Reformpädagogik
Reform (planmäßige, verbessernde Um-, Neugestaltung, Neuordnung bestehender Verhältnisse) < frz. réforme < lat. reformare umgestalten, erneuern < re- wieder, neu + formare ordnen, einrichten, gestalten < lat. forma Gussform, Gestalt, Beschaffenheit
Pädagogik („Lehre/Wissenschaft von der Erziehung“) < griech. paidagogos < pais, (Genitiv:) paidos Kind, Knabe, Sohn + agogos Führer, Leiter, agein führen, wörtlich also „Anleitung/Anleiter des Knaben“
Historisch ist die Reformpädagogik eine internationale Bewegung, die universalistische, radikaldemokratische wie auch sozialistische Erziehungskonzepte hervorbrachte, es ging um Grundlagen für eine neue, demokratische Pädagogik und Didaktik (gemeinsames forschendes Lernen, Kooperation, Arbeitsteilung, sachbezogene und soziale Kommunikation, Leistungen werden beurteilt, aber nicht nach einer hierarchischen Rangfolge bewertet/eingeteilt).
Der sozialistischen Reformpädagogik entsprach in Amerika die „Progressive Education“. Von dort kamen der Begriff Project und die Philosophie des Pragmatismus.
Pragmatismus: Alle Menschen sind sozial gleichberechtigte Teilhaber interaktiver Praxis in demokratischen Lebensformen. Demzufolge sind Kinder als eigenständige Wesen zu sehen. „Richtige“ Erziehung sei nichts anderes als gelebte Demokratie. Demokratie als Lebensform ist nur möglich durch den reflektierten Austausch, sozusagen in einem Prozess lebenslangen Lernens aller Mitglieder der Gesellschaft.
Personen: Platon/Plato (428-348 v. Chr., Philosoph der Antike, beeinflusste u.a.
die Reformpädagogik Hartmut von Hentigs), Diesterweg (1790-1866, früher
Vordenker der R., natürliche Erziehung), Georg Kerschensteiner (1854-1932,
Begründer der „Arbeitsschule“, Reform des Volksschullehrplans, Entwicklung der
Berufsschule), John Dewey (1859-1952, Pragmatismus, seine „Laboratory School“
ist Vorbild der Bielefelder Laborschule, Demokratisierung aller Lebensbereiche,
„Philosophy of Education“ 1899, dt. „Demokratie und Erziehung“), Hermann Lietz
(1868-1919, Begründer der Landerziehungsheime, Verfechter
getrennt-geschlechtlicher Erziehung), Paul Geheeb (1870-1961, Gründer der
Odenwaldschule, emigrierte 1934 in die Schweiz, baute dort die Ecole d’Humanité
auf), Freinet (Freinet-Pädagogik), Gustav Adolf Wyneken (1875-1964, Gründer der
Freien Schulgemeinde Wickersdorf, hatte eine führende Rolle in der
Jugendbewegung, wurde wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Gefängnisstrafe
verurteilt), Paul Hermann August Oestreich (1878-1959, führender Reformpädagoge
der 1920er, mit Karsen Gründer des „Bundes entschiedener Schulreformer“, der
1933 aufgelöst wurde; Modell einer „Elastischen Einheitsschule“), Minna Specht
(1879-1961, Pädagogin und Sozialistin, gründete mit dem Philosophen Leonard
Nelson das Landerziehungsheim Walkemühle in Melsungen bei Kassel, von den Nazis
1933 auggelöst, floh mit einigen ihrer Schüler nach Dänemark), Fritz Karsen
(1885-1951, Idee einer staatlichen Einheitsschule, Arbeitspläne, „Projects“,
Kooperative Gesamtschule, Schülerselbstverwaltung; 1933 von den Nazis entlassen,
Erziehungswissenschaftler in New York), Kurt Löwenstein (1885-1939,
SPD-Politiker, Reform der Volkshochschule), Hartmut von Hentig (Laborschule
Bielefeld), Otto Herz (Odenwaldschule, Laborschule Bielefeld), Lichtwark,
Makarenko, Maria Montessori (Integration, Schulgarten), Alexander Sutherland
Neill (Summerhill), Berthold Otto (Gesamtunterricht), Peter Petersen
(Jenaplan-Schule, jahrgangsübergreifendes Lernen), Rudolf Steiner
(Waldorfpädagogik, Anthroposophie) ...(Quelle u.a.: Erziehung und Wissenschaft
6/2010, Seite 26-27)
Prinzipien: „Pädagogik/Erziehung vom Kinde aus“, daher Selbsttätigkeit
der Schüler, freies Gespräch, praktische Tätigkeiten, Lernen durch Handeln,
ganzheitliches Lernen (Lernen mit allen Sinnen, mit Verstand, Gemüt und Körper
bzw. mit „Kopf, Herz und Hand“), Schulgemeinde, Neue Methoden,
Schulraumgestaltung, Erlebnispädagogik, deshalb Schulreisen,
Schullandheime - gegen Lebensfremdheit und gegen die „Paukschule“
Zeit: Ende des 19. Jahrhunderts und erstes Drittel des 20. Jahrhunderts
Eine
Neubestimmung
(nach der öffentlichen Debatte im Frühjahr 2010 um den sexuellen Missbrauch an
einem privaten reformpädagogischen Internat)
Die sozialliberale Bildungsreform (ab 1969) wollte ein Gleichgewicht zwischen kognitiven, sozialen und emotionalen (= Erkenntnis durch Denken, gemeinschaftliches Miteinander, Ebene der Gefühle) Leistungen und Kompetenzen des Kindes herstellen.
Die reformpädagogischen Prinzipien müssen angewandt werden:
· Aufklärung (nach Kant als „Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“),
· Kritikfähigkeit (Kritik und Selbstkritik)
· Urteilskraft,
· Mündigkeit,
· Persönlichkeitsbildung, das heißt unter anderem
· Heranwachsende dabei unterstützen, Mut zu entwickeln, Probleme angstfrei anzusprechen,
· Autonomiefähigkeit: junge Menschen zu einem autonomen Urteil zu befähigen.
· Die Balance von Nähe und Distanz muss strikt eingehalten werden. Nähe schafft Bindungen, sie bedeutet, nicht nur eine emotionale, vor allem aber eine kognitive Lust am Lernen und Denken zu erzeugen.
· Die Würde jedes Kindes und Jugendlichen gehört zum Kern jeder Pädagogik.
Die Begriffe Polis (Gemeinwesen mit Selbstverwaltung; eigentlich: Stadtstaat in antiken Griechenland) und pädagogischer Eros haben eine historische Prägung. Oskar Negt: „Eine buchstäbliche Übernahme der platonischen Idee der Erziehung, zu der in der Tat der pädagogische Eros gehört, führt in die Irre.“ Eine körperliche Nähe von Lehrer und Schüler ist nach heutigen rechtlichen und moralischen Aspekten eine eindeutige unzulässige Grenzüberschreitung. Andererseits: Ohne Nähe ist Persönlichkeitsentwicklung schwer vorstellbar. Pädagogischer Eros bezieht sich auf (kognitive) Inhalte. Es geht um die vom Lehrenden ausgehende Faszination für die Entschlüsselung von Zusammenhängen, um die Vermittlung von Leidenschaft für das Lernen, darum dass das Interesse an Sachverhalten geweckt wird.
„Die Sachen klären – die Personen stärken“ (Hartmut von Hentig)
Empathie (das sich Hineinversetzen in die Persönlichkeit des Lernenden) ist wichtig, darf aber nicht symbiotisch (=nicht zu einer Verschmelzung der Positionen führen) und nicht egalitär werden. Schüler und Lehrer stehen nicht auf gleicher Ebene, sondern der Schüler steht in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Lehrer. Das muss beiden immer bewusst sein. Schüler und Lehrkräfte bilden zwar eine Lerngemeinschaft, aber keine Lebensgemeinschaft. Die Schule/das Internat ist keine Ersatzfamilie, der Lehrer kein (autoritäres) Familienoberhaupt. Das Berufsethos der Lehrenden ist zu kultivieren.
An den betroffenen Schulen sind einschneidende strukturelle
Veränderungen unabdingbar. Die Würde der Opfer wurde verletzt.
„Sexuelle Gewalt ist niemals Resultat der Reformpädagogik, es ist vielmehr eine
skandalöse Missachtung der eigenen pädagogischen Prinzipien … Als Ursache
erscheint mir eher die überwältigende Macht gegenüber Abhängigen, die … auf
Pädagogen übertragen wurde, die besser einen anderen Beruf gewählt hätten …
unter dem Schutz der Abschottung vollzog sich eine Pervertierung
reformpädagogischer Ideen.“ (Oskar Negt)
Gegen das Verschweigen und Verdrängen der Täter hilft nur: klare Entmischung der Probleme und Herstellen von Öffentlichkeit.
„Ein Fehler lag in der Abtrennung der Reformpädagogik von der Alltagswelt der Menschen.“ (Oskar Negt). Die Idee nach Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) („Émile ou de l'Éducation ou la nécessité d'éduquer au sentiment amoureux“, 1762), alle äußeren Einflüsse (der bösen Welt da draußen) zu eliminieren, um das Wachstum des Zöglings nicht zu behindern, ist nicht mehr tragbar, wenn sie es denn je gewesen ist. Alltagsprobleme und -konflikte gehören zur Persönlichkeitsbildung.
Quelle: Interview mit Oskar Negt, in: Erziehung und Wissenschaft 4/2010, Seite 26-27
Link (Reformpädagogik in der Kritik)
www.blickueberdenzaun.de/publikationen/reformpaedagogik.html
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