Elite

Elite = franz. élite Auslese der Besten < altfranz. eslite gewählt < eslire wählen, auslesen < lat eligere erwählen, herauslesen, auserwählen < e- er- + legere auswählen, sammeln
lat. seligo, absondern, auswählen, auslesen, selectio, Auswahl, Selektion < se- fort + legere
lat. deligo auslesen, pflücken, aussondern, delectus Auswahl, Plural delecti Auserlesene, Elite < de- weg + legere
Elite hat von der Wortbedeutung also immer etwas mit sich abgrenzen, absondern, andere ausgrenzen, herabwürdigen zu tun

Eliteschulen, Elitegymnasien, Elitegesamtschulen, Eliteuniversitäten, Elitehochschulen: das bedeutet: Schulgeld, Studiengebühren, gute Bildung nur für Reiche, Stipendien (als Almosen, Wohltätigkeit für „Bedürftige“, für ein paar glückliche, ausgewählte kluge Kinder armer Eltern), Creaming („Abschöpfen“) zuungunsten der „Rest“-Schulen, „Rest“-Universitäten.

2006: Drei „Eliteuniversitäten“ werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und vom Wissenschaftsrat (WR) nach „lächerlich einseitigen, abenteuerlichen Kriterien“ ausgewählt (Hans Dietmar Barbier, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, auf Phoenix, 15.10.06) inklusive Mauscheleien, Manipulation und Vorurteile der handelnden Personen. Und der Hamburger Wissenschaftssenator wundert sich noch, dass „vereinbarte Verfahren nicht eingehalten“ worden seien.

Elite: sozio-politisch schillernder und weit gefächerter Begriff –, Führerprinzip, Herrenrasse im Faschismus, Sozialdarwinismus („Struggle for life“, „Survival of the fittest“*, Selektionstheorie, Ausleseprinzip), Funktionseliten in einer mehr oder weniger „formierten“ Gesellschaft (von Aristokratie bis Plutokratie), Bildungseliten durch soziale und Einkommens-Schichtung (Bildungsbürgertum) in Industrie-, Dienstleistungs-, Informations- und Kommunikationsgesellschaft, Avantgarde des Proletariats, Kader der revolutionären Partei, die „Eingeweihten“ in Religionen (z.B. die Mönche im Buddhismus), Elitekompanien beim Militär (röm. Prätorianer, türk. Janitscharen, russ. Strelitzen, vatikan. Schweizer Garde, US-amerik. „green berets“, „army rangers“, „navy seals“, „delta force“, „marines“ alias „leathernecks“, schon mit der Kritik, sie würden „den Durchschnittswert der übrigen Truppenabteilungen beeinträchtigen“, Brockhaus Conversations-Lexikon von 1883, s.v. Elite).
Dabei erfordern Auswählen und Auslesen Kriterien. Ist eine Leistung erzielt worden durch bestmögliche Förderung (d.h. ist eine Steigerung noch möglich)? Haben alle, die damit verglichen werden, eine entsprechende Förderung erfahren? Wird die Leistungsfähigkeit wirklich erfasst? (Mythos Vergleichbarkeit, die real nicht hergestellt werden kann.)
Schließlich: Es steht fest – bestätigt durch Untersuchungen -, dass sich Leistung am besten in heterogenen Gruppen entfaltet (optimale Situation gegenseitigen Förderns und Forderns).
* „Survival of the fittest“ bedeutet allerdings nicht Überleben des Stärksten oder des Besten oder des Leistungsfähigsten, sondern Überleben des am besten an die Bedingungen Angepassten.

„Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren“ heißt ein Buch von Prof. Dr. Joachim Bauer (2007);
seine Kerntthese: Der Mensch ist nicht primär auf Egoismus und Konkurrenz (darwinistisch) eingestellt, sondern auf Kooperation und Resonanz (am Gemeinwohl orientiert).

 

 

Meldung

Bimbes-Selektion: Tony Blair, Premierminister, wird kein Oxford-Ehrendoktor: Er hatte kritisiert, dass in Oxford nur Kinder aus elitären Elternhäusern Zugang bekämen. (Hamburger Abendblatt, 24./25.6.00, Seite 4)

Bundespräsident

... kritisiert "Eliten", sie zeichneten sich aus durch "Egoismus, Gier und Anspruchsmentalität", es seien die, die alle Maßstäbe verloren hätten (Bundespräsident Johannnes Rau am 12.5.2004 in Berlin)

Zeitungsartikel

(Elite, um ein Gefühl von Bedrohung/Angst zu bekämpfen, um Reformen in Gang zu setzen, um sich auf sich selbst zu besinnen)
Brauchen wir Elite-Hochschulen?

Braucht Deutschland neue Elite-Hochschulen? Der Anstoß zu dieser Diskussion kam "richtig, wenn auch erstaunlich spät", meint Dr. Michael Göring, Vorstand der "Zeit"-Stiftung. Für ihn ergeben sich drei Konsequenzen:
1. Die Bundesländer lösen das Gebot des Föderalismus ein, auf das sie sich stets berufen, wenn der Bund sich wieder einmal "einmischt", und entfachen den Wettbewerb um die besten Bildungsstätten. Warum soll nicht ein rohstoff- und industriearmes Bundesland sein Heil in zwei oder drei erstklassigen Universitäten suchen?
2. Die Universitäten erhalten ein Höchstmaß an Autonomie. Der Hochschullehrer als Beamter gehört der Vergangenheit an. Die Hochschule entscheidet, welche Forschungsschwerpunkte sie setzt, welche Gehälter sie zahlt, welche Bedingungen sie an die Professoren stellt, mit welchen Anreizen sie die besten Wissenschaftler von ausländischen Forschungsstellen abwirbt, nach welchen Auswahlverfahren sie Studierende aufnimmt, wie hoch die Studiengebühren sind. Die Leitung der Hochschule ist einem Hochschulrat verantwortlich, der zur Hälfte aus Persönlichkeiten außerhalb des Hochschulbetriebs besteht. Die Hochschule ist ein freies Unternehmen. Das Landesministerium ist im Sinne des Verbraucherschutzes dafür zuständig, die Einhaltung einer Ausbildungsmindestqualität zu überprüfen.
3. Deutsche Bildungsexperten schauen nicht nur nach Amerika, wenn sie die neue deutsche Universität planen. Schließlich hat dieses Land eine eigene Hochschultradition, die einst führend in der Welt war. Daher sollten sie den Mut haben, Eigenes zu konzipieren, statt zu imitieren. Warum sollen nicht in einem freien Hochschulmarkt einzelne Hochschulen stärker dem verschulten amerikanischen System zuneigen, andere dem humboldtschen Vorbild einer eigenen Schwerpunktsetzung des Studierenden mit hohem Forschungsanteil folgen und wieder andere ihren Vorteil im Angebot eines Liberal Arts College oder einer spezialisierten Law School sehen?
Wir können unseren Studierenden überlassen, wofür sie sich entscheiden. Wir sollten ihnen jedoch ermöglichen, dass sie sich auch für Elite-Hochschulen entscheiden können. Für all dies ist Mut erforderlich. Nur mit ihm besteht die Möglichkeit, dass die Diskussion um die Elite-Universität nicht ausgeht wie das Hornberger Schießen. An alle Wissenschaftspolitiker: Geben Sie Gestaltungsfreiheit!
Hamburger Abendblatt, 16.01.2004 in Wissenschaft, Seite 27

Förderung von Elite-Unis . . .
. . . und Berliner Studenten gründen ein "Olaf-Scholz-Institut"

Berlin - Die Diskussion um Elite-Universitäten und Studiengebühren wird weiter kontrovers geführt. Berliner Studenten luden symbolisch zur Eröffnung eines "Olaf-Scholz-Instituts für Regierungstechnik und Herrschaftssicherung" ein. Mit der ironischen Aktion wollten sie gegen Elite-Universitäten protestieren. "Bitte denken Sie auch an Ihre Kreditkarten", hieß es dazu in der Einladung. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz hatte bei der SPD-Klausur vergangene Woche in Weimar die Schaffung von Elite-Unis gefordert.
Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) warnte vor einer falschen Richtung der Bildungsdiskussion. "Wer diese wichtige Debatte auf den Begriff Elite verengen will, liegt falsch", sagte er dem Magazin "Stern". Deutschland müsse an der Spitze wettbewerbsfähig sein, könne es sich aber nicht erlauben, "Begabungsreserven brachliegen zu lassen". Gegenüber Studiengebühren für Wohlhabende zeigte sich Fischer aufgeschlossen.
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen (SPD), machte sich bei ihrem Amtsantritt gestern für eine kombinierte Breiten- und Spitzenförderung an Universitäten stark. Sie setze vor allem auf die Förderung von Spitzenleistungen einzelner Fachbereiche. Außerdem bekräftigte sie ihre kritische Haltung zu Studiengebühren. Die sollten nichts mit dem Zugang zu Elite-Unis zu tun haben.
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) schlug in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" vor, die Berliner Humboldt-Universität mit Geld des Bundes zu einer Spitzen-Uni auszubauen. "Ich finde den Vorschlag, die Humboldt-Universität mit Mitteln des Bundes zu fördern und gewissermaßen vor aller Welt zu zeigen, was eine deutsche Spitzenuniversität ist, sehr spannend", sagte Clement.
Bislang zahlt der Bund nur beim Bau von Hochschulen, Betrieb und Ausstattung sind Ländersache. HA
Hamburger Abendblatt, 15.01.2004 in Politik

Zwei Artikel in der Financial Times Deutschland
http://www.ftd.de/pw/de/1073230756532.html?nv=5wn
http://www.ftd.de/pw/de/1073230756510.html?nv=rs

Statement einer Bildungspolitikerin
"Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Krista Sager, hat sich gegen die Pläne der SPD zur Schaffung von Elite-Universitäten ausgesprochen. In Deutschland sei vielmehr eine stärkere Bildungsförderung in der Breite notwendig, erklärte Sager in der 'Berliner Zeitung'. Statt auf einige wenige Einrichtungen das Etikett 'Elite' zu kleben, müssten leistungsstarke Netzwerke zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen gefördert werden. - Die Grünen-Politikerin sprach sich zugleich für eine umfassende Reform der Hochschulfinanzierung aus. So müsse künftig die Mittelvergabe an die Nachfrage der Studenten geknüpft werden. Dies sorge für mehr Wettbewerb zwischen den einzelnen Universitäten." (Deutsche Welle, Internet, 8.1.2003)

Statement einer Lehrergewerkschaftlerin
"Das deutsche Schulsystem produziert deshalb zuwenig wissenschaftliche, technische, kulturelle und politische Eliten, weil es sie nicht aus der Fülle wachsen lässt, sondern sich die Unvernunft leistet, bereits für zehnjährige Kinder die Prognose abzugeben, ob sie sich zur ‚Elite‘ eignen oder nicht. Dass unser hierarchisch gegliedertes Schulsystem nicht ‚begabungsgerecht‘ fördert, das belegen die vielen Jugendlichen ohne Schulabschluss zudem eindringlich." (Marianne Demmer, GEW, in Erziehung und Wissenschaft 2/2001, Seite 17)

 

Interview mit einer Hochschullehrerin

Eine Schule für immer und alle

Alle reden über PISA und die Folgen: Erziehungswissenschaftlerin Professor Barbara Schenk wünscht sich eine Bildungspolitik, die zur Abwechslung mal in die Zukunft gerichtet ist

taz hamburg: Was erwarten Sie von der neuen Regierung, ihrer Bildungspolitik und den Auswirkungen auf Hamburgs Schulen?

Barbara Schenk: Kaum sehr viel. Ich denke, Bildungspolitik hat erstaunlich wenig Einfluss darauf, wie sich Schule entwickelt. Traditionell hinkt Schule den Anforderungen des gesellschaftlichen Systems weit hinterher. Reformen sind meist nur Reaktionen auf Lücken der Vergangenheit.

Wollte man nach vorn gerichtete Schulpolitik machen, wie müsste Schule dann aussehen?

Das müsste eine Gesamtschule sein. Und zwar eine für die gesamte Schulzeit. Darin könnte man die Reste des dualen System durchaus erhalten. Eine Schule für alle.

Warum?

Weil die Möglichkeiten, dass Jugendliche sich auch noch im Alter von 14 oder 16 Jahren weiterentwickeln, einfach zu groß sind. Und ich denke, die Organisation für gesellschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die OECD, hat Recht wenn sie sagt, dass wir mit unserer Förderung von Akademikern weit hinter dem Standard zurück sind. Natürlich bieten wir den zweiten Bildungsweg an, aber das ist nur etwas für Leute mit extrem viel Power. Der gymnasiale Weg ist doch der leichte Weg. Die Versuche, immer wieder einzugrenzen und schon in Klasse vier festzulegen, wo die Reise hingeht, sind viel zu voreilig. Und außerdem entspricht es meiner Vorstellung von Demokratie, dass Menschen lernen müssen, miteinander zu reden.

Warum glauben Sie, wird momentan so viel über Eliten geredet?

Ich denke, Eliten bilden sich in dieser Gesellschaft, das hängt mit unserem Wirtschaftssystem zusammen. Elite ist eine Gruppe, die mehr Verantwortung und damit mehr Macht übernimmt als andere. Aber es gibt nicht den geringsten Grund, das schon in der Schule ausbilden zu wollen. Ich verstehe, dass wir in Zeiten internationaler Konkurrenz auch in die anderen Länder gucken und eine gute Ausbildung fordern. Aber weder die Schule noch die Universität ist eine Anstalt zur Bildung von Eliten.

Wo bilden sich Eliten?

In den Arbeitsprozessen.

Gänzlich unabhängig von dem, was ich in der Schule gelernt habe?

Das hängt davon ab, was ich unter Elite verstehe. Ich kann als Betriebsrat, als Mensch, der Maurer gelernt hat, in meiner Firma Verantwortung übernehmen, mich um die Belange meiner Kollegen kümmern, und das ist mindestens so wichtig wie die Verantwortung, die Menschen mit weißen Hemden in der Bank haben.

Warum ist diese Abkehr von dem Ansatz zu beobachten, dass alle so viel Bildung wie möglich erhalten sollen?

In einer Gesellschaft, in der es Langzeitarbeitslosigkeit und eine starke Unterteilung zwischen Arm und Reich gibt, braucht es eine Legitimation, eine Begründung dafür, dass es Arme und Reiche gibt. Elitebildung hat ja immer auch die Kehrseite, beispielsweise zu den Hauptschülern zu sagen "ihr gehört nicht zur Elite, aber ihr habt selber schuld, ihr hattet ja alle Chancen". Ich denke, es ist immer ein enormes Meinungsspektrum in der Gesellschaft vorhanden. Im Moment wird diese Meinung eben besonders gefördert und gehört. Wenn man das deutsche Schulsystem aber im internationalen Vergleich sieht, dann stellt man fest, dass es die Schule für alle längst gibt. Es gibt sie praktisch überall. Deutschland, Österreich, Schweiz mit ihrem dreigliedrigen Schulsystem und der frühen Form der Selektion sind Ausnahmen. Ich glaube außerdem, dass die Integration in Europa dafür sorgen könnte, dass unser duales Ausbildungs- und das dreigliedrige Schulsystem zusammenbrechen werden, und es dann die Schule für alle von der Grundschule bis zum Gymnasium, inklusive Berufsschule geben wird.

Was denken Sie wird die Ankündigung, das Abitur nach zwölf Jahren einzuführen, in den Schulen ändern?

Grundsätzlich wird das nichts ändern. Man kann auch nach zwölf Jahren Abitur machen. Es könnte klug sein, die Gesamtschulen bei 13 Jahren zu belassen und so eine Wahlmöglichkeit zu schaffen für die, die ihren Kindern die Zeit lassen wollen.

Glauben Sie, dass künftig weniger Jugendliche das Abitur schaffen, weil sie weniger Zeit für den gleichen Stoff haben?

Ich vermute, dass der Elternwille reichen wird, das zu verhindern: Nachhilfe wird dafür sorgen, dass die Kinder es schaffen. Oder eben Sitzenbleiben, das wird es auf dem Gymnasium ja weiterhin geben, wenngleich das auch eine besonders törichte Form der Zeitverlängerung ist, weil man ja das Gleiche noch einmal durchmacht.

Und was halten Sie davon, Kindern schon vor der Einschulung Deutschunterricht zu verordnen?

Ich halte sehr viel davon, dass man den Kindern eine Chance gibt Deutsch zu lernen, aber ich sehe da noch keine finanziellen Mittel bereit gestellt. Ich kann mir gut vorstellen, Migranten und Einwanderern zu ermöglichen, dass ihre Kinder Deutsch lernen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die das annehmen. Aber das wird man finanzieren müssen. Zu sagen, dass jedes Dreijährige Deutsch lernen soll, ist zu einfach.

Auch bei den Gesamtschulen will die neue Koalition etwas ändern. Die sollen künftig nicht mehr Geld bekommen als Haupt- und Realschulen. Noch bekommen sie so viel wie Gymnasien, weil sie besondere Integrationsaufgaben wahrnehmen. Tun sie das tatsächlich?

Ich denke, dass die Gesamtschule da wirklich etwas leistet. Vor einigen Jahren hat es dazu zwar eine Untersuchung vom Max-Planck-Institut gegeben, wonach die Gymnasiasten eine größere soziale Kompetenz hatten als Gesamtschüler, aber dabei ist meines Erachtens völlig außer Acht geblieben, dass es die Gesamtschule mit einer viel heterogeneren Schülerschaft zu tun hat. Und sie haben mehr Kinder, die unter schwierigen Verhältnissen aufwachsen, denn es ist im Bildungsbürgertum durchaus verbreitet, zwar für die Gesamtschule zu sein, aber das eigene Kind dann doch auf das Gymnasium zu schi-cken. Das heißt, auf der Gesamtschule müssen die Schüler mehr soziale Kompetenz entwickeln, da leisten diese Schulen enorm viel.

Sie finden es also richtig, dass Gesamtschulen finanziell wie Gymnasien ausgestattet werden sollen?

Das sowieso. Sie müssen in der Mittelstufe besser als Gymnasien ausgestattet sein. Dieser ständige Austausch der Lehrer im Kurssystem kostet doch enorm viel Zeit. Auf dem Gymnasium kann doch ein Lehrer der Sekundarstufe I so ziemlich seinen Stiefel machen und muss das höchstens vor dem Kollegen verantworten, der die Schüler in der Oberstufe übernimmt. Auf der Gesamtschule müssen die Kollegen wegen des durchlässigen Kurssystems in ständigem Austausch sein.

Was halten Sie von der Aufhebung des Stadtteilprinzips, so dass Eltern ihre Kinder an einer beliebigen Grundschule anmelden dürfen?

Schulen haben in den Stadtteilen zum Teil Sozialarbeit übernommen und damit einen Beitrag geleistet, dass diese Stadtteile nicht verslumen. Beispielsweise die Bruno-Tesch-Gesamtschule* in Altona und das Schulzentrum Steilshoop* leisten großartige Arbeit, aber das sind nur Beispiele. Durch das neue Prinzip riskiert man, dass Eltern schon bei der Wahl der Grundschule sagen, diesen Anstrengungen soll sich mein Kind nicht unterziehen. Das ist das Gleiche wie mit Gesamtschulen und Gymnasien. Im Prinzip finden die Eltern das gut, aber das eigene Kind soll es leichter haben. Bildungsbewusste Eltern werden ihre Kinder in die "guten" Schulen chauffieren; und es besteht das Risiko, dass Restschulen übrig bleiben, die nur von Kinder aus hochbelasteten Familien besucht werden, die sich nicht so intensiv um ihre Kinder kümmern können. Solche "Restschulen" müssen dann intensive sozialpädagogische Arbeit leisten. Und ich sehe nicht, dass diese Regierung in diese Schulen dann das nötige Geld steckt. Gerade diese Regierung wird eher dazu neigen, die Renommierschulen herauszustellen.

Interview: Sandra Wilsdorf

taz Hamburg Nr. 6619 vom 6.12.2001, Seite 22, 116 Interview Sandra Wilsdorf

* Bruno-Tesch wurde zum Schuljahresende 2003/2004 geschlossen, die Gesamtschule Steilshoop lief im Sommer 2010 aus.

Siehe auch
Chancengleichheit,
Leistung,
Privatisierung,
Selektion

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