Schulabbrecher

 

2010 haben in Hamburg 1220 SchülerInnen ihre Schulausbildung ohne Abschluss abgebrochen. Um diese Zahl zu senken, startete die Hamburger Schulbehörde im Februar 2011 das Projekt Auszeit. Die Zeit vor dem Abbruch ist meist geprägt von Konflikten, Mutlosigkeit und Fehlzeiten. Hier setzt das Projekt an. In der dreimonatigen Auszeit tritt an die Stelle der allgemeinbildenden Schule eine praxisorientierte Produktionsschule, die auf eine Berufsausbildung vorbereiten soll. Gezeigt werden soll, wie wichtig und nützlich theoretische Lerninhalte für den späteren Beruf sind. Wer am Projekt teilnimmt, entscheidet ein geregeltes Verfahren. Schüler, aber auch Lehrer können es in Gang setzen. Dann kommt es zu einem Gespräch mit dem Beratungsdienst der Schule oder mit REBUS,
um die Rahmenbedingungen zu besprechen. Die endgültige Entscheidung treffen dann die Schule, der Beratungsdienst, die/der Leiter/in der Produktionsschulen und gegebenenfalls soziale Dienste wie die Jugendhilfe gemeinsam. Die Auszeit ist auf drei Monate begrenzt, kann aber in Einzelfällen um eine zweite Auszeit verlängert werden.
Es gibt acht Produktionsschulen, die jeweils fünf Schüler gleichzeitig aufnehmen können. (Hamburger Abendblatt, 01.02.11 Seite 10)

 

Im Schuljahr 2009/10 lag der Anteil der Abbrecher an den Sonderschulen bei 85,7%, an den Haupt- und Realschulen bei 8% und bei den Gesamtschulen bei 6,4%. Mädchen sind dabei unter-, Schüler mit Migrationshintergrund in ihrem Anteil überrepräsentiert. Durch Nachhilfe- und Förderangebote für lernschwache SchülerInnen und dem Einsatz von 108 zusätzlichen SozialpädagogInnen und ErzieherInnen will der Hamburger Senat diese Quoten senken. (Hamburger Abendblatt, 15.06.11 Seite 12)

Die Abbrecherquote in Hamburg erreicht mit 7% einen neuen Tiefststand (2002 12,5%, 2010 7,7%). 57,6% der Schüler ohne Abschluss sind Jungen. (Hamburger Abendblatt, 18.01.12, Seite 1 und 7)

 

Statistik: Von insgesamt 9,86 Millionen Schülern und Schülerinnen in Deutschland brechen 1,08 Millionen die Schule vorzeitig ab. Die SchulabbrecherInnen von heute sind vielfach die Hartz-IV-EmpfängerInnen von morgen. So sind 26% der Ungelernten arbeitslos.

 

-          unter deutschen SchülerInnen sind 10% SchulabbrecherInnen

-          unter nicht-deutschen SchülerInnen sind 20% SchulabbrecherInnen

 

-          unter Deutschen zwischen 20 und 29 Jahren sind 12% ohne Berufsabschluss

-          unter Nicht-Deutschen zwischen 20 und 29 Jahren sind 41% ohne Berufsabschluss

-          Quelle: Statistisches Bundesamt, Kommunale Kassenstatistik, dstgb 2006

 

 

Kommunen: Städte fordern große Bildungs- und Familienoffensive

„Schulabbrecher werden zum Problem“

Gemeindebund: „Die Ausbildungsabbrecher von heute sind die Hartz-IV-Empfänger von morgen. Wenn sich das nicht ändert, verspielen wir unsere Zukunft.“

Von Andreas Thewalt
Berlin -

Der deutsche Städte und Gemeindebund (DStGB) drängt mit Vehemenz auf eine öffentliche Bildungs- und Familienoffensive. „Die Schul- und Ausbildungsabbrecher von heute, sind die Hartz-IV-Empfänger von morgen. Wir brauchen eine nachhaltige Wende in der Bildung, sonst verspielen wir unsere Zukunft“, sagte Georg Landsberg, geschäftsführendes Präsidialmitglied des DStGB, gestern in Berlin.

Zehn Prozent der Deutschen verließen die Schule ohne Abschluss, bei Ausländern seien es sogar 20 Prozent. Im Alter von 20 bis 29 Jahren seien zwölf Prozent der Deutschen ohne Berufsabschluss, bei Ausländern sogar mehr als 40 Prozent. Mehr als 300 000 Schülerinnen und Schüler schwänzten regelmäßig die Schule.

Zu glauben, man könne das Problem wieder einmal durch den Ruf allein nach dem Staat lösen, sei allerdings „reine Illusion“. Notwendig sei eine nachhaltige Bildungs- und Familienoffensive, an der sich alle beteiligten - Bund, Länder, Kommunen, Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen und Eltern. „Wir müssen in Deutschland eine Anerkennungskultur schaffen, die die Familie und die Bereitschaft, Kinder groß zu ziehen und die damit verbundenen Herausforderungen als Wert anerkennen“, erklärte Landsberg.

Eine Kinder- und Familienverträglichkeitsprüfung müsse fester Bestandteil der Gesetzgebung werden. Eine bessere Familienpolitik setze auch eine bessere Finanzierung voraus. Bereits heute wendeten die Kommunen jährlich etwa 13 Milliarden Euro für die Kinderbetreuung auf. Mehr lasse die katastrophale Finanzlage nicht zu. Wer bessere Schulen, fortgebildete Erzieherinnen und Erzieher, Sprachförderung bei Kindern aus Migrantenfamilien und den Ausbau von Ganztagsschulen wolle, müsse auch für dauerhafte Finanzierung sorgen. „In einem ersten Schritt sollten deshalb die Einnahmen aus der sogenannten Reichensteuer komplett in die Bildung investiert werden“, erklärte Landsberg.

Laut Koalitionsvereinbarung von Union und SPD soll Anfang 2007 die private Einkommenssteuer für besonders hohe Einkommen um drei Prozentpunkte auf dann 45 Prozent angehoben werden. Die Erhöhung soll gelten für Einkommen über 250 000 Euro bei Ledigen und 500 000 Euro bei Verheirateten. Vereinbart ist allerdings auch, Betriebe und Firmen auszunehmen. Landsberg rechnet mit Einnahmen von 1,8 bis 2,1 Milliarden Euro. In der Koalition wird nur mit etwa 500 Millionen Euro gerechnet.

Landsberg sagte weiter, in Zukunft sollten Investitionen in familienfreundliche Infrastruktur und in die Unterstützung besonders bedürftiger Familien Vorrang vor Kindergelderhöhungen haben.

DStGB-Präsident Manfred Schäfer beklagte derweil die miserable Finanzlage der Kommunen. Zum Jahreswechsel 2005/2006 rechneten die Städte und Gemeinden mit einem Defizit von rund 5,5 Milliarden Euro. Durch die Gewerbesteuer flössen zwar mit 24,9 rund zwei Milliarden Euro mehr in die Kassen. Allerdings profitierten davon nur wirtschaftsstarke Kommunen. Die Mehrheit der rund 12 000 Städte und Gemeinden sei auf den Gemeindeanteil aus der Einkommenssteuer angewiesen, der aber auf niedrigem Niveau stagniere. Zusätzlich hätten die Länder wegen ihrer eigenen Finanzmisere ihre Zuweisungen an die Kommunen um über fünf Prozent auf etwa elf Milliarden Euro gekürzt. Wegen der prekären Kassenlage seien die Investitionen der Kommunen erneut gesunken, erläuterte Schäfer weiter. Sie umfassten demnach ein Volumen von rund 17,5 Milliarden Euro und hätten damit etwa 45 Prozent unter dem Niveau von 1992 gelegen. Mit Blick auf die Finanzlage warnte Schäfer die Politik davor, den Bürgern immer wieder Versprechen zu machen, deren Finanzierung aber gar nicht gesichert sei. So sei die im Koalitionsvertrag von Union und SPD angekündigte Verbesserung der Kinderbetreuung politisch zwar wünschenswert, aber „ohne eine dauerhafte Finanzregelung inhaltsleer.

Hamburger Abendblatt, 29.12.2005, Seite 2

 

 

Erfolgreiche Hamburger Schulen:
Die Quote der Schüler und Schülerinnen ohne Hauptschulabschluss:

2004

2005

2006

2007

2008

2009


11,3%


11,5%


11,5%


10,3%


8,2%


8,8%*

konnte deutlich gesenkt werden: Gleichzeitig erhöhte sich die Quote der Schulabgänger mit allgemeiner Hochschulreife deutlich (siehe unter „Schulabgänger“). (Hamburger Abendblatt, 18.02.09, Seite 15)
Wenn wir nun noch bedenken, dass die Gymnasien von 52% angemeldeten Kindern eines Jahrgangs nur 28% zum Abitur führen und gleichzeitig Gesamtschulen viele Kinder ohne entsprechende Empfehlung zusätzlich zur Hochschulreife führen, kommen wir nicht umhin zu konstatieren: Es ist keine pädagogische Leistung, Kinder zum Abitur zu bringen, die das sowieso schaffen und vorher alle anderen auszusortieren. Um die vorhandenen Potentiale noch weiter auszuschöpfen, kommen wir an der „Schule für alle“ nicht vorbei.

* doppelter Abi-Jahrgang herausgerechnet

 

Siehe auch
Bildungsbeteiligung
Schulabgänger
Sitzenbleiben

 

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