Kuschelpädagogik

(kuscheln = frz. coucher, sich hinlegen, Latein co- zusammen + locare legen, setzen, stellen
Pädagogik = griech. paidagogos < pais, (Genitiv:) paidos Kind, Knabe, Sohn + agogos Führer, Leiter, agein führen)

 

"Bundespräsident Herzog hat das ‘Megathema Bildung‘ entdeckt, preist das differenziert gegliederte System: ‘Mit Kuschelecken kommen wir nicht weiter.‘" (Quelle: ARGE-Seminar, 6.2.-8.2.1998)
"Wer nur Kuschelecken schafft an den Schulen, der versündigt sich an den jungen Menschen. Und wir werden dafür sorgen, dass ab der dritten Klasse ein Notenzeugnis mit einem kommentierenden Teil kommt. Denn die jungen Leute wollen wissen, wo sie stehen." (Bildungssenator Rudolf Lange auf dem Schulforum am 21.1.02)
"Leistungsorientiertes Arbeiten und eine ‘nette soziale Atmosphäre‘ sind kein Widerspruch." (Bildungssenator Rudolf Lange auf der Veranstaltung des Elternvereins Hamburg am 4.2.2002)
"Berichtszeugnisse sind kein Synonym für Kuschelpädagogik. Im Gegenteil, in der Regel erfahren die Kinder sehr genau, wo sie gut gearbeitet haben und wo sie aus eigenem Verschulden ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft haben. In Klasse 3 und 4 sind die Kinder sehr gut in der Lage, ihren Leistungsstand in Bezug auf ihr Leistungsvermögen und ihren Stand in der Klasse zu beurteilen. Notenzeugnisse spiegeln bestenfalls den Stand in der Klasse und werden darüber hinaus häufig als ungerecht empfunden." (Elternrat der GS Am Heidberg in seinem Brief an Senator Lange vom 11.4.02)
Der kuschelige Adorno-Teddy ("Auschwitz: eine Zusammenrottung von Erkalteten") (Quelle: Reformschule Hamburg, Arbeitstagung 8.-10.10.1999)
"Rollenspiele, Phantasiereisen, Konflikttraining, Gespräche, Gespräche, Gespräche, Ruhe- und Besinnungszeiten, Spiele und ähnliche ‘Programme‘, die bisher von der Übermacht der Fachlehrpläne an die Ränder gedrängt wurden, werden in der Reformschule ihren großen Platz erhalten. Das hat nichts mit den so oft zitierten ‘Kuschelecken‘ zu tun, sondern mit der Entwicklung und Stabilisierung der Innenwelten, d.h. mit Bildung." (aus dem Konzept der Reformschule Hamburg)
"Der erklärte Wille gegen eine so genannte Kuschelpädagogik, und dies, so wird dann behauptet, sei die Pädagogik der Gesamtschulen, stehen nach wie vor auf der Tagesordnung. Das angeblich leistungsorientierte gegliederte Schulsystem, in Wirklichkeit eher an Ausgrenzung, Aussortierung und Ellenbogendenken orientiert, wurde auf das Schild gehoben. Das in den zitierten Studien ein integratives Schulsystem bemerkenswerte Ergebnisse erbrachte, wurde schlichtweg ignoriert, eine Diskussion über Schulformen tabuisiert. Eine auf einen verengten Leistungsbegriff ausgerichtete Schule bringt unzählige Amokläufer hervor. Unbemerkt von der Öffentlichkeit verläuft dieser Amoklauf nicht spektakulär, sondern richtet sich nach innen u.a. mit der Folge von Vereinsamung, Depression und sozialer Vereinsamung." (aus der Presseerklärung der
ARGE zu den Ereignissen in Erfurt, 16. Mai 2002)

 

 

"Hätte dem 20 Jahre alten Täter von Erfurt, der zweimal nicht zum Abitur zugelassen wurde und deshalb mit der damaligen thüringischen Besonderheit nicht einmal den Hauptschulabschluss hatte, mehr schulisches Kuscheln gut getan? Zuvor, als die Ergebnisse der PISA-Studie bekannt wurden, und danach, als PISA-E für die Bundesländer ausgewertet war, forderten jedenfalls viele ein Ende der ‘Kuschelpädagogik‘.
Kuscheln kommt meines Wissens an deutschen Schulen gar nicht vor. Wahrscheinlich haben die Kritiker einen erweiterten Kuschelbegriff und meinen so etwas wie das Budenbauen an der Bielefelder Laborschule, die Entlastungsecken in Klassen mit einem hohen Anteil schwieriger Schüler.
Das gewünschte Gegenteil zur Kuschelpädagogik ist offenbar das, was Bildungssenator Rudolf Lange als ‘Strafmaßnahmen-Katalog‘ Lehrern an die Hand geben will oder was SPD-Generalsekretär Olaf Scholz mit Bußgeldern gegen Schulschwänzen vorschwebt.
Zwischen Kuscheln und Leistung besteht aber nur scheinbar ein Widerspruch. Denn das eine behindert das andere keineswegs. Nähe, Emotionalität, Bewegung, Spiel, Ernährung, aktive Pausen, Lob, Humor und Verständnis für die Schülerpersönlichkeit sind wichtige Voraussetzungen für Leistungsfähigkeit.
Jedenfalls kann man von den Lehrern der Eylardus-Schule für Erziehungsschwierige im niedersächsischen Bad Bentheim lernen: Sie haben Verständnispädagogik mit Konfrontationspädagogik angereichert. Jeder Schüler wird dort sofort mit dem, was er gerade getan oder vernachlässigt hat, konfrontiert. Sie fordern von ihren Schülern eine neue Anstrengungskultur und reagieren auf Fehlverhalten mit Anti-Aggressivitäts-Training.
Aber sensible Schüler nehmen sie auch schon mal tröstend in den Arm. Das Gebot der Stunde sollte also nicht Leistung statt Kuscheln heißen, sondern ‘Hochleistungskuscheln‘."
 
(Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg "Kuschelpädagogik oder Leistungsdruck?", Hamburger Abendblatt, 19.11.2002, "wissen", Seite 7)

 

Büchertipps:

Quelle: nachtstudio »Wer immer strebend sich bemüht ... Ein Loblied auf die "antiautoritäre" Schule?« (28.9.06) www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,3977635,00.html

 

Siehe auch
Gewalt
Erziehungsmaßnahmen (gewaltfreie Erziehung)

 

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