Chancengleichheit versus Chancengerechtigkeit

(auch - sinngemäß - Bildungsgleichheit, Bildungsgerechtigkeit)

 

Im umgangssprachlichen Gebrauch machen wir keine oder kaum Unterschiede zwischen diesen Begriffen – schon gar nicht werden sie jeweils als Gegensatzpaar angesehen. Natürlich möchten wir, dass es bei den Chancen und in der Bildung gerecht zugeht, und Gleichheit ist eine der drei emanzipatorischen bürgerlichen Grundwerte (liberté, egalité, fraternité).

Im bildungspolitischen Diskurs werden die Begriffe jedoch deutlich unterschiedlich verwandt, bewertet und definiert:

 

Chancengerechtigkeit sehen die, die ihn so verwenden, als bereits hergestellt. Die bestehende Schule und das bestehende Schulsystem sind im Leibniz’schen Sinne die besten aller möglichen und denkbaren. Gute, mittelmäßige und schlechte Schüler verteilen sich mengenmäßig nach der Gauß’schen Normalverteilungskurve (http://de.wikipedia.org/wiki/Normalverteilung ). Die Leistungen der Schüler/innen werden mit Noten gerecht beurteilt, Leistung verlangt Anstrengung, und deshalb braucht weder Schüler/innen noch Lehrer/innen Schule Spaß zu machen. Fördern ist eigentlich sinnlos, denn die schlechten Schüler/innen stehen zu recht so schlecht da. Folglich werden sie auch völlig zu Recht aussortiert/selektiert (sie bleiben sitzen, oder sie müssen die Schule verlassen: „Du bist hier fehl am Platz.“). Chancengleichheit wird als Gleichmacherei gesehen, die Menschen seien eben verschieden, und das müsse die Schule auch abbilden.

Bundesländer: PISA-Ergebnisse scheinen dem recht zu geben, denn das deutsche PISA- Spitzenland Bayern liegt vorn, weil es die leistungsschwächeren Schüler/innen rechtzeitig aussortiert, die Bildungsbeteiligung niedrig und dadurch den Leistungsdurchschnitt hoch halt, währen die Stadtstaaten Bremen und Hamburg eine hohe Bildungsbeteiligung haben und deshalb bei PISA hinten liegen.

 

Chancengleichheit wird von denen, die ihn so verwenden, als ein anzustrebendes Ziel gesehen. Der Weg (der Prozess) dahin sei das Ziel. Um Benachteiligungen (soziale Herkunft, Legasthenie, Hyperaktivität usw.) auszugleichen, müsse eingegriffen werden, um Gerechtigkeit erst einmal ansatzweise herzustellen. Mit Gleichmacherei habe dies nichts zu tun, vielmehr müsse jede/r Schüler/in gemäß seinen/ihren Begabungen individuell gefördert und gefordert werden. Statt Noten/Zensuren seien Bewertungssysteme zu gestalten, die die individuellen Fortschritte widerspiegeln. So entstehen Leistungsprofile, die eher geeignet seien, den/die Lernende/n im Bestreben nach Verbesserung seiner/ihrer Leistungen zu er- statt zu entmutigen.

Schüler/innen und Lehrer/innen gehen gern und mit Freude zur Schule, Schule macht nicht krank. Anstrengung wird nicht als Belastung angesehen, sondern macht Spaß. Niemand wird zurückgelassen, sondern alle lernen möglichst lange gemeinsam und lernen voneinander. Dass und wie das geht, das praktizieren seit langem Reformschulen bundesweit und auch in Hamburg, und sie haben dafür Konzepte vorgelegt. Diese Grundsätze werden übrigens auch im PISA-Spitzenland Finnland verwirklicht.

Bundesländer: Flächenländer und Stadtstaaten haben eine unterschiedliche soziale Zusammensetzung und lassen sich schon deshalb nicht miteinander vergleichen. Flächenländer verweigern den Vergleich der Staatstaaten mit ihren Großstädten. Einen hohen statistischen Mittelwert auf Kosten der Schüler/innen zu erreichen, kann nicht Sinn von Bildungspolitik sein. Bayern übernimmt ausgebildete Akademiker aus anderen Ländern, weil es dem Land selbst nicht gelingt, ausreichend Akademiker hervorzubringen.

 

 

In concreto:

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des KörberForums in Hamburg fand am 15. Januar 2008 das Streitgespräch »Bildungs-Positionen: Aufstieg durch Bildung?« statt. Dort wurden die oben dargestellten Standpunkte von den Diskutanten vertreten, und zwar

Bildungsgerechtigkeit:
(alles soll so bleiben, wie es ist)
Der Erziehungshistoriker Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth von der HU Berlin warnt davor, Bildung für alle zum absoluten Maßstab der Bildungspolitik zu machen. »Bildung ist eine Leistung des Einzelnen, Schule kann stützen, nicht garantieren«, so sein Credo und er spitzt zu: »Schule ist ein System der Erzeugung von Differenz und nicht von Gleichheit«. Zwar sollte die Bildungsbeteiligung und die Wertschätzung von Bildung durchaus erhöht werden, aber das Abitur sei »kein Menschenrecht«, es müsse Orientierungscharakter behalten und dürfe nicht entwertet werden. »Bildungsgerechtigkeit kann nicht heißen, dass alle auf dem gleichen Level ins Ziel kommen und Leistungsdifferenzierung als Ungerechtigkeit angesehen wird.«

Bildungsgleichheit:
(bessere, gerechtere Zustände müssen erst hergestellt werden)
Die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der GEW, Marianne Demmer, plädiert für eine »höchstmögliche Bildung für alle«. Sie betont die Notwendigkeit einer Loslösung des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Bildungserfolg.
Fördern, nicht Auslesen sollte das bestimmende Prinzip des deutschen Bildungssystems werden, andernfalls werde eine Spirale des Verteilens und Abstufens in Gang gesetzt. Ein einheitliches Schulsystem, verbunden mit individueller Förderung, Zeit und Personal für alle Schüler sind ihre Forderungen für ein erfolgreiches Bildungskonzept, das sowohl Stärken als auch Schwächen der Schüler in den Blick nimmt.

Bildungsgleichheit, Gesellschaft und Gesundheit:
Mit der Bildungsoffensive der 1970er Jahre änderte sich einiges: Während vorher etwa 4% eines Jahrganges Abitur machten und weniger als 2% dann ein Studium abschlossen, veränderte sich die Gesellschaft durch die Öffnung des Bildungssystems, nicht zuletzt forciert die durch „60iger“, nachhaltig und unumkehrbar. Einige der Bildungsaufsteiger dieser Entwicklung versuchen nun (2009), ihre durch Bildung erlangten Privilegien durch die Verteidigung eines immer noch ungerechten Bildungssystems zu sichern. Die heutige Wissens- und Informationsgesellschaft benötigt heute über 40% AkademikerInnen. Egalitäre Anpassungen des Bildungssystems bleiben deshalb unausweichlich. (hlz 5/09, Seite 3)
Nicht durch Gleichheit, aber durch ein Mehr an Gleichheit bei Einkommen und Bildung steigen Gesundheit und Wohlbefinden: So sind die Mitglieder in der Oberschicht in den skandinavischen Ländern, Kanada und Japan weit weniger krank und weit weniger beim Psychiater als in den USA, England und jetzt auch in der Bundesrepublik.
Näheres unter www.equalitytrust.org.uk (hlz 5/09, Seite 6)

 

 

 

Artikel

Annett Mängel: „Insel der Privilegierten (Bürgertum verteidigt machtvoll das Gymnasium)“, Erziehung und Wissenschaft 1/2010, Seite 14: „Beständig hält sich in Deutschland auch der Glaube, nur die frühe Sortierung in (vermeintlich) begabte und unbegabte Kinder würden beiden gerecht. … [Eine Fehleinschätzung, denn:] Die Aufteilung in unterschiedliche Sekundarschulen ist alles andere als nur von der Leistung junger Menschen abhängig. … (einige Fakten:) Die besten Hauptschüler beispielsweise sind besser als der Durchschnitt der Gymnasiasten. Fast ein Drittel der Schulempfehlungen nach der Grundschulzeit sind falsch. Bei gleichen Leistungen in der Grundschule ist zudem die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus finanziell schwachen Elternhäusern dreimal geringer, aufs Gymnasium zu kommen, als für den Nachwuchs aus begüterten Familien. Je mehr das Gymnasium in der Kritik gerät, desto vehementer wird es von jenen verteidigt, die davon profitieren, dass es ungerecht verteilte Bildungschancen perpetuiert [= fortbestehen lässt, verewigt]. (…)
Eine derart selektierte Schülerschaft macht es dann einfach, dem Gymnasium Erfolge zu bescheinigen, die beim genaueren Hinsehen keine sind: So verweist die Hamburger Elterninitiative der Elbvororte zum Beleg des hervorragend funktionierenden gegliederten Schulsystems darauf, dass die Gymnasien der Hansestadt beim letzten PISA-Vergleich 2006 mit 570 Punkten sogar über dem finnischen Mittelwert (544) und über dem OECD-Durchschnitt (500) gelandet seien. Ja, welch ein Erfolg bei einer solch auserlesenen Schülerschaft!
Volkswirtschaftlich absurd, schreiend ungerecht mit miserablen Ergebnissen im internationalen Vergleich – das ist das Resultat des gegliederten deutschen Schulsystems, dessen Phalanx [= geschlossene Front; Schlachtreihe in antiken Griechenland] das Gymnasium zu sein vorgibt. ... (doch das Gymnasium) als Ort der Selbstreproduktion der Elite auf Kosten der ganzen Gesellschaft ist kein zukunftsfähiges Produkt … Es führt kein Weg an einem längeren gemeinsamen Lernen in einer Schule für alle Kinder vorbei.“

 

 

 

Studie der Bertelsmannstiftung (11.03.2012)

„Chancengerechtigkeit: Nachholbedarf in allen Bundesländern ‚Chancenspiegel’ leistet erstmals umfassende Bestandsaufnahme: Wie gerecht und leistungsstark sind unsere Schulsysteme? Ergebnis: Chancengerechtigkeit und Leistungsstärke sind vereinbar, aber kein Bundesland ist überall spitze“

www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_111777.htm

Chancenprofil für Hamburg: www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_35725_35726_2.pdf

Es besteht hier die Gefahr, dass Chancengerechtigkeit zu stark über die Zugangsberechtigung zum Gymnasium und über Durchlässigkeit zwischen Schulformen definiert wird. Es sei daran erinnert, dass in Hamburg alle Kinder alle Abschlüsse an der Stadtteilschule erlangen können. Die Hamburger Bemühungen um Inklusion scheinen ebenfalls noch nicht in die Studie eingegangen zu sein.

 

 

 

Studien

-         Johannes Uhlig, Heike Solga, Jürgen Schupp: Ungleiche Bildungschancen: Welche Rolle spielen Underachievement und Persönlichkeitsstruktur? Wissenschaftszentrum Berlin April 2009

-         Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: Akzeptanz der Marktwirtschaft: Einkommensverteilung, Chancengleichheit und die Rolle des Staates, Berlin 2009

 

Siehe auch die Links
www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/114329.html
www.gemeinsame-schule.at/wir/Grundsatzpapier.pdf
Ein Pakt für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit
www.nokija.de/2008/05/05/ein-pakt-fur-chancen-und-bildungsgerechtigkeit/
„Wir müssen die Selektion unter den Zehnjährigen überwinden“, Spiegel 10.10.08,
www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,582794,00.html
„Die Individualität des Kindes: Herausforderung oder Störfaktor?“, Vortrag von Remo H. Largo
www.adz-netzwerk.de/files/docs/largo_individ_okt08.pdf
Bildungspaket und „Allianz für Bildung“ – mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder?
http://blog.bildungsserver.de/?p=1214
Acht Forderungen des Grundschulverbandes
www.grundschulverband.de/fileadmin/GSa_8-Forderungen_Web_90907.pdf

 

Siehe auch die Stichwörter
Eine Schule für alle
Elite
Gesamtschule
Inklusion
Reformschule
Stadtteilschule

 

 

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