Leistung

(Wortbedeutung: mittelhochdeutsch "leistunge" = Verpflichtung eines Bürgen, sich bei Versäumnis als Geisel an einen bestimmten Ort zu begeben; gotisch "laistjan" = einer Fußspur folgen, ein Gebot befolgen; "Leiste" = Maß des Schuhs)
(Physikalisch-mechanisch, rein quantitativ definiert: als Quotient aus Arbeit und Zeitspanne, Leistung wäre dann P = Δ
A:Δt, wobei die Arbeit während der Zeit konstant bleibt, oder als skalares Produkt aus Kraft F und Geschwindigkeit P = F · ν )
"Denn die Größe eines Volkes ergibt sich nicht aus der Summierung aller Leistungen, sondern letzten Endes aus der Summierung der Spitzenleistungen." (Adolf Hitler vor dem Industrieclub in Düsseldorf, zitiert nach: Joist Grolle: Verteidigte Aufklärung - Plädoyers zu Erziehung und Politik, Juventa Verlag, Weinheim und München 1988, Seite 218: "Das Dritte Reich tobte sich in Europa wie eine außer Kontrolle geratene Leistungsexplosion aus.")
"Leistung ist ein schillernder Begriff. Leistung im Sinne von Arbeitswut auf Kosten der Familie, Profitstreben und Tanz ums Goldene Kalb ohne Rücksicht auf Verluste, brutalem Ausschalten der Konkurrenten, gdeankenlosem Zerstören der Umwelt - solche Leistung muss zurückgedrängt werden. Aber Leistung im Sinne von menschlichem Handeln, Güte, Fürsorge und Eintreten für Schwache, Kranke und Fremde - solche Leistung muss mehr zählen. Dazu sollten Eltern, Schulen und Lehrer erziehen." (Leserbrief im Hamburger Abendblatt, 3.7.2000, Seite 20)
Treten die Regierenden nicht jenen Kräften entgegen, "die wenig im Sinn haben mit besserer Allgemeinbildung für alle, ... wird dies Land weiterhin bildungsfeindlichen Intentionen folgen: mehr Ranking und Selektion, mehr Ignoranz und Missachtung, weniger Demokratie, weniger Personalressourcen für die Bildung". (GEW Hamburg, Broschüre "Schulentwicklung braucht qualitätsfördernde Schulevaluation", Seite 11)
Wenn Ziele und Kriterien (=die Maßstäbe) von Bildung und Leistung nicht kritisch untersucht werden, läuft ein unreflektiertes Leistungdenken die Gefahr, zu sozialdarwinistischer, kultur- und lebensfeindlicher Barbarei zu verkommen.

Leistung als Strukturprinzip einer Gesellschaft soll Gewähr bieten für soziale Chancengleichheit und Gerechtigkeit. Als Leitvorstellung der Industriegesellschaft (oder Dienstleistungs-, Informations- oder Kommunikationsgesellschaft) wird Leistung relativiert durch Wertvorstellungen wie Kreativität, Selbstbestimmung, angestrebte Verhaltensmuster wie Solidarität.
Durch Tests ermittelte Leistungsergebnisse orientieren sich an einem Vergleich mit dem Durchschnitt einer realen oder angenommenen Gesamtgruppe.
Gerechter Leistungswettbewerb setzt Chancengleichheit voraus, das heißt, es sind Bedingungen zu schaffen, die die Leistungsentfaltung aller befördern. Dies bedeutet wiederum, es müssen Ausgleiche (Kompensationen) bei sozialer Benachteiligung geschaffen werden.
Dies vorausgesetzt, zeigen Leistungsvergleichsuntersuchungen, dass heterogene (gemischte) Gruppen die größtmögliche Leistungsentfaltung der Einzelnen ermöglichen. Statt auszusortieren, muss es darum gehen, das Reservoir aller Begabungen ausschöpfen.
Integrierte Bildungsgänge bieten daher die besten Chancen, dieses Ziel zu erreichen.

Integrierte Gesamtschule, auch demokratische Leistungsschule
Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann, Universität Bielefeld, sagte am 17.11.1999 auf der SPD-Tagung "Gesamtschulen in Hamburg - Entwicklung, Erfahrungen, Perspektiven": "An der Spitze der leistungsfähigsten Schulsysteme stehen nach den Ergebnissen der (PISA-)Untersuchung mit denen in Schweden und Dänemark reine Gesamtschulsysteme."
Leistung und Vorurteil (das angeblich bessere Schulniveau außerhalb Hamburgs): Zitat: "Wir haben uns vor einiger Zeit den Spaß erlaubt, ein bayerisches Zentralabitur-Thema im Fach Chemie bei der Schulbehörde anzumelden. Es kam zurück mit der Bemerkung, so ein leichtes Thema hätten sie zur Abiturprüfung noch nie auf dem Tisch gehabt." (Bernhard Nette, Personalrat Gesamtschulen, in: Hamburger Abendblatt, 13. Juli 2000, Seite 19)
Leistungsvergleiche: Leistungsvergleichsarbeiten gab es in der integrierten Gesamtschule schon immer. Sie sind ein konstituierendes Element der Gesamtschule, mit anderen Worten gesamtschulspezifisch.
Leistung verteilt sich nach sozialen Aspekten. Die Gesamtschule hat die Integration bis nach unten (und bis nach oben) zu gewährleisten und muss von dafür - gemäß ihrem Auftrag - angemessen ausgestattet sein.

Zitat: "Schule und Hochschule stellen willkürliche Leistungsdifferenzen her, indem sie Lernen und und Lernerfolge messen. SchülerInnen müssen unter Zeitdruck ihr Wissen darstellen und und diese 'Leistung' dann bewerten lassen, wobei diese in ein Korsett aus guten und schlechten Noten gezwängt wird. Die bildungspolitisch behauptete 'Chancengleichheit' ist nicht als Resultategleichheit ... zu verstehen, sondern soll Konkurrenz entfesseln, die gezielt Gewinner und Verlierer produziert. (...) 'In dem Maß, wie [das Schulsystem] eliminiert, gelingt es ihm, die Verlierer davon zu überzeugen, dass sie selbst für ihre Eliminierung verantwortlich sind.' [Pierre Bourdieu]"
Quelle: Erziehung und Wissenschaft 4/2008, read.me GEW Studis, Seite 2-3
www.studis-online.de/HoPo/art-679-klassenbildung.php (Texte sind nicht identisch.)

 

Interview
Prof. Remo H. Largo (Kinderspital Zürich): „Der Leistungsdruck ist viel zu hoch", Welt online, im Februar 2009:
Link

 

Literatur
Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten, Campus 2002
Pierre Bourdieu: Die Illusion der Chancengleichheit, Klett-Cotta 1988

 

Siehe auch
Bildung,
Chancengleichheit
Elite,
Leistungsuntersuchungen,
Messen,
PISA,
Privatisierung,
Zensuren zensiert

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