Neoliberalismus

Liberalismus < lat. liber frei, lat. liberalis edel, gütig, freundlich, freiheitlich, lat. libertas Freiheit, Freiheitssinn, Freimütigkeit + -ismus Nachsilbe, um ein Wort zu bilden, das eine geistige Richtung, eine Lehre, eine Theorie, ein System, eine Handlung, einen Zustand bezeichnet < lat. -ismus, griech -ismos, ein Suffix, um aus einem Verb (Endung auf lat. -izare, griech. -izein) ein Substantiv zu bilden
- eine philosophische, ökonomische und politische Strömung, die das Individuum (=den Einzelnen) und seine Freiheit als Grundlage und im Mittelpunkt der sozialen (= gesellschaftlichen) und ökonomischen (= wirtschaftlichen) Ordnung sieht. Der Liberalismus entsteht durch die Emanzipation des Bürgertums (wirtschaftlicher Erfolg) gegenüber der Aristokratie (Vorrechte durch gesellschaftlichen Stand).
- die Befreiung des Menschen im Sinne der Aufklärung und die Befreiung des Kapitals in einer freien Marktwirtschaft (free enterprise).

Neoliberalismus = griech. νεοζ néos neu + Liberalismus
a) als politisch-ökonomischer Begriff: Neubelebung des Wirtschaftsliberalismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts unter Anerkennung des wechselseitigen Abhängigkeit von politischer und wirtschaftlicher Freiheit und einer Ordnungspolitik (fairer Wettbewerb). Neu war dieser Liberalismus, weil er sich vom "alten" Laissez-faire-Liberalismus absetzte, der ein uneingeschränktes Spiel der Marktkräfte propagiert hatte.
b) Neoliberalismus als politische Konzeption blendet die Befreiung des Menschen aus, reduziert den Liberalismus auf die ökonomische Komponente, auf diese Weise unterzieht der Neoliberalismus alle Bereiche des Lebens einer Ökonomisierung und betrachtet sie vor allem im Hinblick auf ihre ökonomische Verwertbarkeit (schwacher Staat, freie Kräfte des Marktes: Milton Friedman und die Chicago Boys, Chicago-School - in scharfem Kontrast zu John Maynard Keynes' Nachfragepolitik mit einem regulierenden Staat).

 

"Kommerzialisierung und Privatisierung müssen nicht notwendigerweise vor dem staatlichen Bildungswesen Halt machen. Die Vermarktung und Umwandlung von Bildung in Ware kann auch auf indirektem Weg erfolgen. Zwei Beispiele: Dieser Umwandlungsprozess läuft dann, wenn ein öffentliches Schulwesen akzeptiert, dass das Erziehungsziel lautet, Ausbildung und Qualifikation an wirtschaftlichen Interessen zu orientieren und diesen unterzuordnen. Vor allem, wenn das Ziel lautet, die eigene, die nationale Wirtschaft und die großen Unternehmen international wettbewerbsfähig zu machen.
Das zweite Beispiel ist die Nutzung der elektronischen Medien in der Bildung. Was folgt daraus, wenn man dieses Instrument wirken lässt? Eine zunehmende Individualisierung von Lernprozessen und Bildungsbiografien. Die Ideologie, die dahinter steht, lautet: Jeder bestimmt seinen Bildungsweg selbst. Du wirst dein eigener Unternehmer. Das sieht auf den ersten Blick demokratisch aus, heißt aber in Wirklichkeit, dass du Kunde eines privatisierten Bildungsangebots wirst."

Lehrkräfte müssen das Bildungssystem "auf die Grundlage des Rechts auf Leben stellen. Die Kinder und Jugendlichen gehen in die Schule, um zu lernen, wie Menschen zusammenleben können. ... Das ist wichtig, weil Bildung nicht primär das Ziel hat, Individuen intelligent zu machen. Es geht vielmehr darum, eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam in die Lage zu versetzen, friedlich miteinander zu leben ... und diese Ziel muss ein globales Ziel werden." Einzufordern ist die Repolitisierung der Politik: "Wenn die politische Macht schwach ist, haben auch die eine schwächere Position, die Bildung haben wollen, weil das Angebot von den Finanzmärkten bestimmt wird."
"Vorsicht Falle: Falle 1: Ausbildung hat Bildung ersetzt. Allgemeinbildung wird von der Qualifizierung für den Produktionsprozess verdrängt. Menschen spielen nur noch als ‚Humanressourcen‘ eine Rolle. Falle 2: Bildung wird kommerzialisiert. Auch die Erziehung wird der Logik des Marktkapitalismus unterworfen. Der Mensch wird zum Konsumenten von Bildung. Falle 3: ‚Humanressourcen‘ werden zur Waffe im Kampf um globale Marktanteile. Der (Aus)Bildungsprozess erzeugt Gewinner und Verlierer. Nur die Fähigkeiten der Sieger sind für die Unternehmen im Konkurrenzkampf interessant. Falle 4: Bildung entscheidet nicht nur über das Einkommen, sondern auch über den gesellschaftlichen Wert eines Menschen. Verlierer werden zu Bürgern zweiter Klasse. Falle 5: Das technokratische Verständnis von Bildung. In der ‚Wissensgesellschaft‘ entscheiden Finanzwirtschaft, Unternehmer und Bürokraten, was nützlich und ‚wertvolles‘ Bildungsgut ist." (Riccardo Petrella, "Das Immunsystem stärken", in: Erziehung und Wissenschaft, 6/2001, Seite 23-24)

 

Ingrid Lohmann: After Neoliberalism. Können nationalstaatliche Bildungssysteme den ´freien Markt´ überleben?
"... Bildungspolitische Leitlinie der deutschen Bundesregierung in den 90er Jahren war die Beschaffung von Akzeptanz für die neoliberalistische Umstrukturierung des öffentlichen Bildungswesens. Wesentliche Beiträge dazu leistete der vorige Bundespräsident, Roman Herzog. Mit Schlagworten wie "Entlassen wir Schulen und Hochschulen in die Freiheit" und "Unsere Bildungsinstitutionen dürfen nicht zum Schlusslicht werden" bereitete er den Boden für entsprechende Maßnahmen (Herzog 1997, 1999).

Zielgröße ist der Abbau öffentlicher Bildung durch verschiedene Formen der Privatisierung und Kommerzialisierung, mit welchen Bildungsprozesse in Eigentumsoperationen mit Wissen als Ware umgewandelt werden (vgl. Lohmann 1999, 2000). Mittlerweile ist absehbar, dass am Ende dieser neoliberalistischen Transformation öffentliche Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen nicht mehr existieren werden; dass die Zugänge zum Wissen - sei es zu Schulen und Hochschulen, sei es zu elektronischen Bibliotheken, Datenbanken, Internetportalen - ökonomisch, technologisch und inhaltlich von transnationalen Konzernen und ihren Stiftungen kontrolliert werden; dass diese Zugänge - selbstredend - kostenpflichtig sind und so teuer, wie es ´der Markt´ zulässt."

Quelle: www.erzwiss.uni-hamburg.de/Personal/Lohmann/AfterNeo.htm
Ingrid Lohmann / Rainer Rilling (Hrsg.): Die verkaufte Bildung. Kritik und Kontroversen zur Kommerzialisierung von Schule, Weiterbildung, Erziehung und Wissenschaft. Opladen 2001.

 

Literatur
Naomi Klein: Die Schock-Therapie. Der Aufstieg des Katastropen-Kapitalismus, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007 (stößt Milton Friedmans Theorien anhand konkreter Beispiele inhumaner Praxis vom Sockel)

 

 

Siehe
Privatisierung,

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