Missbrauch
„Sexuelle
Gewalt“ (Oskar Negt)
„Pädophilie [bzw.
Pädosexualität] ist kein historisch neues Phänomen. Aber historisch neu ist,
dass man sich auf das Schweigen darüber nicht mehr verlassen kann …“
(Meike-Sophie Baader, 31.3.2010, taz, zit. nach Erziehung und Wissenschaft,
6/2010, Seite 6, mehrere Artikel zum Thema: Seite 6-25)
Im
Frühjahr 2010 wird in vielen Ländern über Kindesmisshandlungen (körperliche
„Strafen“) und sexuellen Kindesmissbrauch gesprochen: in kirchlichen
(katholischen) Einrichtungen, in Internaten, in Kinderchören dort, in einer
privaten Internats-Reformschule, in staatlichen Einrichtungen der ehemaligen
DDR, in Sportvereinen, in Heimen und nicht zuletzt in der Familie.
Im Sommer 2010 werden auch Missbrauchsfälle innerhalb der evangelischen Kirche
bwkannt. Eine zwingende Kausalität zwischen Zölibat und Pädophilie/Missbrauch
gibt es offenbar nicht.
Wenn Vier- bis Fünfjährige im Radio oder im Fernsehen etwas aufschnappen, sollten Eltern auf Fragen altersgemäße klare kurze Antworten geben: „Da hat ein Erwachsener einem Kind wehgetan, und jetzt kümmert sich die Polizei darum.“ Um herauszubekommen, was das Kind wissen will, sind manchmal auch Rückfragen sinnvoll.
Sexualität und sexuelle Aufklärung
Kinder sind sexuelle Wesen und durchlaufen eine Entwicklung.
Ihre sexuelle Orientierung verändert sich dabei. Die Form ihrer Sexualität ist
diffus (nicht zielgerichtet) und spielerisch.
Kinder sollten von klein auf ihrem Alter entsprechend sexuell aufgeklärt
werden. Sie sollten die Körperteile richtig benennen können, ein Gefühl für den
eigenen Körper bekommen. Und sie sollten sagen können, wenn ihren etwas
unangenehm ist. Sie müssen sagen können, wenn ihnen Berührungen unangenehm
sind. Wenn sie das gelernt haben, können sie sich auch gegen Übergriffe zur
Wehr setzen.
Schon kleine Kinder haben das Recht, Nein zu sagen, und sie sollten das wissen.
Wie können Eltern ihre Kinder schützen?
Vertrauen: Eltern sollen ihren Kindern sagen, dass sie mit ihnen über alles reden können, zum Beispiel, wenn sich für sie eine Berührung nicht gut anfühlt. Sie sollten ihnen sagen, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Die schlechten erkennt man daran, dass sie Angst machen, dass sie dann nicht gut schlafen können. Über ein solches Geheimnis sollte das Kind mit seinen Eltern sprechen.
Hilfreich sind hier Vorlesegeschichten, die Kinder stärken. Über mutige Kinder, die ihre Gefühle benennen und ihre Alltagsprobleme lösen.
Fehler, die Erwachsene machen können
Es geht um die sexuelle Selbstbestimmung des Kindes: Erwachsene sollten es respektieren, wenn ein Kind nicht angefasst werden möchte. Grenzen, die das Kind setzt, müssen eingehalten werden.
Restrisiko
Es gibt ein Restrisiko: Erwachsene, die eine emotionale Beziehung zum Kind
aufbauen, ein Abhängigkeitsverhältnis schaffen und das dann ausnutzen.
Der diskutierte Missbrauch in den schulischen Einrichtungen
wurde auf diese Weise möglich. Täter manipulieren die Kinder durch ihre
körperliche, geistige und psychologische Überlegenheit. Täter schieben die
Schuld an ihrem Verhalten auf das Kind; die manipulierten Kinder geben sich
selbst die Schuld am Missbrauch. Täter verharmlosen die Taten; es gibt
betroffene Jugendliche, die auf Befragung sagen (auch später als Erwachsene
noch), sie hielten das Vorgefallene „für nicht so wichtig“.
Das familiäre Umfeld als Tatort
Der weitaus größte Teil der Täter, etwa 75 Prozent, kommt aus dem unmittelbaren
Umfeld des Kindes: aus der Familie, der Verwandtschaft, aus dem Bekanntenkreis
der Eltern, aus der Nachbarschaft. Wissenschaftler gegen von einer hohen
Dunkelziffer (nicht entdeckte, nicht angezeigte Taten) in diesem Bereich aus.
Auch diese Täter schieben die Schuld an ihrem Verhalten auf das Opfer oder
stellen es als Lügner hin, das die Familie mit seinen Lügen/seinem Verhalten
zerstöre. Mütter, Geschwister halten zum Täter und verschließen die Augen vor
dem Offensichtlichen.
Etwa 15 000 Missbrauchsfälle (Kinder unter 14 Jahren) werden laut
Bundeskriminalamt jedes Jahr in Deutschland bekannt, der Verein Dunkelziffer
geht von einer tatsächlichen Anzahl von 200 000 Fällen aus.
Verhaltenstipps für Kinder gegenüber Fremden in der
Öffentlichkeit
Wenn ein Kind bedrängt wird, sollten eine eindeutige Körperhaltung und eine
verbale Grenzsetzung, es nicht anzufassen, die entsprechende Wirkung haben. Das
gilt nicht nur für Fremde.
5- bis 6-Jährigen können Eltern beibringen, dass sie laut schreien und auf sich
aufmerksam machen, wenn sie jemand bedrängt.
Welche Verhaltensweisen deuten auf Missbrauch hin?
Wenn ein Kind mit seinen Genitalien spielt, ist dies kein Hinweis auf Missbrauch. Einzelne Verhaltensweisen weisen nicht auf sexuellen Missbrauch hin.
Allgemeine Anzeichen sind, dass das Kind Stress ausgesetzt ist oder war. Es nässt zum Beispiel wieder ein, obwohl es schon trocken war. Weitere Anzeichen: Leistungsknick, Leistungsabfall in der Schule, Albträume, Angst vor dem Einschlafen, sexuelle Verhaltensweisen, die nicht alterstypisch sind, zum Beispiel andere Kinder nackt ausziehen.
„Sexualisiertes Verhalten“ bei Kindern kann einen ersten Hinweis geben auf Missbrauch und/oder auf soziale Verwahrlosung und sollte deshalb beobachtet werden.
Was tun bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch?
Bevor die Eltern das Kind daraufhin ansprechen, sollten sie sich Rat von einem Experten holen. Die Kinder könnten durch die Sorge der Eltern sonst noch mehr beunruhigt werden. Zum anderen ist es wichtig, dass die Aussagen des Kindes von einem Fachmann aufgenommen und dokumentiert werden.
An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass sich in der Vergangenheit Fachleute auf tragische Weise geirrt haben, indem sie den Fehler begingen, suggestiv in Kinder die Antworten „hineinzufragen“. Die Folgen solcher Befragungen sind verheerend: Unschuldige Familien wurden auf Dauer auseinander gerissen. Das bedeutet natürlich nicht, dass auf Aufklärung sexuellen Missbrauchs und auf die Bestrafung der Täter verzichtet werden darf, sondern soll deutlich machen, dass äußerst behutsam und professionell vorgegangen werden muss.
Gibt es Spätfolgen?
Missbrauchte Kinder sind meist bis in ihr Erwachsenenleben hinein traumatisiert. Das Erlebte wird verdrängt.
Eine öffentliche Diskussion kann hier den Damm brechen.
Damit Kinder sich öffnen, sollten an den Schulen professionelle Missbrauchsbeauftragte eingesetzt werden.
Traumatisch ist es für betroffene Kinder, wenn ihre Umwelt
das Problem verharmlost oder totschweigt oder gar als Lüge der Kinder
hinstellt. Es gibt zwei Arten der Folgewirkungen: Das Kind versucht, das
Geschehene zu verdrängen; eine andere Folge ist ein gestörtes Verhältnis zur
eigenen Sexualität, Unlust auf sexuelle Beziehungen oder die Ablehnung des
eigenen Körpers. Ersteres kann bis zu Persönlichkeitsabspaltungen
(Schizophrenie) führen, letzteres kann sich durch eine Vielzahl von
Krankheitsbildern äußern, zum Beispiel durch Mager- oder Fettsucht oder
Selbstverletzungen.
Verdrängung kann aber auch eine Schutzfunktion haben: Sie ist „ein Schutzschild
gegen die Not des Lebens“ (Freud). Sie trägt dazu bei, dass die Psyche nicht
überfordert wird, indem sie unerträgliche Gefühle abspaltet. Ist der Mensch
stark genug, wird aber an die Stelle der Verdrängung die Zivilcourage und das
Engagement treten, sich für die Rechte der Opfer, sich für die eigenen Rechte
einzusetzen.
Auch die Täter verdrängen – nur geht es bei ihnen darum, auszuweichen und sich
nicht ihrer Verantwortung zu stellen.
Hier gibt es professionelle Hilfe
- Telefon-Anlaufstelle 0800 225 55 30 (kostenlos)
- Beratungsstellen bei sexuellem Missbrauch unter www.hamburg.de/familienwegweiser, dann „Sexueller Missbrauch“ anklicken
- Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz HH e.V., Kinder- und Jugendtelefon Tel. 43 73 73, Hellkamp 68, www.ajs-hh.de
- Kinder- und Jugendnotdienst: Tel. 42 84 90 (abends, nachts, an Feiertagen)
- Kinderschutzzentrum Hamburg: Tel. 491 00 07, Emilienstraße 78
- Kinderschutzzentrum Harburg: Tel. 790 10 40, Eißendorfer Pferdeweg 40a
- Pro-Familien-Beratungszentrum, Tel. 300 97 49 10, Seewartenstraße 10
- Beratungsstelle für Frauen „Patchwork“: www.patchwork-hamburg.org
- „Allerleirauh“: Tel. 29 83 44 83, Menckeallee 13, www.allerleirauh.de
- „Anstoß“, Beratungsstelle zur sexualisierten Gewalt an Jungen, Hannover, Tel. 0511-123 589 11, anstoss[at]maennerbuero-hannover.de, www.anstoss.maennerbuero-hannover.de
- „Dolle Deerns“: Tel. Tel. 439 41 50, www.dolledeerns.de
- „Dunkelziffer“: Tel. 421 0700-0, Albert-Einstein-Ring 15, www.dunkelziffer.de
- „Wildwasser“, Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen, www.wildwasser.de
- „Zündfunke“: Tel. 890 12 15, Kieler Str. 188, www.zuendfunke-hh.de
- Vertrauensstelle der Schulbehörde Hamburg (BSB): Tel. 428 63 - 27 85
-
Die katholische
Kirche hat die Internetpräsenz www.hilfe-missbrauch.de und die
Telefon-Hotline 0800 120 1000 „Hilfe für Opfer sexuellen
Missbrauchs“ eingerichtet. Der Anruf ist kostenlos. Die Telefone sind besetzt:
Dienstag, Mittwoch, Donnerstag von 13.00 bis 20.30 Uhr.
-
Die Nordelbische Kirche
(evangelisch) bietet Kontaktadressen unabhängiger Ombudsfrauen.
Hamburg ombudsfrau-kirche-hh[at]web.de
Schleswig-Holstein ombudsfrau-kirche-sh[at]web.de
„Runder Tisch gegen sexualisierte Gewalt in Kirche und Diakonie“:
genderstelle[at]nordelbien.de
Hauptquelle für den Text: Artikel im Hamburger Abendblatt, 16.3.10, Seite 27: „Kinder müssen früh Nein sagen lernen“ sowie 8.4.10 und 9.4.10, Seite 3
Für Kinder
Sylvia Deinert/Tine Krieg: Das Familienalbum, Lappan Verlag 1993
Für Jugendliche
Beate Teresa Hanika: Rotkäppchen muss weinen, Fischer Schatzinsel 2009,
222 Seiten, 12,95 €, ab zwölf Jahren,
siehe Rezension unter www.ajum.de
(Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW)
Irvin Hadley: Liebste Abby, Beltz Verlag 1986
Für Erwachsene
Mona Michaelsen: Flüsterkind, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag,
2010, 9,90 €
Ursula Enders, Zart war ich, bitter war’s – Handbuch gegen sexuellen
Missbrauch, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001
Caren Adams/Jennifer Fay, Ohne falsche Scham – Wie Sie Ihr Kind besser
schützen können, Rowohlt Verlag 1990
Infobroschüre: Dunkelziffer e.V. (Hrsg.), Ratgeber und Wegweiser bei
sexuellem Missbrauch an Kindern
U. Eglé, S. Hoffmann, P. Jonaschky (Hrsg.): Sexueller Missbrauch,
Misshandlung, Vernachlässigung, Schattauer, Stuttgart 1997
Sichere Orte für Kinder, Bericht über die Präventionsmaßnahmen eines
Abenteuerspielplatzes in Berlin, Deutscher Taschenbuchverlag 2003
G. Amann, R. Wippinger (Hrsg.): Sexueller Missbrauch. Überblick zu
Forschung, Beratung und Therapie. Ein Handbuch. Deutsche Gesellschaft für
Verhaltenstherapie, Tübingen 2005
Jörg Michael Fegert, Mechthild Wolff (Hrsg.): Sexueller Missbrauch durch
Professionelle in Institutionen. Juventa Verlag 2006
Dirk Bange: Sexueller Missbrauch an Jungen. Die Mauer des Schweigens.
Hagrefe Verlag, Göttingen 2007
Wir können was, was ihr nicht könnt, ein Bilderbuch über Doktorspiele
und sexuelle Übergriffe unter Kindern, Verlag mebes & noack 2009
[bildungsserverblog] „Missbrauchsskandale an Kloster- und Eliteschulen –
welche Konsequenzen werden gezogen?“
http://blog.bildungsserver.de/?p=519
Archiv der Zukunft – Netzwerk (Reinhard Kahl)
„Reformpädagogik und Missbrauch – oder Missbrauch der
Reformpädagogik?“
www.adz-netzwerk.de/Reformpaedagogik-und-Missbrauch-oder-Missbrauch-der-Reformpaedagogik.php
Kabarettreif: Der hessische FDP-Chef: Rot-Grün habe in den 80er- und 90er-Jahren „ein Klima geschaffen, das erst den Boden …“ für die Missbrauchsfälle (in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren?!) „ … bereitet hat“. (Hamburger Abendblatt, 9.4.10, Seite 3)
Materialien
Zartbitter,
Sachsenring 2-4, 50677 Köln, www.zartbitter.de
interaktive Wanderausstellungen: www.petze-kiel.de
Arbeitshilfen: www.jugendhilfe-hochdorf.de
Empfehlungen für den Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ von Christine
Bergmann (SPD), Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen
Kindesmissbrauchs (2010-2011)
www.beauftragte-missbrauch.de/course/view.php?id=30
http://beauftragte-missbrauch.de/course/view.php?id=112
Newsletter
GEW-Newsletter
„Sexuelle Gewalt in der Schule“, Hhrsg. GEW-Hauptvorstand/Frauen in der GEW
www.gew.de/Binaries/Binary61530/Frauen-1-10_Newsletter.pdf
Zeitungsartikel
„Missbrauch an
Schulen - neun Fragen, neun Antworten“
www.badische-zeitung.de/deutschland-1/missbrauch-an-schulen-neun-fragen-neun-antworten--28470203.html
Missbrauchsopfer
„Wir klagen an …
Wir fordern …“ – Materialien, Medienberichte, Dokumentationen
www.jetzt-reden-wir.org
www.missbrauch-opfer.info
(viele Informationen)
www.gew.de/GEW_Opfer_in_Mittelpunkt_der_Aktivitaeten_stellen.html
Siehe auch die Stichwörter