Messen

"Messen, was messbar ist, und was nicht messbar ist, messbar machen", konnte Galileo Galilei* noch fordern.
Solches Messen gilt der Quantität und der Funktion, misst es aber auch Qualität, Idee und Intention? "Es gibt keine völlig widerspruchsfreie Mathematik", fand Kurt Gödel (1906-1978) heraus. Wir können uns/unsere Zahlenwelt mit uns/unserer Zahlenwelt nicht völlig beschreiben.
Von der Unmöglichkeit objektiven Messens: Die Physik postuliert, jedes Messen verändere Messobjekt (das, was gemessen wird), Messsubjekt (der-, diejenige, die/der misst) und sogar das Maß (die Messlatte, das Kriterium, das angelegt wird).
Politisch-ideologischer Aspekt: Jedes Messen ist interessegelenkt. Es wird gemessen, um bestimmte politische Veränderungen zu erreichen, z.B. Privatisierung des Bildungswesens, Bildung nicht mehr als Menschenrecht, sondern Bildung als Ware.
Ökonomischer Aspekt: Jedes Messen ist interessegelenkt. Mit dem Messen kann Geld (z.B. durch wissenschaftliche Konzepte, durch Nachfolgeaufträge) verdient werden.
Sozialer Aspekt: Der/die Messende ist von vornherein bestimmten kulturellen Vorstellungen unterworfen, und er/sie muss sich gegenüber der Gemeinschaft, für die er/sie misst, verantworten und rechtfertigen. (Was ist sinnvoll zu messen? Wird das erfasst, was wichtig ist?)
Pragmatischer Aspekt: Es wird nur das gemessen, wofür Messinstrumente vorhanden sind. (Messen um des Messens willen?)
Kritik-Aspekt: Wenn die Ziele und die Kriterien (=die Maßstäbe) nicht kritisch untersucht werden, läuft das Messen die Gefahr, "die Erscheinung für das Wesen" (Max Horkheimer) zu nehmen.
Zusammengefasst: "Wir können die Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu ihnen geführt haben." (Albert Einstein)

*Galileo Galilei (1564-1642): www.mathepower.com/lexikon/Mathematik-Mathematiker-Galileo-Galilei.html
*"Das Leben des Galilei" (Drama von Berthold Brecht, 1938, später, 1947, von Ernst Schnabel als Hörspiel umgeschrieben und von Brecht mit dem Schauspieler Charles Laughton ins Englische übertragen)

Ein Zitat aus dem Schauspiel "Kopenhagen" von Michael Frayn
"Es beginnt mit Einstein. Er zeigt uns, dass Messungen – Messungen, die Wissenschaft überhaupt erst möglich machen, dass das Messen kein abstraktes Phänomen ist, das nach universellen Gesetzen abläuft. Es ist eine menschliche Tat, sie geschieht von einem bestimmten Standpunkt aus in Zeit und Raum, von diesem ganz besonderen Blickpunkt eines möglichen Betrachters aus. Und dann, hier in Kopenhagen, in diesen drei Jahren Mitte der zwanziger Jahre, entdeckten wir, dass es kein genau bestimmbares objektives Universum gibt. Dass das Universum nur als Reihe von Annäherungen existiert. Nur innerhalb der Grenzen, die durch unser Verhältnis zu ihm bestimmt sind. Nur durch den Verstand im Kopf des Menschen."

Es ist schon eigenartig und sicherlich kein Zufall, dass es in diesem Stück auch um die Hybris der Menschen bei der Entfesselung der atomaren Sprengkraft geht.

Messen und Schule (der Mythos Vergleichbarkeit): "Der Vorteil zentraler Prüfungen ist ein Messen von Lehrern und Schülern an Vergleichbarkeiten. Ein denkbares Risiko, dass dann eher reproduktives Wissen abgefragt werden kann, ist vermeidbar. Deshalb wird es eine Kombination von zentralen Vorgaben und schulspezifisch gestellten Aufgaben geben." (Hamburgs Staatsrat Reinhard Behrens, Hamburger Abendblatt, 24.5.02, Seite 10)
Mehr vom Falschen: SchulforscherInnen attestieren dem deutschen Schulsystem oft, dass es zu sehr auf reproduktives Wissen (Pauken, auswendig Gelerntes) setze, zu wenig auf Lösungskompetenz (erkundendes Lernen) und zu wenig auf Transfer (angewandtes Wissen, Anwendung des Wissens auf neue Problemfelder). Im bayerischen Zentralabitur wird diese Transfer-Leistung kaum abgefragt. Offenbar ist aber genau dieser zu kurz greifende Ansatz geeignet, um beim Leistungsvergleichstest PISA relativ gut bzw. mittelmäßig ("zweite Liga": Bayern), allerdings auch nicht hervorragend ("erste Liga": Finnland) abzuschneiden. Die Frage ist: Was wollen wir erreichen? Welche Prioritäten setzen wir? Vor allem aber: Vertrauen wir blind Statistiken, ohne ihr Zustandekommen kritisch zu hinterfragen? Siehe auch PISA und PISA-Testaufgaben.

Messen und Wirtschaft: "Heute hat jedes Ding seinen Preis, und wenn es keinen Preis hat, muss es einen bekommen." Die herrschende Ideologie tue so, dass es erscheine, "als ob es dazu keine Alternative gibt". (Carl Amery, NDR Info, 16. Juni 2002)
Heute kennen wir von allen Dingen den Preis, aber von keinem den Wert. (Spruchweisheit)
"Fieber genau zu messen ist noch keine Diagnose, Fieber erfolgreich zu senken noch keine Therapie." (zum Thema Messen und Tests, gefunden auf der Homepage des Grundschulverbandes)

 

Der Roman zum Stichwort: Daniel Kehlmann "Die Vermessung der Welt", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005, 304 Seiten, 19,90 €
Alexander von Humboldt, Naturforscher und Globetrotter, und Carl Friedrich Gauß, Mathematiker und Daheimgebliebener, treffen aufeinander. Humboldt erschloss sich die Welt durch Messen, Wiegen, Katalogisieren, Botanisieren (d.h. Aneigenung durch Inbesitznahme) ihrer konkreten Erscheinungen, Gauß durch wissenschaftlich-theoretisches Nachdenken und Abstrahierung (ähnlich wie später Einstein).

 

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