„13 Schuljahre“ oder „Verkürzung der Schulzeit“ oder „Turboabitur“
„Verwundert fragt ein Referent der Clinton-Administration uns Fachleiter, wieso Kanzler Kohl das 13. Schuljahr streichen wolle. Sei wirklich beabsichtigt, den hohen deutschen Standard auf das US-Niveau zu drücken?“ schreibt der Gymnasiallehrer Hannes Neeken, „Krasse Ungleichheit der Chancen“, in: Hamburg macht Schule, 4/93, Seite 20-21.
„Die integrierten Gesamtschulen führen ... weiter erst nach 9 Jahren Sek. I und Sek. II zum Abitur. Diese Entscheidung musste so gefällt werden, weil in einem integrierten Bildungsgang, der die Schülerinnen und Schüler nicht nach Schulformen aufteilt, alle Schülerinnen und Schüler, also auch diejenigen, die einmal einen Haupt- und Realschulabschluss erhalten werden, nach der quantitativ erweiterten Stundentafel des 8-järhigen Gymnasiums hätten unterrichtet werden müssen. Das aber war nicht finanzierbar ( .2/3 eines Jahrgangs hätten Unterricht im Umfang von ca. 3/4 Schuljahr mehr erhalten als HR-Schüler). Die integrierten Gesamtschulen fallen also hier nicht deshalb ‚aus dem Rahmen‘, weil ihren potentiellen Gymnasialschülern nicht ebenfalls eine Verkürzung der Schulzeit zugemutet werden sollte ... Die Alternative eines Bildungsganges, der nach 13 Jahren zum Abitur führt, findet aber auch Fürsprecher in der ‚Gymnasialelternschaft‘, die dann Gesamtschulen ... wählen.“ (BBS Schulaufsicht B 33, „Übersicht über Schulformen ...“, 20.04.04, Seite 4)
Rudolf Lange, FDP, ehemaliger (damals noch zukünftiger) Hamburger Schulsenator, „tritt für eine Einschulung mit möglichst fünf Jahren und für ein Abitur nach generell zwölf Schuljahren ein.“ (Hamburger Abendblatt, „Ein verurteilter Schill wäre untragbar“, 27.9.2001, Seite 12)
TIMSS/III („Third International Mathematics and Science Studies“, dritter Teil der Leistungsvergleichsuntersuchung): „Bei einem Vergleich normierter Jahrgangsanteile zwischen Deutschland und Schweden wird deutlich, dass Schüler des schwedischen Gesamtschulsystems im Fach Mathematik - bemerkenswerterweise bei eher geringerem Wochenstundenaufkommen - höhere Leistungsstandards erreichen. Dabei nehmen die Unterschiede in der Leistungsspitze zu.“ (S. 145) „Schweden und Norwegen sind gute Beispiele dafür, dass man in einem Gesamtschulsystem mit differenzierter Oberstufe, in dem für inhaltliche Konsistenz von Programmen und Kontinuität des Lernens gesorgt wird, Spitzenleistungen erreichen kann, die weit über dem Niveau gymnasialer Leistungskurse liegen.“ (S. 167). (Jürgen Baumert, Wilfried Bos und Rainer Lehmann: TIMSS / III. Dritte internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie. Mathematische und naturwissenschaftliche Bildung am Ende der Schullaufbahn. Opladen: Leske + Budrich 2000)
„Die Studie kann nachweisen, dass eine hohe Bildungsbeteiligung in der gymnasialen Oberstufe keineswegs zu einer ‚Leistungsnivellierung‘ führt ... In diesem Zusammenhang wird auf Schweden und Norwegen verwiesen. Dort wechseln 70 beziehungsweise über 80 Prozent eines Jahrgangs zur gymnasialen Oberstufe. Beide Länder haben als ‚Unterbau‘ Gesamtschulsysteme und erzielen im Gegensatz zu Deutschland Spitzenergebnisse. ... TIMSS/III liefert hervorragende Grundlagen, um gegen diese Irrtümer deutscher Selektivitätsideologie [„Schnellläuferklassen“, „Turbo-Gymnasien“] vorzugehen. Das deutsche Schulsystem produziert deshalb zuwenig wissenschaftliche, technische, kulturelle und politische Eliten, weil es sie nicht aus der Fülle wachsen lässt, sondern sich die Unvernunft leistet, bereits für zehnjährige Kinder die Prognose abzugeben, ob sie sich zur ‚Elite‘ eignen oder nicht. Dass unser hierarchisch gegliedertes Schulsystem nicht ‚begabungsgerecht‘ fördert, das belegen die vielen Jugendlichen ohne Schulabschluss zudem eindringlich.“ (Marianne Demmer, GEW, in Erziehung und Wissenschaft 2/2001, Seite 17)
Aus der gemeinsamen Erklärung der Eltern-, LehrerInnen- und SchülerInnenkammer nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg 2001: ... den hohen Anteil (hoch? Vergleiche Zahlen oben.) an Abiturienten, rund ein Drittel eines Jahrgangs, erhalten; eine generelle Verkürzung der Zeit bis zum Abitur auf 12 Jahre wird deshalb abgelehnt. (Alexander Heinz, NDR Hamburgwelle 90,3, 2.10.2001)
„Die dafür erforderliche Verdichtung der Lerninhalte und die Einführung des Zentralabiturs [durch den Rechtsblock] gefährden Hamburgs Spitzenplatz in der Abiturientenquote.“ (Anna Ammonn, GEW Hamburg, Hamburger Abendblatt 11.10.2001, Seite 19)
Alexander Heinz beschreibt die Konsequenzen der Schulzeitverkürzung am Beispiel des Saarlandes: „Durch die Einführung des Abiturs nach 12 Jahren spart das Saarland keine Lehrer. Die Zahl der Unterrichtsstunden ist die gleiche, die vorher in 13 Jahren erteilt wurde. Um die Zeit bis zum Abitur um ein Jahr zu kürzen, wird an den Gymnasien des Saarlands durchweg mehr Unterricht erteilt. So gehen Hamburger Siebtklässler an Gymnasien 30 Stunden in der Woche zur Schule, im Saarland jetzt 32. In den Klassen neun und zehn steigt die Stundenzahl dann auf 34 Stunden: Was bedeutet, dass der Unterricht an bis zu vier Tagen bis in den Nachmittag hinein dauert. Um dieses aufzufangen hat die CDU-Regierung des Saarlandes zugesagt, dass alle Gymnasien künftig ein warmes Mittagessen für die Schülerinnen und Schüler anbieten sollen. Auch der Übergang von der Realschule oder von der Gesamtschule ist nach Ansicht der dortigen Regierung gewährleistet: Nach der zehnten Klasse besuchen die Schüler die zehnte Klasse des verkürzten Gymnasiums, danach die Oberstufe in den Klassen elf und zwölf. Damit ist die Gesamtschule im Saarland die Schulform, die ein Abitur wie gehabt nach 13 Jahren anbietet. (...) Fest steht, dass der Zeitplan des künftigen Hamburger Regierungsbündnisses sehr knapp ist: Wenn schon die nächsten fünften Klassen das Abitur nach nur 12 Jahren machen sollen, bleiben für die Vorbereitungen weniger als ein Jahr.“ (Alexander Heinz, NDR Hamburgwelle 90,3, 15.10.2001)
Pauk-Grundschulen: SchulleiterInnen an Gymnasien haben davor gewarnt, das Abitur nach 12 Jahren in Hamburg vorschnell einzuführen. Während einer Konferenz in Hamburg forderten sie ein Gesamtkonzept, das auch die Grundschulen berücksichtigt. Die Konferenzvorsitzende Barbara Loos: „Die Grundschule muss sich natürlich dem auch anpassen. Wir haben gesagt, Lernzeit beginnt mit Klasse 1. Das bedeutet, dass auch in der Grundschule leistungsorientierter gelernt werden muss.“ (Alexander Heinz, NDR Hamburgwelle 90,3, 9.11.01).
Siehe auch unter
Abitur - Zentralabitur