Werte

 

Der Wert, etwas wert sein, werth (=klassische Rechtschreibung), bezeichnet das, was eine Sache wird oder geworden ist, Schätzung, Gehalt, < althochd. werdan, sich drehen, wenden; engl. worth < altengl. weorthian ehren, schätzen < indoeurop. *wert- < *wer- hindrehen, hinwenden (wie in vorwärts), gegen etwas gewendet, dadurch der Gegenwert

Bedeutung, Qualität von etwas in Beziehung zu einem Maßstab, Geltung, Gewicht, ein hoher, geringer, sachlicher, ideeller, praktischer, dokumentarischer Wert, den wahren Wert erkennen, sich seines Wertes bewusst sein, es hat wenig, fast keinen, großen Wert, großen Wert auf etwas legen, etwas, jemandem nach seinem wahren Wert beurteilen, es ist ohne jeden Wert, von hohem Wert,
wirtschaftlich in Geld ausgedrückte Bedeutung, Geltung eines Gegenstandes, seiner Leistung, Preis, Schätzwert, Marktpreis, das Grundstück hat einen Wert von … €, Schmuck, ein Gemälde, ein Kunstobjekt im Wert von … €, die Aktien fallen im Wert, Nominalwert, Kurswert, Handelswert, Tauschwert, Warenwert, Gebrauchswert (marxistische Theorie, „Wert ist die Kristallisation menschlicher Arbeit für den Austausch“), Rückkaufwert, etwas über, unter Wert verkaufen, Mehrwert (engl. surplus value), Mehrwertsteuer (engl. value added tax), Grenzwert (Mathematik: Limes, Recht, Medizin, Chemie: Wert, der nicht überschritten werden darf)
Werte: gewusste Werte: Begriffe (kognitiv, intellektuell, philosophischer Diskurs)
Tugenden: verkörperte Werte (personell, interaktiv, reales Handeln)
Wertsache, Wertgegenstand, große, unwiederbringliche Werte gingen verloren, Werte schaffen,
geistige, menschliche, ewige Werte, Wertediskussion,
Werteverfall = Visionsverfall,
Werteentwicklung = Erziehung
Primarwerte, z.B. Liebe, Verantwortung, Treue, Güte, Mut, Gerechtigkeit - „machen unser Menschsein aus“ (Uwe Böschemeyer, Psychologe)
Sekundärwerte, z.B. Leistung, Fleiß, Toleranz, Zuverlässigkeit - sind gesellschaftlich wichtig
„Heute kennen wir von allen Dingen den Preis, aber von keinem den Wert.“ (Spruchweisheit)

 

 

Das Philosophische Quartett

Wie viel Wert haben unsere Werte?

Die Klage über den Verfall der Werte ist so alt wie unsere Zivilisation

Die Kassandrarufe der Gesellschaftskritiker und Pessimisten, die Dekadenzerscheinungen anprangern, füllen ganze Bibliotheken. Wo stehen wir heute?

09.04.2006

 

 Welche Tugenden sind zeitgemäß, welche Werte veraltet und worauf müssen wir uns neu besinnen? Sind Werte vielleicht nur noch Handelswaren des Lifestyle-Geschäfts?

 

Wühltisch der Werte
     Die Gastgeber Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski werden in der aktuellen Ausgabe des „Philosophischen Quartetts“ mit ihren Gästen, dem Politikwissenschaftler und streitbaren Publizisten Arnulf Baring und dem Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung Jens Bisky den „Wühltisch der Werte“ kritisch unter die Lupe nehmen.

 

Die Angst, den Anforderungen einer globalisierten Weltwirtschaft nicht gewachsen zu sein, und die Unsicherheit, an welche Maßstäbe sich der Einzelne in einer Zeit des postmodernen „anything goes“ und der Überflutung durch vielfältige Reize und Sinnstiftungsangebote noch halten kann, prägen den Alltag unserer Gesellschaft. Auf den Bestsellerlisten tauchen seit Jahren regelmäßig Ratgeber zur Lebenshilfe und Sinnstiftung ganz oben auf. Die Sehnsucht nach einem festen Wertefundament wird immer wieder in Leitartikeln und Titelgeschichten diagnostiziert.

 

Was unsere Gesellschaft zusammenhält
     Was haben uns tradierte Leitbilder wie die christliche Religion oder der Werte- und Bildungskanon des klassischen Bürgertums heute noch zu sagen? Sind sie hoffnungslos veraltet und nur noch museale Schaustücke, an denen sich die „besseren Kreise“ nostalgisch wärmen können? Was hält unsere Gesellschaft überhaupt noch zusammen, fragen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski.

 

Gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich die Verlierer der Globalisierung, die dauerhaft an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, mit den gut ausgebildeten und mobilen Fachkräften der Wissensgesellschaft einigen können?

 

Buchtipps

 

Tipp von Rüdiger Safranski:
Hans Joas: Die Entstehung der Werte, Suhrkamp

Tipp von Peter Sloterdijk:
Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, dtv (Band 5 der Gesamtausgabe)

Buch von Arnulf Baring:
Arnulf Baring/ Gregor Schöllgen: Kanzler, Krisen, Koalitionen, Pantheon/Siedler, Neuauflage im April

Buch von Jens Bisky:
Jens Bisky: Die deutsche Frage, Rowohlt Berlin

 

 

Quelle: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/18/0,1872,3904690,00.html

 

 

 

Wortfeld:
Aufklärerische Vernunft (lat. ratio, griech. logos)
Aufrichtigkeit
Barmherzigkeit (lat. misericordia) (Neues Testament: „der barmherzige Samariter“)
Bescheidenheit (lat. modestia)
Bildung / Erziehung (als Schlüssel zur Integration)
Brüderlichkeit (lat. fraternitas)
Bürgersinn (lat. civitas)
Chancengleichheit
Dankbarkeit
Demut
Dialog mit anderen Kulturen und Religionen
Die Zehn Gebote der Bibel (Dekalog) (AT: 2. Mose 20, 2-17; 5. Mose 5, 6-21; gekürzt NT: Mt. 5, 17-48, Mk. 10, 19, Röm. 13, 9)
Disziplin
Ehrlichkeit
Fairness (nicht nur im Sport)
Familiensinn (lat. pietas)
Fleiß (lat. industria, diligentia)
Freiheit (lat. libertas)
Freude am Leben
Freundlichkeit / edle Gesinnung (lat. liberalitas)
Friedensstiftung
Friedfertigkeit
Geduld (lat. patientia)
Gemeinschaftssinn (lat. communitas)
Gerechtigkeit (lat. iustitia), soziale Gerechtigkeit
Gleichberechtigung (Emanzipation)
Gleichheit (lat. aequalitas)
Globalisierung der Menschenwürde (Art. 1 GG) und der Lebenschancen
Gnade (G. erfahren und G. gewähren) (lat. clementia, venia, gratia)
Grundrechte
Hilfsbereitschaft
Hingabe (Engagement, Mut)
Hoffnung
Höflichkeit
Integration (als gemeinsames Bemühen)
Intuitive Vernunft (griech. nous)
Kindererziehung (lat. educatio)
Kreativität
Kritikfähigkeit (Situationen, Strukturen, Ziele, Zielsetzungen, Autoritäten hinterfragen)
Liebe (1. Kor. 13,13: „Nun aber bleiben diese drei ...“; 1. Kor. 13,8; 1. Thess. 1,3 und 5,8)
Liebe zum Leben
Loyalität
Mäßigung, Besonnenheit, Bescheidenheit (lat. modestia)
Menschenrechte (engl. human rights)
Mitleid, Mitgefühl (Empathie, wörtlich eigentlich sogar „Sympathie“)
Mitmenschlichkeit
moralisch-ethische Grundwerte der Weltreligionen (z.B. abendländisch-christliche Werte)
Muße, Freizeit (lat. otium, griech. scholä)
Mut (Tapferkeit, Zivilcourage)
Nachhaltigkeit (Ökologie und Ökonomie vereinen)
Nächstenliebe (engl. charity, lat. caritas) (Gal. 5,14; 3. Mose Leviticus 19,18)
Neugier
Paragraphen 1 und 2 der Straßenverkehrsordnung
Partnerschaftlichkeit
Respekt für andere Menschen
Rücksichtnahme auf Schwache und an den Rand Gedrängte („Marginalisierte“)
Selbstachtung
Selbstbeherrschung (lat. temperantia)
Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit („Altruismus“, lat. integritas)
Selbstständigkeit (lat. libertas, lat. emancipatio)
Solidarität (lat. fraternitas)
Sparsamkeit (Maß halten, Haushalten, Mäßigung)
Spiritualität (siehe Tugend)
Streben nach Glück (Declaration of Independence, The Preamble: the Pursuit of Happiness)
Toleranz (Duldsamkeit)
Treue
Tugend (engl. virtue, lat. virtus)

·  5 konfuzianische Kardinaltugenden (chin. 五常 wŭcháng): Menschlichkeit ( rén), Gerechtigkeit oder Rechtes Handeln ( yì), Sitte ( lĭ), Wissen ( zhì), Wahrhaftigkeit ( xìn)

·  im Hinduismus 5 Yamas und 5 Niyamas: Ahimsa (gewaltlos in Taten und Worten), Sateya/Satyam (wahrhaft), Asteya (nicht stehlen), Bramacharia (keusch, auch als nicht wechseln etc.), Aparigrara (frei von Begierden), Svadhyaya (Studium der Schriften), Ishvana P. (nicht an den Früchten hängen); Sauca (rein, innen und aussen), Samtosha (zufrieden), Tapas (Kontrolle)

·  6 Tugenden im Buddhismus: Freigebigkeit, ethisches Verhalten, Geduld, freudige Anstrengung, Meditation und Weisheit

·  11 Charaktertugenden (ethische Kardinaltugenden) des Aristoteles: Tapferkeit, Mäßigkeit, Freigebigkeit, geziemender Aufwand, Großsinnigkeit, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit, Freundschaftlichkeit, Sittsamkeit, Gerechtigkeit

·  ferner diese Verstandestugenden (dianoetische) des Aristoteles: Vernunft, intuitiver Verstand (nous), Wissenschaft (episteme), philosophische Weisheit (sophia), Kunst (techne), sittliche Einsicht, Klugheit (phronesis), Wohlberatenheit (eubulia), Verständigkeit (synesis)

·  3 römische Kardinaltugenden: fides, pietas, virtus, außerdem: amicitia, animi, auctoritas, clementia, communitas, concordia, coniunctio, constantia, dignitas, excellentia, fides, fortitudo, gloria, gratia, honor/honos, humanitas, iustitia, libertas, magnitudo, modestia, munera, officia, otium, pax, pietas, prudentia, sapientia, societas, temperantia, virtus (lat. Nosce te ipsum, altgr. gnóthi seautón (γνωθι σεαυτον) = Erkenne dich selbst)

·  4 Kardinaltugenden (Grund-Tugenden) nach Platon: Klugheit (Weisheit/Besonnenheit) (lat. prudentia, griech. σοφία), Mäßigung (Maß/Selbstbeherrschung) (lat. temperantia, griech. σωφροσύνη), Tapferkeit (sich der Aufgabe stellen) (lat. fortitudo, griech. ανδρεία), Gerechtigkeit (Rechtschaffenheit) (lat. iustitia, griech. δικαιοσύνη)

·  3 christlich-theologische Tugenden (Grund-Tugenden): Glaube (lat. fides, griech. pistis), Hoffnung (lat. spes, griech. elpis), Liebe (lat. caritas, griech. agape) (auch: 4 + 3 = 7 Grundtugenden)

·  Grundsätzliche islamische Tugenden: Selbstachtung, Tugend, Selbstbeherrschung, Ausdauer, Schlichtheit, Weichherzigkeit, Fleiß, Geduld, Bewahren von Anvertrautem, Gebefreudigkeit

Unvoreingenommenheit
Verantwortung, Verantwortlichkeit (z.B. Verantwortung für Schwache) (engl. responsibility, engl. accountability, engl. liability)
Vergebungsbereitschaft
Vergnügen (lat. animi)
Verlässlichkeit (engl. reliability)
Verstand (lat. mens, griech. logos)
Verzichtbereitschaft
Weisheit (lat. prudentia, sapientia, griech. sophia)
Würde des Menschen (lat. dignitas)
Zehn Gebote für den neuen sozialistischen Menschen (1958)
Zivilcourage (engl. civil courage, engl. social courage)
Zusammenarbeit (=„Kooperation“), Resonanz

 

Quelle zum Teil: „Wikipedia“, s.v. Kardinaltugend,
Hamburger Abendblatt, 22./23.04.06, Seite 5,
weitere Ethik-Kataloge unter www.muellerscience.com/WIRTSCHAFT/Philosophie/Ethische_Gebote.htm

 

 

Grenzen der Werte (keine „Grenzwerte“, nicht „grenzwertig“):

·        Wertekonflikte, Gewissenskonflikte, Zweifel – Werte bewähren sich - oder auch nicht.

·        Vorgeschobene Sachzwänge (politikerdeutsch: etwas sei alternativlos) führen zu gewissenlosem Handeln, Gewissenlosigkeit führt zum Handeln nur noch nach vermeintlichen Sachzwängen, aufgrund so genannter objektiver Tatsachen, „ohne Motiv“, „ideologiefrei“, „wertneutral“, „wertfrei“. Solche Wertfreiheit gibt es nicht.

 

Bücher:

·        „In der Tiefe ist es hell. Wertimagination - ein Schlüssel zur inneren Welt“ (Kösel)

·        „Worauf es ankommt. Werte als Wegweiser“ (Piper)

 

Zitate

 

... Werte (sind) Gründe für Sinn. Sinn ist das, was jeder Mensch am meisten braucht. Sinn ist das stärkste Motiv zum Leben.
Uwe Böschemeyer (Hamburger Institut für Logotherapie, Europäische Akademie für Wertorientierte Persönlichkeitsbildung), über existentielle Frustration und Wertimagination, Hamburger Abendblatt 20./21.5.06, journal, Seite 7

Tugend ist die Stärke der Maxime des Menschen in Befolgung seiner Pflicht.
Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten in zwei Teilen (1797/98), II, Seite 28.

Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
An Sachen, welche wir nicht kriegen.
Wilhelm Busch, Die Haarbeutel (1878) - Einleitung.

Das Gute - dieser Satz steht fest -
ist stets das Böse, was man lässt!
Wilhelm Busch, Die fromme Helene (1872) - Schluss.

 

 

Siehe auch die Stichwörter
Messen,
Globalisierung

 

Link
www.werteerleben.de

Zurück zur vorigen Seite