gruppe führt einen
Glaubenskampf für das Gymnasium und gegen längeres, gemeinsames Lernen. Ihnen
ist Elitenförderung offenbar wichtiger als ein breites Bildungsangebot für alle
Kinder: "Weil wir dafür sind, dass die Kinder früher separiert werden, für
ein leistungsorientiertes Schulsystem", sagt eine Reformgegnerin. Wer
später ein Handwerk lerne, brauche schließlich kein Abitur: "Wir haben ja
systematisch in den achtziger Jahren ein akademisches Proletariat
herangezüchtet, dass für die wissenschaftliche Laufbahn und auch eine gehobene
Laufbahn gar nicht fähig ist".
Panorama über Eltern, die mit Geld und Beziehungen Klassenkampf offenbar von
oben nach unten betreiben.“ (Panorama vom 18. Februar 2010, „Kampf um
Schulreform: Eliten wollen unter sich bleiben“)
Internet: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2010/panoramaschulreform100.html
Wenn es nach ProSieben geht, heißt diese Initiative in bezeichnender
Selbstüberschätzung eigentlich „Wir sind Schule“. Wer braucht da noch
Lehrer und Lehrerinnen? Wir haben doch eine Initiative. (ProSieben, 18.7.10,
18 Uhr)
Reportage | 05.03.2010 06:38 Uhr
Lehrer sind sauer auf Hamburger Bürgerinitiative
www.ndrinfo.de/programm/sendungen/reportagen/wirwollenlernen100.html
Hintergrund: GEW Hamburg (hlz 3-4/09, Seite 23-25)
www.gew-hamburg.de/hlz/030409/pdf/hintergr.pdf
Siehe auch unter den Stichwörtern
Elite
Gesamtschule
Hamburger Schulreform
Lernen
„Wir wollen
lernen!“ oder „Büffeln, bis der Arzt kommt“: „Macht Auslesedruck in Schulen
krank? …“
Siehe dazu Burnout