Erziehung

 

erziehen < althochd. irziohan (hervor)ziehen, jemanden auf die richtige Weise (welches ist die richtige?) geistig, charakterlich, körperlich (deshalb Gymnastik, Gymnasium < griech. gymnasion Übungsplatz < griech. gymnazein nackt trainieren < gmnos nackt, ausgezogen < indoeurop. *nogw-) formen und seine guten Anlagen zur Entfaltung bringen

-          dazu die Fremdwörter Edukation (= „Bildung“/„Erziehung“, lat. educatio < educare/educere herausziehen, großziehen < e- heraus + ducere ziehen; führen, leiten; schätzen, glauben, meinen) und

-          Pädagogik (=„Lehre/Wissenschaft von der Erziehung“, griech. paidagogos < pais, (Genitiv:) paidos Kind, Knabe, Sohn + agogos Führer, Leiter, agein führen, wörtlich also „Anleitung/Anleiter des Knaben“)

-          Didaktik (=„Lehre/Wissenschaft des Unterrichtens“, griech. didaktikos fähig zu unterrichten <  didaskein, lehren)

weitere Definitionen

(englisch, 17. Jahrhundert:) “Settle in him (your son) good habits. This is the main point and this being provided for, learning may be had into the bargain.” (John Locke, 1632-1704)
(englisch, 19. Jahrhundert, das Ideal des englischen Gentleman - dazu gehören u.a. Zurückhaltung, Zivilisiertheit, Understatement und Fair Play:) “religious and moral principles, secondly gentlemanly conduct, thirdly intellectual ability” (Thomas Arnold, 1795-1842)
(englisch, modern:) the process of training and developing the knowledge, mind, character, etc. especially by formal schooling
(englisch, modern:) The secret of education lies in respecting the pupil“ – das Geheimnis der Erziehung liegt in der Anerkennung des Schülers ( Ethnic minority achievement)
(deutsch, frühes 19.
Jahrhundert:) „Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts.“ (Friedrich Fröbel, 1782-1852, deutscher Pädagoge, 1837 Gründer des ersten Kindergartens)
(deutsch, 19. Jahrhundert:) „Erziehung ist eine absichtliche Einwirkung der Erwachsenen auf die Unmündigen, welche dem geistigen Leben der letztern eine bestimmte Gestaltung geben will. Alle E. setzt einerseits die Bildsamkeit des Zöglings und die dem Erzieher innewohnende Erkenntnis der Mittel voraus, deren Anwendung zu jenem Ziele führt. Andererseits ist sie von dem Ziele, von dem Ideal der Persönlichkeit abhängig, welches dem Erzieher vorschwebt. Die Wissenschaft von der E., die Pädagogik, beruht daher auf der Psychologie, welche die Gesetze alles geistigen Geschehens, und auf der Ethik, welche die idealen Ziele des menschlichen Strebens lehrt. (…)“ (Brockhaus’ Conversations=Lexikon, 1883, s.v. E.)
(deutsch, modern:) pädagogische Betreuung, Beeinflussung (durch die Eltern); Formung des Charakters, Ausbildung der Fähigkeiten und Förderung der Entwicklung
(deutsch, modern:) „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ (Artikel 5, Absatz 2 Grundgesetz)
(deutsch, modern:): Erziehung ist Beziehung./ Erziehung ist nicht Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst. / Erziehung vollzieht sich in der Spannung von halten und loslassen. (Jan-Uwe Rogge)

 

Erziehungsstile:
Schwarze Pädagogik: Schulgründer der Reformation und Gegenreformation sahen im Kind ein von der Erbsünde belastetes Wesen, das nur durch göttliche Gnade und strenge Erziehung zur Erlösung geführt werden könne. Durch „strenge Zucht“ sollte aus dem sündigen ein nützliches Mitglied der Gesellschaft und der Gemeinde werden. Martin Luther (1483-1546) empfahl, bei der Kindererziehung „neben den Apfel die Rute zu legen“ (du musst bestraft/gezüchtigt werden!)
autoritär, auch: autoritär-repressiv (die Erwachsenen haben das Sagen; die Einhaltung der vorgegebenen Regeln wird durchgesetzt, notfalls mit Zwangsmaßnahmen und Strafen: gehorche! - du musst!),
antiautoritär (1968 und danach als Reaktion auf den autoritären Stil entstanden; zwangfrei, zielt auf Selbstentfaltung ab; die für alle geltenden Regeln werden gemeinsam entwickelt; statt zu bestrafen, wird das Kind mit den Folgen seines Tuns konfrontiert: du kannst!),
demokratisch (aus dem antiautoritären Stil hervorgegangen, Förderung der Eigenaktivität, Selbstständigkeit, gemeinsame Regeln gelten für alle: du darfst!),
Laisser-faire, Laisser-aller, Laisser-passer (passive, gleichgültige Verhaltensweise der Erwachsenen, das Kind wird sich selbst überlassen, einer Auseinandersetzung gehen die Eltern aus dem Weg: mach doch, was du willst!) (wird manchmal mit dem gänzlich anders gearteten antiautoritären Stil gleichgesetzt, aus Unkenntnis, aus Bequemlichkeit oder um die so genannten 68iger zu diffamieren)
Neue Autorität, Methode, Eltern aus ihrer Hilflosigkeit, Schwäche, Angst und unberechtigter Nachgiebigkeit gegenüber Kindern herauszuhelfen; gewaltlos; Stärkung der Eltern, setzt auf Netzwerke und Transparenz  (alle wissen, was du machst; du musst dich verantworten)

 

Studie: Gewalt ist bei Erziehung heute tabu
Ein starkes Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und Willensstärke sei den Eltern wichtiger als Anpassungsbereitschaft, Bescheidenheit und eine religiöse Orientierung, heißt es in einer in Berlin vorgestellten Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie. :::
Nach den Ergebnissen des "Generationen-Barometers 2009" hat die Hälfte der Eltern den Eindruck, dass die Kindererziehung heute schwieriger geworden ist. Viele Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Nachwuchs zu viel vor Fernseher und Computer sitzt, sich zu wenig bewegt und zu fett isst. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung wünscht sich von den Schulen, mehr bei der Erziehung zu helfen. Dafür hat sich die Erziehung von Mädchen und Jungen stark angeglichen. Autoritäre Erziehungsstile und körperliche Strafen machen Diskussionen, Überzeugung und der Suche nach Kompromissen Platz.
Link

Jugendforscher will Erziehungskurse für Eltern
Angesichts steigender Ansprüche an die Kindererziehung plädiert der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann für verbindliche Erziehungskurse für Eltern. In der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" warnte er vor einer Überforderung junger Väter und Mütter. (...)
Kinder bräuchten aber eine klare Struktur, feste Vereinbarungen und Regeln in der Familie. Wenn die verletzt werden, müsse es eine angemessene Strafe geben. Eltern sollte man Trainings und Kurse für ein gutes Erziehungs- und Sozialverhalten anbieten.
Link

 

Geschichte der Erziehung / Erziehungswissenschaft / Pädagogik in Stichworten

·                   Das moderne Bildungs- und Erziehungsverständnis entsteht mit dem Verschmelzen von Rationalismus und Empirismus (ratio= lat. Vernunft, Verstand und empeiria = griech. Feststellung, Erfahrung). Hauptvertreter: Rationalismus: René Descartes 1596-1650, Empirismus: John Locke 1632-1704

·                   Rationale Pädagogik: Hauptvertreter: Amos Comenius (1592-1670) mit der Lernfibel „Orbis Pictus“, „natürliche Methode des Lernens“: vom Leichtem zum Schweren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten, muttersprachlicher, anschaulicher Unterricht, „Didactica Magna“ (große Erziehungslehre), „Die Jugend muss in Gemeinschaft gebildet werden; daher sind Schulen nötig“, „alle in allem unterrichten“

·                   John Locke (1632-1704) geht davon aus, dass der Mensch bei seiner Geburt ein unbeschriebenes Blatt sei („tabula rasa“), deshalb soll das Kind viele eigene Erfahrungen machen und nicht mit zu vielen Regeln belastet werden. Vier Dinge: Tugend, Weisheit, Lebensart, Kenntnisse

·                   François de Salignac de la Mothe Fénelon (1651-1715) beschäftigt sich mit der Mädchenerziehung

·                   Jean Baptiste de la Salle (1651-1719) interessiert sich für Lehrerbildung und Volksbildung

·                   Die Aufklärung: August Hermann Francke (1663-1727) fordert, Kinder erst mit dem Diesseits vertraut zu machen, richtete Armenschulen ein. Julius Hecker (1707-1768) richtet die erste Realschule ein, es geht dort um Handwerkskünste (Realien). Jean Jacques Rousseau (1712-1778) ist ein pädagogischer Theoretiker. Der Mensch soll zu dem gemacht werden, was er „von Natur aus“ ist, schlechte Einflüsse sind abzuhalten. Schrift „Èmile“.

·                   Philanthropen (=Menschenfreunde): Bernhard Basedow (1724-1790) schafft die erste Modellschule: das „Philanthropin“ in Dessau. Seine Ziele beschreibt er im „Methodenbuch für Väter und Mütter der Familie und Völker“. Kinder sollen mit anderen zusammen erzogen werden. „Der Unterricht ist … nur der geringste Teil der Erziehung.“ Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811) begründet in Schnepfental ein Philantropin. Sein „Ameisenbüchlein“ ist eine „Anweisung zu einer vernünftige Erziehung der Erzieher“. Salzmann definiert Erziehung als „Entwicklung und Übung der jugendlichen Kräfte“.

·                   Empirismus und Rationalismus werden zu einer Einheit im Idealismus. Es wird die Frage nach den Grenzen der Erkenntnis gestellt, Hauptvertreter Immanuel Kant (1724-1804). Für Kant ist der Mensch alles, was er ist, durch Erziehung. In diesem Sinne wirkt Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Alle Erziehung muss die natürlichen Anlagen erkennen, die Kräfte des Menschen enthüllen, offen legen und fruchtbar machen. Der Erzieher muss physisch-mechanische Gesetze erkennen und wissen, dass der Mensch durch seine Umwelt (sein Milieu) geprägt ist, d.h. vom Elternhaus über die Gesellschaft bis zur gesamten Menschheit. In der Schrift „Lienhard und Gertrud“ beschreibt Pestalozzi die Rolle der Mutter in der Erziehung, in „Abendstunde eines Einsiedlers“ die des Vaters. Seine Ideen schildert er in „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“.

·                   Deutsche Klassik: Ästhetische Erziehung. Der „universelle“ Mensch der Antike, der Mensch als solcher, nicht als Individuum, wird hervorgehoben. Echte Erziehung ist ästhetische Erziehung. Friedrich Schiller (1759-1805): „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“: Der Mensch ist weder ausschließlich Materie noch ausschließlich Geist. Er „ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.

·                   Johann Friedrich Herbart (1770-1841) geht es um die Klärung der Methoden des Erziehens und Unterrichtens. Grundlagen sind Praktische Philosophie und Psychologie. Kinder seien von Geburt fast unbeschränkt bildsam. Erziehung bedeutet Bekanntmachen mit der Welt, kein Vollstopfen mit Erkenntnissen und totem Stoff. Unterricht soll erziehender Unterricht sein, und es gibt auch keine Erziehung ohne Unterrichten. Ziel der Erziehung ist der sittliche Mensch - im Sinne des Idealismus. Herbarts Thesen finden sich in der Schrift „Allgemeine Pädagogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet“.

·                   Romantik: Das Individuelle rückt in den Vordergrund. Es geht um die Entfaltung der Anlagen. Vertreter: Friedrich Fröbel (1782-1852) fordert die gleichmäßige und harmonische Ausbildung aller Kräfte, Entfaltung zur individuellen Persönlichkeit ist das Ziel. Dazu muss sich die Pädagogik auf jeder Stufe neu orientieren: im Säuglings-, Kindes-, Knaben-, Mannes- und Greisenalter gibt es eine bestimmte Pädagogik, Erziehung und Bildung hören nie auf. Fröbel unterscheidet den Tätigkeits-, Bildungs- und Gemeinschaftstrieb. Hauptwerk: „Menschenerziehung“. Fröbel erkannte, dass das Spielen eine typisch kindliche Form des Lernens und Entdeckens ist.

·                   Technisierung und Industrialisierung wirken sich aus: Karl Marx (1818-1883) beschreibt und analysiert Mechanismen des Kapitalismus, Gefahren und Konsequenzen für die Gesellschaft. Friedrich Nietzsche (1844-1900) betont die Wichtigkeit von Kunst und Phantasie gegenüber Technik und Rationalisierung. Otto Willmann (1839-1920) fordert die Einbeziehung wichtiger Bezugwissenschaften in die Pädagogik: Sozialwissenschaften, Psychologie. Schrift „Didaktik als Bildungslehre“. Bildungsinhalte und Bildungsarbeit müssen an die Möglichkeiten des Zöglings angepasst werden. Der Lehrstoff wird zerlegt, zusammengesetzt und gegliedert. Lernen und Üben, Aufnehmen und Produzieren, Lehren und Einüben, Unterricht und Unterweisung.

·                   Reformbewegungen: Die Bewegung „Vom Kinde aus“ schafft die theoretischen Voraussetzungen (Beobachtungen, Experimente) und praktische Einrichtungen (Kinder-, Jugendheime) für eine kindspezifische Erziehung. Hauptvertreter: Ellen Key (1849-1926, Werk „Das Jahrhundert des Kindes“, 1900), Maria Montessori (1870-1952, 1907 eröffnet sie ihr erstes Kinderhaus in Rom; Montessori-Pädagogik), Berthold Otto (1859-1933, Gesamtunterricht). Ellen Key: Nur wer mit Kindern spielen kann, kann sie auch etwas lehren.
1900: Frauen werden erstmals in Deutschland zum Studium zugelassen (Universitäten Freiburg und Heidelberg).

·                   Reformbewegungen: Aus der „Anschauungspädagogik“ entwickelt sich die Reformpädagogik (Landschulbewegung, Einheitsschule, Arbeits- und Produktionsschule). Sie ist „ganzheitlich“: Ganzheitliches Lernen ist ein Lernen mit allen Sinnen, mit Verstand, Gemüt und Körper („Kopf, Herz und Hand“). Der Gemeinschaftsunterricht wird zum wichtigsten Aspekt dieser sozialpädagogischen Bewegung. Vertreter: Georg Kerschensteiner (1854-1932), Paul Natorp (1854-1924, Werke „Sozialpädagogik“, 1899, „Sozialidealismus“, 1920)). Der Arbeitsschule geht die Charakterbildung „über alles“. Ihr  sozialistisches Gegenstück ist die Produktionsschule. Haupttheoretiker und –praktiker: Anton Semjomowitsch Makarenko (1888-1939). Aufsatz: „Das Erziehungsziel“. Orientierungspunkt ist das Kollektiv, definiert als sozialer Organismus.

·                   Reformpädagogik: weitere wichtige Vertreter: Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (1790-1866, natürliche Erziehung), Célestin Freinet (Freinet-Pädagogik), Hartmut von Hentig (Laborschule Bielefeld), Fritz Karsen (Einheitsschule, Kooperative Gesamtschule, Karl-Marx-Schule, Schülerselbstverwaltung), Janusz Korczak (Kindergericht, Kinderrechte), Alfred Lichtwark (Kunsterziehungsbewegung), Cecil Reddie (Erlebnispädagogik), Rudolf Steiner (1919 entsteht in Stuttgart die erste Waldorfschule; Waldorfpädagogik, Anthroposophie)
1910: Edith und Paul Geheeb gründen in Ober Hambach an der Bergstraße die reformpädagogische Odenwaldschule, einem Vorläufer der Gesamtschule.

·                   20. Jahrhundert: Über den Begriff der Bildung wird intensiv nachgedacht. Lebensphilosophie von Wilhelm Dilthey 1833-1911: „Kulturpädagogik“; Bildung ist eine „Aneignung von Kulturgütern“. Georg Kerschensteiner (siehe oben) formuliert das „Grundaxiom des Bildungsprozesses“. „Die Bildung des Individuums wird nur durch jene Kulturgüter ermöglicht, deren geistige Struktur ganz oder teilweise der Struktur der jeweiligen Entwicklungsstufe der individuellen Lebensform adäquat ist.“ Weitere Vertreter der Kulturpädagogik: Theodor Litt (1880-1962), Eduard Spranger (1882-1963: „Der geborene Erzieher“).

·                   20. Jahrhundert: „Funktionale Pädagogik“: Anlage, Umwelt, Gesellschaft, insbesondere auch Rasse und Vererbung haben danach grundlegenden Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Die Nazis bedienten sich dieser Thesen zur Begründung ihres Erziehungsbegriffs. Der Begriff Erziehung wird auf den Begriff „Beeinflussung der Entwicklung“ ausgeweitet. Absichtliche Erziehung durch den Menschen tritt zurück gegenüber der Wechselwirkung zwischen Welt und Kind, der „funktionalen Erziehung“. Der absichtlichen Erziehung bleibt jedoch die Aufgabe, ideale Voraussetzungen zu schaffen (bei den Nazis ist das die „rassereine“ Gemeinschaft). Ein Hauptvertreter ist Ernst Krieck (1882-1947). Auf den Fundamenten dieser Pädagogik werden noch vor 1930 Modellpläne für Schulen entworfen. Ein solcher Entwurf ist der „Jena-Plan“ einer „Lebensgemeinschaftsschule“ von Peter Petersen (1884-1952) mit jahrgangsübergreifendem Lernen.

·                   20. Jahrhundert: „Existentialismus“ (mit Begriffen wie Angst, Scheitern, Freiheit, Geworfensein, Krise, Bewältigen, Auf-sich-Nehmen, Hoffnung): Erziehung wird in Grenzen verwiesen. Verhaltensweisen können anerzogen werden, Wissen lässt sich vermitteln, aber die Formung des Menschen ist letztendlich nicht mach- oder planbar. Der Sinn einer „Bildung“ wird infrage gestellt. Bildung wird damit zur Selbstbildung. Der Erzieher kann appellieren, helfen - formen oder prägen aber nicht. Erziehung erfolgt nicht stetig, sondern sprunghaft. Selbst intensive Erziehung kann keinen bestimmten Erfolg garantieren. Vertreter: Otto Friedrich Bollnow (1903-1991); „Existenzphilosophie und Pädagogik“

·                   20. Jahrhundert: „Personale Pädagogik“ stützt sich auf die Anthropologie (Begriffe: Begegnung, Anruf, Entscheidung, Hoffnung, Überwindung, Glaube), Hauptvertreter Romano Guardini (1885-1968), Gabriel Marcel (1889-1973), Martin Buber (1878-1965).

·                   20. Jahrhundert: Naturwissenschaften und ihre Methoden nehmen Einfluss auf die pädagogische Forschung: Gefordert wird eine „empirische Pädagogik“. Computer übernehmen die Aufnahme der Daten und erleichtern ihre Auswertung. Eine Gefahr ist hier die Überbewertung oder falsche Bewertung statistischer Aussagen ohne direkte situative Anschauung.

·                   20. Jahrhundert: Gestaltpädagogik entsteht aus den Theorien der Gestalttherapie. (George I. Brown „confluent education“).Sie ist emanzipatorisch und fördert ganzheitliches Lernen. Zentrale Begriffe sind Kontaktprozesse, Fremd- und Selbstunterstützung, Verantwortung.

·                   20. Jahrhundert: Bildung wird auch als Ausbildung, als Vorbereitung auf das spätere Leben gesehen. Das Infragestellen der Autoritäten um 1968 führt zu pädagogischen Gegenentwürfen: Gesamtschulen als „demokratische Leistungsschulen“ für alle werden gegründet, alternative antiautoritäre Erziehungsmodelle werden in Kinderläden erprobt, Alexander Sutherland Neill (A. S. Neill, 1883-1973) gründet 1923 die Demokratische Schule Summerhill in Leiston/Suffolk („Erziehung ohne Zwang“). Schrift: „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill“ (1969). Neill selbst verwendet nicht den Begriff „antiautoritär“, sondern „selbstregulativ“. Zur Entfaltung des Kindes gehört dabei auch die seiner Sexualität. Mit der emanzipatorischen Erziehung wird mittlerweile eine Reihe von Begriffen verbunden wie Mädchenarbeit, Projektunterricht, Erlebnispädagogik, freie bzw. alternative oder aktive Schule, Abenteuerspielplatz, Freiraumpädagogik, Reformpädagogik und Kinderrepublik.
1920: Einführung der vierjährigen Grundschulzeit in Deutschland.
1925: Im US-Bundesstaat Tennessee wird die Verbreitung der Darwin’schen Evolutionstheorie verboten (bis 1968). Grund: Verleugnung der göttlichen Schöpfung.
1936: Nach dem „Gesetz über die Hitler-Jugend“ soll Erziehung außer im Elternhaus und in der Schule von der HJ wahrgenommen werden.
1945: Im westlichen Teil Deutschland werden die föderalistischen Traditionen der Weimarer Zeit wiederaufgenommen, im Osten Umbau des Bildungswesens auf der Grundlage der Sowjetpädagogik (Einheitsschule, polytechnischer Unterricht).
1946: Gründung und erste Sitzung der Unesco, der Uno-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur mit Sitz in Paris.
1948: Gründung der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK), sie ist wichtigstes Koordinationsgremien der Bildungspolitik in der Bundesrepublik.
1949: Das Grundgesetz verankert die Kulturhoheit der Länder, in der DDR wird das Bildungswesen durch das Ministerium für Volksbildung zentral gelenkt.
1951: Der Bayerische Landtag lehnt die Abschaffung der Prügelstrafe ab (erst 1976 wird in Baden-Württemberg als letztem Bundesland die Prügelstrafe abgeschafft).
1955: Die Bundesländer vereinbaren im „Düsseldorfer Abkommen“ die Dreigliedrigkeit des Schulwesens (Volksschule, Mittelschule, Gymnasium).
1957: „Sputnik-Schock“ (ein Vorläufer des „PISA-Schocks“): In den USA wird in den Schulen und Universitäten mehr Leistung gefordert, weil die Sowjets als erste einen künstlichen Satelliten auf eine Erdumlaufbahn geschickt haben.
Georg Picht: „Die deutsche Bildungskatastrophe“, Olten und Freiburg 1964, 160 Seiten
Ralf Dahrendorf: „Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik“, Hamburg 1965
1967/68: Weltweite Studentenunruhen: Hochschüler demonstrieren gegen den Vietnamkrieg und für mehr Demokratie in den Bildungseinrichtungen.
1968: Die erste integrierte und die erste kooperative Gesamtschule in Hamburg
1969: Das Berufsbildungsgesetz tritt in Kraft, Verankerung des „dualen Systems“; neue Ausbildungsordnungen für neue Berufe.
1970: West-Berlin erklärt die Gesamtschule zur Regelschule.
1971: Das Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) strebt mehr Chancengleichheit für Schüler und Studenten durch staatliche Zuschüsse an.
1972: Reform der gymnasialen Oberstufe: an die Stelle von Jahrgangsklassen treten Grund- und Leistungskurse.
1975: Bildungsexpansion: Innerhalb eines Jahrzehnts steigt die Anzahl der Realschüler und Gymnasiasten auf 1,13 bzw. 1,85 Millionen.
1980: Die Zahl der Studenten hat sich in der BRD seit 1970 auf eine Million verdoppelt.
1981: Einführung von Computern an US-amerikanischen Schulen
1990: Umbau des Bildungswesens der östlichen Bundesländer nach westlichem Vorbild (Einführung der Dreigliedrigkeit, neue Studienordnungen)
1997: Hunderttausende Studenten protestieren gegen Studiengebühren und die Bafög-Neuregelung.
1998: Baden-Württemberg erhöht die Studiengebühren für Langzeitstudenten auf 1000 DM.
2000: Sachsen führt Kopfnoten ein (Noten für Ordnung, Fleiß und Betragen).

·                   Ende 20./Beginn 21. Jahrhundert: Mit höchst widersprüchlichen und diffusen Aktionen bemächtigt sich die Politik des Erziehungssektors (u.a. wegen eines angeblichen „PISA-Schocks“, tatsächlich geht es jedoch um wirtschaftliche und bildungspolitische Interessen). Kurz aufeinander folgende Reformen verunsichern, beunruhigen und belasten die Institution Schule und die daran Beteiligten.

·                   Schulen sollen erst selbstständiger, dann wieder entmündigt werden (eigene Schulprogramme und Evaluation, Schulprofile, selbst verantwortete Schule; Public Private Partnership, New Public Management, New Governance, neue Steuerungsmodelle: Schulen sollen sich private Sponsoren suchen, der Staat zieht sich aus der Verantwortung zurück und steuert durch normsetzende Vergleiche, Bildung ist nicht länger ein öffentliches, sondern ein handelbares Gut. „Bildung“ und „Ökonomie“ überlappen sich (Forderungen von OECD/GATS, Schrift „Education at a Glance“). Gremien, in denen außerschulische Delegierte, z.B. Sponsoren und Vertreter der Gemeinde oder des Stadtteils, das Sagen haben, sollen die Verantwortung übernehmen).

·                   Schulen sollen stärker kontrolliert werden (Inspektion, Qualitätskontrolle, Schul-TÜV, Druck durch dubiose Ranking-Listen, mehr Qualität und Effektivität durch Leistungsvergleichsuntersuchungen bzw. Schulleistungstests, deren Erhebungskriterien und Ergebnisse selten/nie kritisch hinterfragt werden: LAU, BIJU, QuaSUM, PISA, DESI, KESS, IGLU/PIRLS, TIMSS, USUS …). Mehr nebenher, unsystematisch, teilweise polemisch wird über Grundsätzliches diskutiert: Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Leistungsbegriff etc. (einerseits „Kuschelpädagogik“, andererseits „der Leistungsdruck ist zu hoch“). „Nähe, Emotionalität, Bewegung, Spiel, Ernährung, aktive Pausen, Lob, Humor und Verständnis für die Schülerpersönlichkeit sind wichtige Voraussetzungen für Leistungsfähigkeit.“ (Peter Struck, Erziehungswissenschaftler)

·                   Erziehungs-Unterstützungs- und -Beratungssysteme (REBUS) und Erziehungs-Sanktionssysteme für Eltern (Bestrafung von Schulschwänzern, Bußgeld für Eltern), Elternfortbildungsangebote

·                   Eltern-, Lehrer- und Schüler protestieren gegen staatlich vorgegebene Veränderungen, vermissen eine ausreichende Beteiligungskultur: Bildungs-Demos (z.B. 1977: Gegen das neue Schulgesetz, 1987: Gegen die Sparpolitik, 1990: Gegen Unterrichtsausfall, 1992, 1995, 1996, Mai 1998: „Gegen Bildungsabbau“, November 1998: „Finger weg von der Gesamtschule!“, 2000, 2002: Für eine Verbesserung der Bildungschancen, 2003: „Im Rathaus sind die Räuber – Wir lassen uns die Zukunft nicht stehlen!“, 2005: „Gebührenfreie Bildung für alle“, 2006: „Emanzipation statt Selektion“, 2008: Gegen Schulzeitverkürzung und Lernmittelgebühren, 2009: Gegen die Schulreform), „Protest gegen Test“ (2000), Komitee: „Eine Integrierte Gesamtschule für Altona-Altstadt“ gegen die Schließung einer Hamburger Gesamtschule (2000), Gesamtschulbündnis für die Erhaltung der Gesamtschulen, die erste Hamburger Volks-Petition „Bildung ist Menschenrecht - Gleiche Chancen für jedes Kind“ (2002), Initiativen (z.B. „Eine Schule für Alle“, 2007, das Volksbegehren der Initiative scheitert 2008)

·                   Die Strukturdebatte wird neu geführt: gegliedertes/selektives oder integratives/förderndes System, Regionalschule, Gemeinschaftsschule, sechsjährige (Primarschule), neunjährige (9 macht klug), zehnjährige (ARGE Elternräte, 1998) Grundschule, Hamburger Schulreform „Eine kluge Stadt braucht alle Talente“ (2008-2012), Regionale Schulentwicklungskonferenzen (2008/09), Stadtteilschule (ab 2010, fasst Haupt-, Real- und Gesamtschulen in einer Schulform zusammen), Zwei-Säulen-Modell (Empfehlung einer Parteien-Enquete-Kommission), Hamburger Initiative zur Erhaltung der Sek1-Schulen ab Klasse 5 „Wir wollen lernen“ (ab 2008), Basis-Aktionsbündnisse „Eine Schule für Alle“ in mehreren Bundesländern

Hauptquelle: Werner Raith: Von Comenius bis ins 20. Jahrhundert (Geschichte der neuzeitlichen Pädagogik), Werner Raith Verlag, Starnberg 1969, Der Spiegel 22/1999, Seite 150-162, Seite 166-167

 

 

Erziehungsprogramme (eine Linksammlung)

 

STEP (Systematic Training for Effective Parenting) www.instep-online.de
dazu das Buch: „Step – das Elternbuch“, Beltz Verlag

 

„Freiheit in Grenzen – Set. Der interaktive Elterncoach“: www.freiheit-in-grenzen.org

 

Deutscher Kinderschutzbund (Elternkurse) „Starke Eltern – starke Kinder“ www.sesk.de
dazu das Buch: Paula Honkanen-Schoberth „Starke Kinder brauchen starke Eltern“, Urania Verlag

 

Triple P (Positive Parenting Programme) www.triplep.de

 

Kurse für Konfliktmanagement: KESS (kooperativ, ermutigend, sozial, situationsorientiert)
www.kess-erziehen.de

 

Dossier "Frühe Hilfen, Kinderschutz, Elternbildung"
www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=4773

 

 

Allgemeine Informationen (Links)
www.jan-uwe-rogge.de
www.familienzirkus.com

 

 

Zitate:
I’ve never let my schooling interfere with my education.” (Mark Twain, 1835-1910)

“Education is what is left after the last Dollar.” (Mark Twain)

“The goal of education is the advancement of knowledge and the dissemination of truth.” (John F. Kennedy, 1956)

 

 

Siehe auch Stichwörter
Bildung
Bildungssysteme
Gesamtschule
Reformpädagogik

 

Siehe auch Links
Geschichte der Erziehung
Geschichte der Pädagogik
Geschichte der Kindererziehung

 

Zurück zur vorigen Seite