Deutsche Rechtschreibung (=Orthographie, auch Orthografie)      

Orthographie < griech. orthographia < orthos gerade, richtig + graphein schreiben

Zum Glück sind die Rechtschreibregeln im Allgemeinen nicht das Ein und Alles im Leben, aber wer möchte nicht gern zur Koryphäe werden in puncto Orthographie und Zeichensetzung (=Interpunktion)? Dennoch dürfte den meisten angst und bange werden, wenn sie das unten Stehende (auch das Untenstehende) als Diktat zu schreiben hätten.

Mit der neuen deutschen Rechtschreibung von 1996 wurde einiges vereinfacht und erleichtert; einige aber ärgern sich über die Neuerungen ("ein Rückschritt", "verwirrend", "Kinder machen neue Fehler", "nur zu verstehen, wenn die alten Regeln bekannt sind") und möchten lieber die alte Rechtschreibung behalten, andere wenden ein, und zwar mit guten Gründen, dass diese Reform halbherzig gewesen und nicht weit genug gegangenen sei (phonologisch noch einheitlicher, durchgängiger, "Ergebniss", "Buss", "binn", "mitt", Abschaffung der Längungen "h" und "ie", Kleinschreibung der Substantive. Solche Reformansätze gab es immer wieder: Jacob Grimm 1854, Konrad Duden 1872, weitere Initiativen z.B. 1920, 1931).
Kritik an den VerteidigerInnen der alten Rechtschreibung: Die bisherige Rechtschreibung war ein Kompromiss, ein eher zufälliger Zwischenstand aus dem Jahr 1901. Sie enthält zu viele, schwer verständliche und widersprüchliche Regeln. Wenn etwas neu ist, ist es nicht deshalb schlecht. Wenn etwas gewohnt ist, ist es nicht deshalb vernünftig. Wenn etwas einfach ist, ist es nicht deshalb dumm. Korrekte Rechtschreibung sollte der Kommunikation dienen, nicht als Ausweis guter Bildung oder hoher Intelligenz. Rechtschreibung darf in einer demokratischen Gesellschaft nicht Herrschaftswissen sein.
Kritik an den BefürworterInnen der neuen Rechtschreibung: Die neuen Schreibungen sind nicht aus wenigen Regeln abzuleiten, sondern unterliegen nach wie vor haarspalterischen Unterscheidungskriterien. Die Chance einer gründlichen Vereinfachung mit möglichst wenigen Regeln wurde verpasst. Konsens innerhalb der Kommissionen war wichtiger als die Durchsetzung einfacher Regeln. Die Reform ist undemokratisch zustande gekommen: Auf eine breite gesellschaftliche Einbindung wurde ohne Not verzichtet.
Die deutschsprachigen Länder sind die einzigen in Europa, die noch alle Substantive (Hauptwörter) großschreiben* (Befindet sich die »Substanz« nur in den »Substantiven«? Sind neben den »Haupt«wörtern alle anderen nebensächlich?). Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Norwegen die Nomen-Großschreibung abgeschafft (1877 in den Schulen, 1907 allgemein), 1923 in den Niederlanden, 1948 in Dänemark. Generell gilt in Europa die "gemäßigte Kleinschreibung", d.h. bis auf Eigennamen (Hamburg, Elbe, Nordsee, Deutschland, Hamburger Straße, Klein Erna, Hummel, Zitronenjette, Marie Müller) und Wörter am Satzanfang werden alle Wörter kleingeschrieben*.

Wilhelm und Jacob Grimm, Verfasser des deutschen Wörterbuchs, 1854 (zitiert nach taz, 12.08.04, Seite 1): den gleichverwerflichen misbrauch groszer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heiszen kann, habe ich [...] abgeschüttelt.

Mark Twains Kritik der deutschen Sprache als solcher ist jedenfalls viel weitreichender als jede noch so profunde Kritik ihrer Rechtschreibung (slipshod and systemless: The Awful German Language, 1880, aus A Tramp Abroad, in: Charles Neider (Hrsg.), The Complete Humorous Sketches and Tales of Mark Twain, Doubleday & Company, New York 1961, Seite 439-455).

Typographische Mitteilungen, zeitschrift des bildungsverbandes deutscher buchdrucker, august 1926:
die rechtschreibung ist eine förmliche geistige folter für die jugend, eine folter wie die übermäßige arbeitszeit, für deren herabsetzung die besten menschen jahrzehntelang gekämpft und gelitten haben...
deutsche rechtschreibung, das ist noch der unverfälschte geist des militarismus, das ist noch dressur zum gottbegnadeten untertanenverstand und kadavergehorsam, das ist noch die alte deutsche, autoritäre erziehung in reinkultur. die deutsche rechtschreibung ist ein hohn auf die demokratische erziehung, dieser unfug, den wir immer noch dulden, ist die brutale rechtschreibung des klassenstaates.

* "großschreiben" = mit großen Angangsbuchstaben schreiben; "groß schreiben" = in großer Schrift schreiben; besonders schätzen; (bei Getrenntschreibung ist groß steigerbar)
Diese spitzfindige Unterscheidung ist ein Beispiel für die Schwächen der neuen (aber auch schon der alten!) Rechtschreibung.

Sie finden das berühmt-berüchtigte kosogsche Diktat in alter und neuer Rechtschreibung gegeneinander gestellt. Urteilen Sie selbst, was leichter und was sinnvoller ist.

Oskar Kosog, Unsere Rechtschreibung und die Notwendigkeit ihrer gründlichen Reform, Berlin, Leipzig 1912, Seite 9-11

Alte Rechtschreibung (ab 1901)

 

Neue Rechtschreibung (ab 1996)

Das Kosogsche Diktat:

Aus dem Testamente einer Mutter

Liebe Kinder!
Heute nacht nahm ich mir vor, Euch diesen Morgen einige Lehren fürs Leben des nähern niederzuschreiben. Leset sie oftmals durch, so werdet Ihr Euch bei Gelegenheit des Nähern entsinnen und danach handeln.
Zwar kann ich Euch nur etwas Weniges hinterlassen, aber Euch etwas Gediegenes lernen zu lassen, dazu habe ich mein Bestes, ja mein möglichstes getan. Ihr seid alle gut im Stande, so daß Ihr imstande seid, Euch redlich durchzuschlagen. Sollte jedoch einer von Euch je in Nöten sein, so ist es durchaus vonnöten, daß Ihr Euch gegenseitig helft. Seid stets willens, Euch untereinander zu Willen zu sein. Irrt einer von Euch, so sollen die übrigen ihn eines andern, und zwar eines Bessern zu belehren versuchen.

Achtet jedermann, Vornehme und Geringe, arm und reich. Seid keinem feind; denn jemandes Feind sein, bringt oft Unheil. Tut niemand ein Leid an, so wird man auch Euch nicht leicht etwas zuleide tun. Euer seliger Vater sagte oft zu seinen Kindern (Schülern): »Tut nie Böses, so widerfährt Euch nichts Böses.« Macht Euch eine abrahamsche Friedfertigkeit zu eigen, indem Ihr nach dem Abrahamschen Wort handelt: »Gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken.« Wer von Euch der klügste sein will, der handle nach dem Sprichwort: »Der Klügste gibt nach.«

Tut nie unrecht, seid Ihr aber im Recht, so habt Ihr recht, ja das größte Recht, wenn Ihr Euer Recht sucht, und Ihr werdet alsdann im allgemeinen auch recht behalten. Laßt nichts außer acht, ja außer aller Acht, wenn Ihr Freundschaft schließt; wählt nicht den ersten besten als Freund und sorgt, daß Ihr unter Euern Mitarbeitern nie die Letzten seid. Wollt Ihr Wichtiges zuwege bringen, so müßt Ihr ernstlich zu Werke gehen. Sucht auf dem laufenden zu bleiben und zieht nie eine ernste Sache ins Lächerliche, denn etwas Lächerliches gibt es nicht. Verachtet nie das Leichte, so wird es Euch schließlich ein leichtes, auch das Schwierigste zu überwinden.
Es ist aber das schwierigste, daß man sich selbst bezwingt. Seid Ihr in einer Angelegenheit im dunkeln, so übt Vorsicht, denn im Dunkeln stößt man leicht an. Seid auch im Geringsten nicht im geringsten untreu. Zum letzten rate ich Euch folgendes: Befolgt das Vorstehende, so braucht Euch nicht angst zu sein; ohne Angst könnt Ihr dann zu guter Letzt auf das beste standhalten, auf das Beste hoffen und zeit Eures Lebens dem Schicksal Trotz bieten.
Eure Mutter

 

Das kosogsche / (auch:) Kosogsche Diktat:

Aus dem Testamente einer Mutter

Liebe Kinder,
heute Nacht nahm ich mir vor euch diesen Morgen einige Lehren fürs Leben des Nähern niederzuschreiben. Leset sie oftmals durch, so werdet ihr euch bei Gelegenheit des Nähern entsinnen und danach handeln.
Zwar kann ich euch nur etwas Weniges hinterlassen, aber euch etwas Gediegenes lernen zu lassen, dazu habe ich mein Bestes, ja mein Möglichstes getan. Ihr seid alle gut im Stande, sodass/ so dass ihr imstande/ im Stande seid euch redlich durchzuschlagen. Sollte jedoch einer von euch je in Nöten sein, so ist es durchaus vonnöten, dass ihr euch gegenseitig helft. Seid stets willens euch untereinander zu Willen zu sein. Irrt einer von euch, so sollen die Übrigen ihn eines andern/ eines Andern, und zwar eines Bessern zu belehren versuchen.
Achtet jedermann, Vornehme und Geringe, Arm und Reich. Seid keinem Feind; denn jemandes Feind sein bringt oft Unheil. Tut niemand ein Leid an, so wird man auch euch nicht leicht etwas zuleide/ zu Leide tun. Euer seliger Vater sagte oft zu seinen Kindern (Schülern): »Tut nie Böses, so widerfährt euch nichts Böses.« Macht euch eine abrahamsche/ Abrahamsche Friedfertigkeit zu Eigen, indem ihr nach dem abrahamschen/ Abrahamschen Wort handelt: »Gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken.« Wer von euch der Klügste sein will, der handle nach dem Sprichwort: »Der Klügste gibt nach.«
Tut nie Unrecht, seid ihr aber im Recht, so habt ihr Recht, ja das größte Recht, wenn ihr euer Recht sucht, und ihr werdet alsdann im Allgemeinen auch Recht behalten. Lasst nichts außer Acht, ja außer aller Acht, wenn ihr Freundschaft schließt; wählt nicht den ersten Besten als Freund und sorgt, dass ihr unter euern Mitarbeitern nie die Letzten seid. Wollt ihr Wichtiges zuwege/ zu Wege bringen, so müsst ihr ernstlich zu Werke gehen. Sucht auf dem Laufenden zu bleiben und zieht nie eine ernste Sache ins Lächerliche, denn etwas Lächerliches gibt es nicht. Verachtet nie das Leichte, so wird es euch schließlich ein Leichtes, auch das Schwierigste zu überwinden.
Es ist aber das Schwierigste, dass man sich selbst bezwingt. Seid ihr in einer Angelegenheit im Dunkeln, so übt Vorsicht, denn im Dunkeln stößt man leicht an. Seid auch im Geringsten nicht im Geringsten untreu. Zum Letzten rate ich euch Folgendes: Befolgt das Vorstehende, so braucht euch nicht angst zu sein; ohne Angst könnt ihr dann zu guter Letzt auf das Beste/ beste standhalten, auf das Beste hoffen und zeit eures Lebens dem Schicksal Trotz bieten.
Eure Mutter

 

Hier noch etwas aus neuerer Zeit:
Das D.-E.-Zimmer'sche Diktat

Alte Rechtschreibung (ab 1901)

 

Neue Rechtschreibung (ab 1996)

Quelle: Dieter E. Zimmer, DIE ZEIT, 3.11.1989

1. Irgend jemand fläzte sich auf dem Diwan neben dem Büfett [oder Buffet], ein anderer rekelte [oder räkelte] sich rhythmisch auf der Matratze, ein dritter planschte im Becken.

2. Man stand Schlange und kopf, lief Ski und eis, schob Kegel, sprach Englisch, und wer diät gelebt und hausgehalten hatte, hielt jetzt hof.

3. Auf gut deutsch heißt das, die libysche Firma hat Pleite gemacht, aber die selbständigen Mitarbeiter konnten ihre Schäfchen ins trockene bringen.

4. Alles mögliche deutet darauf hin, daß sich etwas Ähnliches wiederholen wird, obwohl alles Erdenkliche getan wurde, etwas Derartiges zu verhindern und alles zu annullieren.

5. In einem nahe gelegenen Haus fand sich das nächstgelegene Telefon [oder Telephon], im Portemonnaie der numerierte Bon.

6. Im Zenit ihres Ruhms wagten sie die Prophezeiung, man werde trotz minuziöser [oder minutiöser] Prüfung weiter im dunkeln tappen und aufs Beste hoffen, und insoweit werde alles beim alten bleiben.

7. Auch wer aufs Ganze geht und überschwenglich sein Bestes tut, tut manchmal unrecht, hält es aber gern für Rechtens.

8. Er war statt dessen bemüht, den zugrundeliegenden Konflikt also den Konflikt, der ihrem Dissens zugrunde liegt und allen angst macht - zu entschärfen, und infolgedessen kam er mit allen ins reine.


9. Wie kein zweiter hat sich der Diskutant dafür stark gemacht, auch die weniger brillanten Reflexionen der Koryphäen ernst zu nehmen.

10. Daß es not tut, alles wieder instand zu setzen, darf ein einzelner nicht in Frage stellen.

Worttrennungen: Ex-amen; Exo-tik; Hekt-ar; igno-riert; Land-au-er; Lin-ole-um; Psych-ia-ter; Psych-ago-ge; Psy-cho-lo-ge; päd-ago-gisch; pä-do-phil; Päd-erast; So-wjet; Syn-onym.

 

Quelle: Dieter E. Zimmer, DIE ZEIT, 3.11.1989

1. Irgendjemand fläzte sich auf dem Diwan neben dem Büfett [oder Buffet], ein anderer rekelte [oder räkelte] sich rhythmisch auf der Matratze, ein Dritter planschte im Becken.

2. Man stand Schlange und Kopf, lief Ski/ Schi und Eis, schob Kegel, sprach Englisch, und wer Diät gelebt und Haus gehalten hatte, hielt jetzt Hof.

3. Auf gut Deutsch heißt das, die libysche Firma hat Pleite gemacht, aber die selbstständigen Mitarbeiter konnten ihre Schäfchen ins Trockene bringen.

4. Alles Mögliche deutet darauf hin, dass sich etwas Ähnliches wiederholen wird, obwohl alles Erdenkliche getan wurde etwas Derartiges zu verhindern und alles zu annullieren.

5. In einem nahe gelegenen Haus fand sich das nächstgelegene Telefon, im Portmonee/ Portemonnaie der nummerierte Bon.

6. Im Zenit ihres Ruhms wagten sie die Prophezeiung, man werde trotz minuziöser [oder minutiöser] Prüfung weiter im Dunkeln tappen und aufs Beste hoffen, und insoweit werde alles beim Alten bleiben.

7. Auch wer aufs Ganze geht und überschwänglich sein Bestes tut, tut manchmal Unrecht, hält es aber gern für rechtens.

8. Er war stattdessen bemüht den zugrunde/ zu Grunde liegenden Konflikt - also den Konflikt, der ihrem Dissens zugrunde/ zu Grunde liegt und allen Angst macht - zu entschärfen, und infolgedessen kam er mit allen ins Reine.

9. Wie kein Zweiter hat sich der Diskutant dafür stark gemacht auch die weniger brillanten Reflexionen der Koryphäen ernst zu nehmen.

10. Dass es Not tut, alles wieder instand/ in Stand zu setzen, darf ein Einzelner nicht infrage/ in Frage stellen.

Worttrennungen: E-xa-men; Ex-amen, E-xo-tik; Hek-tar; Hekt-ar, ig-no-riert; Lan-dau-er; Li-no-le-um; Psy-chi-a-ter, Psych-ia-ter; Psy-cha-go-ge, Psych-a-go-ge; Psy-cho-lo-ge; pä-da-go-gisch, päd-a-go-gisch; pä-do-phil; Pä-de-rast, Päd-e-rast; So-wjet; Syn-onym.

 

Deutsche rechtschreibungen

 

Klassische Rechtschreibung

Quelle: taz nr. 7433 vom 12.8.2004, seite 3, 88 zeilen (TAZ-bericht), floh

Under der linden an der heide, / dâ unser zweier bette was, / dâ mugt ir vinden / schône beide gebrochen bluomen / unde gras. / vor dem walde in einem tal- / tandaradei! / schöne sanc die nachtigal. (Under der linden, geschrieben von Walter von der Vogelweide, 1170-1230)

Dan goth geburt alleyn zu richten, Wylle Christus sagt: Ir solt nit richten, das yr nith gerichtet werden. (Martin Luther, geschrieben 1519)

Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und männiglich nutzlich zu lesen. (Hans Jakob Cristoph von Grimmelshausen, Der Abentheuerliche Simplicissimus (1668))

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medicin, Und leider auch Theologie! Durchaus studirt, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor; Heiße Magister, heiße Doctor gar, Und ziehe schon an die zehen Jahr, Herauf, herab und quer und krumm, Meine Schüler an der Nase herum ---

Und sehe, daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen. (Johann Wolfgang von Goethe, Faust, der tragödie erster teil, veröffentlicht 1808)

RECHTSCHREIBUNG, f. kunstausdruck für griech.-latein. orthographia, im 16. jahrh. wenn nicht schon gebildet, doch vorbereitet (welchs sonst die Latiner und Krichen, orthographiam, wir aber, recht buchstäbig deutsch schreiben, nennen wollen. JOH. FRANGK orthographia 1531 75b), im 17. jh. durch SCHOTTEL verbreitet: die wortforschung nun erfordert erstlich () eine erforschung der letteren oder buchstaben, wie nemlich dieselbige, so wol einzel, als in wörtern, zusammengesetzt, recht nach gründlicher eigenschaft der teutschen sprache zu schreiben: und solches anfangsstück der wortforschung wird genennet die rechtschreibung (orthographia). 181; seither geblieben: es gibt eine wahre und eine förmliche orthographie. der eine hat eine falsche rechtschreibung und der andere eine rechte falschschreibung. LICHTENBERG 1, 327. (Deutsches Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm, 1854)

"an die bundesregierung: sie werden dafür sorgen, dass alle öffentlichen fandungsmaßnahmen unterbleiben oder wir erschiessen schleyer sofort, ohne dass es zu verhandlungen über seine freilassung kommt. raf." (Erklärung der raf vom september 1977)

 

Quelle: Wörterbuch von 1836
Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, Druck 1867

Wörter: (mit langem ( bzw. | sowie rundem s)
acceptiren, addiren, an einander, der Asbe|t, aus|cheiden, citiren, das Concept, die Couli||e (auch Kuli||e), das Eigenthum, erwiedern, das Gedächtniß, heirathen (auch: heurathen), intere||iren, kauderwäl|ch, läugnen (auch: leugnen), der Loth|e (auch: Lot|e, Loot|e), das Maaß (auch: Maß), Maus, Mäuschen, Mäu|e, der Mei|ter, der Monat (auch: Monath), der Muskel, muthlos, der Pfenning, rathen, Räth|el, reprä|entiren, der Re|pect, das Ri|ico, |ämmtlich, der Schiedsrichter, |chreiben, |ich |chnäuzen (auch: |chneutzen), |eyn, die Ta|che, die Ta||e, tau|end, das Thal, der Thaler, die That, der Thee, der Theer, der Theil, theilen, theuer, das Thier, das/der Thor, die Thräne, das(der) Thre|or, thun, die Thür, der Thurm, der Ueberfluß, über|chwänglich, das Urtheil, die Waare, der Werth ...

Textprobe
Erlaubt mir eine Frage, ver|etzte Wilhelm: Habt ihr denn auch, |o wie ihr das Leben die|es göttlichen Mannes als Lehr= und Mu|terbild auf|tellt, |ein Leiden, |einen Tod gleichfalls als ein Vorbild erhabener Duldung herausgehoben? Auf alle Fälle, |agte der Aelte|te. Hieraus machen wir kein Geheimniß; aber wir ziehen einen Schleier über die|e Leiden, eben weil wir |ie |o hoch verehren. Wir halten es für eine verdammungswürdige Frechheit, jenes Martergerü|t und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszu|etzen, die ihr Ange|icht verbarg, als eine ruchlo?e Welt ihr dieß Schau|piel aufdrang, mit die|en tiefen Geheimni||en; in welchen die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu |pielen, zu tändeln, zu verzieren ... So viel |ey für dießmal genug ...
[...]
Nun hat man Fälle ge|ehen, wo die Gemüther |ich ins Allgemeine neigten, wo eine Mode |ich über alle verbreiten, jede Ab|onderung |ich zur Einheit verlieren wollte. Einer |olchen Wendung |uchen wir auf gelinde Wei|e Einhalt zu thun, wir la||en die Vorräthe ausgehen; die|es und jenes Zeug, eine oder die andere Verzierung i|t nicht mehr zu haben; wir |chieben etwas Neues, etwas Reizendes herein; durch helle Farben und kurzen, knappen Schnitt locken wir die Muntern, durch ern|te Schattirungen, bequeme faltenreiche Tracht die Be|onnenen, und |tellen |o nach und nach ein Gleichgewicht her. (...)
Unter |olchen und andern Ge|prächen gelangte Wilhelm an die Gränze der Provinz, und zwar an den Punkt, wo |ie der Wanderer, nach des alten Freundes Andeutung, verla||en |ollte, um |einem eigentlichen Zweck entgegen zu gehen.
[...]
Was |ag|t du? rief der Major; i|t's möglich? inde||en wir uns alle Mühe geben, uns ökonomi|ch vorzu|ehen, |o |pielt uns die Neigung einen |olchen Streich! ...

 

Ende 2004 wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung eingesetzt. Er hat die geltende Rechtschreibung noch einmal(!) unter die Lupe genommen und Vorschläge unterbreitet; die Schreibung wird behutsam begleitet und angeglichen.
Nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz gilt die Rechtschreibreform mit den abgeänderten Regeln, entsprechend den Vorschlägen des Rates für deutsche Rechtschreibung, ab August 2006 an allen Schulen in Deutschland. Die Ministerpräsidenten (kein Innen, da nur Männer) der deutschen Länder müssen allerdings noch zustimmen. Österreich will sich den Korrekturen anschließen, die Schweiz wartet noch ab. (Kabel1-Videotext, 2.3.06, Seite 114, Hamburger Abendblatt, 3.3.06, Seite 7)
Fazit: Bis auf Weiteres/weiteres können jetzt alle wieder Recht/recht haben. Von gepflegter Anarchie kann im regelungswütigen Deutschland jedenfalls keine Rede sein.

 

Von der Großschreibung bis zur Worttrennung
Die Änderungen an der Rechtschreibreform können ab August an Deutschlands Schulen eingeführt werden.

Nach der Kultusministerkonferenz (KMK) stimmten am Donnerstag [30.03.06] auch die Ministerpräsidenten der Länder zu, dass die Reform in strittigen Bereichen noch einmal geändert wird. Grundlage dafür waren die Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. Die Nachrichtenagentur AFP gibt einen Überblick über die wichtigsten Vorschläge:

GETRENNT- UND ZUSAMMENSCHREIBUNG: In diesem Bereich trug der Rat nach eigenen Angaben der den Traditionen des Deutschen entsprechenden Tendenz zur Zusammenschreibung Rechnung. Es soll also wieder mehr zusammengeschrieben werden. So wird etwa künftig eislaufen [alte Rechtschreibung eislaufen] und leidtun [alt leid tun] oder auch näherkommen [alt näherkommen] und schwerfallen [alt schwerfallen] geschrieben. Auch bei übertragen gebrauchten Verbindungen von zwei Verben, die als zweiten Bestandteil die Verben bleiben oder lassen haben, soll eine Zusammenschreibung möglich sein. Dies gilt zum Beispiel bei Formulierungen wie in der Schule sitzenbleiben oder die Freundin stehenlassen [entspricht beides der alten Rechtschreibung, aber, heißt es dort, schreibe: bei dieser Arbeit solltest du ihn besser stehen lassen].

GROß- UND KLEINSCHREIBUNG: Die Änderungen in diesem Bereich, für den der Rat ursprünglich keine Vorschläge vorlegen sollte, stehen vor allem im Zusammenhang mit der Getrennt- und Zusammenschreibung. Begriffe wie pleitegehen und bankrottgehen [alt pleite gehen/sein, Pleite machen, bankrott gehen/sein, Bankrott machen] sollen klein und zusammen geschrieben werden. In Briefen kann die Anrede Du groß geschrieben [neue Rechtschreibung großgeschrieben] werden. Bezeichnungen wie Hohes Haus für das Parlament oder die Rote Karte im Sport sollen ebenfalls groß geschrieben [neu großgeschrieben] werden.

ZEICHENSETZUNG: Die Vorschläge in diesem Bereich betreffen die Kommasetzung. So soll etwa bei mit und verbundenen Sätzen das Komma auf selbstständige Sätze beschränkt werden. In einem Satz wie Es war nicht selten, dass er sie besuchte (,) und dass sie bis spät in die Nacht zusammensaßen, wenn sie in guter Stimmung war soll ein Komma nach besuchte nicht mehr zulässig sein. Bei Verwendung eines bloßen Infinitivs soll die Abtrennung durch ein Komma freigestellt werden. Ein Beispiel dafür wäre der Satz Thomas dachte nicht daran(,) zu gehen. Dagegen soll in Sätzen nach dem folgenden Muster weiter ein Komma stehen: Anna hat es nie bereut, diese Ausbildung gemacht zu haben.

WORTTRENNUNG: Die Abtrennung von Einzelvokalen am Wortanfang und -ende soll prinzipiell ausgeschlossen werden. Beispiele dafür sind Trennungen wie E-sel, Feiera-bend oder Bi-omüll.

Quelle: GMX Themen,Beruf,Bildung,Schule www.gmx.net/sidbabhdfe.1143727925.1161.mypip2j2ed.73U/de/themen/beruf/bildung/schule/2131092.html am 30.03.2006.

1901 bis 1998

 

1996 bis 2006

 

Seit 1. August 2006

gmx Portal vom 31.8.07

eislaufen
leid tun
recht haben
radfahren
näherkommen
richtigstellen
kennenlernen
Essen warm machen
Wand rot streichen
schwerkrank
der blaue Brief
angst und bange
bis auf weiteres
für jung und alt
sich zu eigen machen
gelbe Karte
Schiffahrt
Sauerstoffflasche
Boutique/Butike
leichtverständlich
Panther
alleinerziehend
überschwenglich
Graphologe
in Frage stellen
Ketchup
Mayonnaise/Majonäse
Portemonnaie
Potential
pleite gehen / pleite sein
Pleite machen
ratsuchend
Topographie
vertrauenerweckend
gewinnbringend
hilfesuchend

 

gmx Portal vom 31.8.07

Eis laufen
Leid tun / leidtun
Recht haben
Rad fahren
näher kommen
richtig stellen
kennen lernen
Essen warm machen
Wand rot streichen
schwer krank
der blaue Brief
Angst und Bange
bis auf Weiteres
für Jung und Alt
sich zu Eigen machen
gelbe Karte
Schifffahrt
Sauerstoffflasche
Boutique/Butike
leicht verständlich
Panter/Panther
allein erziehend
-schwänglich / -schwenglich
Grafologe / Grafologe
infrage stellen
Ketschup / Ketchup
Mayonnaise / Majonäse
Portmonee/ Portemonnaie
Potential / Potenzial
Pleite gehen / pleite sein
Pleite machen
Rat suchend
Topografie / Topographie
Vertrauen erweckend
Gewinn bringend
Hilfe suchend

 

gmx Portal vom 31.8.07

eislaufen
leidtun
recht haben / Recht haben
Rad fahren
näherkommen / näher kommen
richtig stellen / richtigstellen
kennen lernen / kennenlernen
warm machen / warmmachen
rot streichen / rotstreichen
schwer krank / schwerkrank
der Blaue Brief / der blaue Brief
Angst und Bange machen / angst und bange sein
bis auf weiteres / bis auf Weiteres
für Jung und Alt
sich zu eigen machen
Gelbe Karte / gelbe Karte
Schifffahrt / Schiff-Fahrt
Sauerstoffflasche
Boutique / Butike
leicht verständlich / leichtverständlich
Panter / Panther
allein erziehend / alleinerziehend
-schwänglich / -schwenglich
Grafologe / Graphologe
infrage stellen / in Frage stellen
Ketschup / Ketchup
Mayonnaise / Majonäse
Portmonee/ Portemonnaie
Potential / Potenzial
pleitegehen / pleite sein
Pleite machen
Rat suchend / ratsuchend
Topografie / Topographie
vertrauenerweckend / Vertrauen erweckend
gewinnbringend / Gewinn bringend
Hilfe suchend / hilfesuchend

(Vorläufiges) Endergebnis: Ein müder Kompromiss, ein Mix aus alter und neuer Rechtschreibung, ist fertig und angerichtet (was gilt und was gilt nicht? Und noch ein weiterer Duden steht im Bücherregal ...). In der Anpassung an gängige europäische Rechtschreib-Standards sind wir eigentlich überhaupt nicht vorangekommen. Einige meinen deshalb längst, wohl nicht ganz zu Unrecht, die Logik mache hier Pleite, gehe pleite, sei pleite, sei längst pleitegegangen (alle Varianten richtig, falsch dagegen: gehe Pleite), und die Schülerinnen und Schüler können einem nur noch leid tun bzw. Leid tun bzw. leidtun (dies die zurzeit gültige Schreibweise).

Zum Nachschlagen und Durchblättern: die neue deutsche Rechtschreibung

Zum Nachschlagen und Durchblättern: Rechtschreibwerkstatt für Kinder (mit Graf Ortho)

 

Beschluss der Elternkammer Hamburg vom 7.9.2004, veröffentlicht im Kurzinfo 2004, Nr. 8, Seite 2:
Die Elternkammer Hamburg fordert alle Organe und Medien auf, die so genannte neue Rechtschreibung nicht länger in Frage zu stellen und sich an die neuen Regeln zu halten, um die Lernenden nicht weiter und immer wieder zu verunsichern und den Haushalten den Schaden durch erneut notwendig werdende Ausgaben für Lernmittel zu ersparen.

 

Hinweise und Beispiele für den Rechtschreibunterricht an Hamburger Schulen
www.hamburg.de/contentblob/4340490/data/rechtschreibung-download.pdf
Broschüre/Handreichung, Hamburg 2014

 

 

Siehe auch die Stichwörter
Grammatik
Hamburger Schreibprobe
Legasthenie
Lesen
Schreiben

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