Kuschelpädagogik
(kuscheln = frz. coucher, sich hinlegen, Latein co- zusammen + locare legen, setzen, stellen
Pädagogik = griech. paidagogos < pais, (Genitiv:) paidos Kind, Knabe, Sohn + agogos Führer, Leiter, agein führen)
"Bundespräsident Herzog hat das ‘Megathema Bildung‘ entdeckt, preist das differenziert gegliederte System: ‘Mit Kuschelecken kommen wir nicht weiter.‘" (Quelle:
ARGE-Seminar, 6.2.-8.2.1998)
"Hätte dem 20 Jahre alten Täter von Erfurt, der zweimal nicht zum Abitur zugelassen wurde und deshalb mit der damaligen thüringischen Besonderheit nicht einmal den Hauptschulabschluss hatte, mehr schulisches Kuscheln gut getan? Zuvor, als die Ergebnisse der PISA-Studie bekannt wurden, und danach, als PISA-E für die Bundesländer ausgewertet war, forderten jedenfalls viele ein Ende der ‘Kuschelpädagogik‘.
Kuscheln kommt meines Wissens an deutschen Schulen gar nicht vor. Wahrscheinlich haben die Kritiker einen erweiterten Kuschelbegriff und meinen so etwas wie das Budenbauen an der Bielefelder Laborschule, die Entlastungsecken in Klassen mit einem hohen Anteil schwieriger Schüler.
Das gewünschte Gegenteil zur Kuschelpädagogik ist offenbar das, was Bildungssenator Rudolf Lange als ‘Strafmaßnahmen-Katalog‘ Lehrern an die Hand geben will oder was SPD-Generalsekretär Olaf Scholz mit Bußgeldern gegen Schulschwänzen vorschwebt.
Zwischen Kuscheln und Leistung besteht aber nur scheinbar ein Widerspruch. Denn das eine behindert das andere keineswegs. Nähe, Emotionalität, Bewegung, Spiel, Ernährung, aktive Pausen, Lob, Humor und Verständnis für die Schülerpersönlichkeit sind wichtige Voraussetzungen für Leistungsfähigkeit.
Jedenfalls kann man von den Lehrern der Eylardus-Schule für Erziehungsschwierige im niedersächsischen Bad Bentheim lernen: Sie haben Verständnispädagogik mit Konfrontationspädagogik angereichert. Jeder Schüler wird dort sofort mit dem, was er gerade getan oder vernachlässigt hat, konfrontiert. Sie fordern von ihren Schülern eine neue Anstrengungskultur und reagieren auf Fehlverhalten mit Anti-Aggressivitäts-Training.
Aber sensible Schüler nehmen sie auch schon mal tröstend in den Arm. Das Gebot der Stunde sollte also nicht Leistung statt Kuscheln heißen, sondern ‘Hochleistungskuscheln‘."
(Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg "Kuschelpädagogik oder Leistungsdruck?", Hamburger Abendblatt, 19.11.2002, "wissen", Seite 7)
Büchertipps:
Siehe auch
Gewalt
Erziehungsmaßnahmen (gewaltfreie Erziehung)