Chronik der Wiedervereinigung Deutschlands

 

Ende des Eisernen Vorhangs, Ende der Blöcke, Glasnost (russ. Transparenz, Offenheit), Perestroika (russ. Umbau, Umgestaltung), Umsturzbewegungen in Mittel- und Osteuropa, Zusammenbruch der DDR, Fall der Berliner Mauer, „Friedliche Revolution“ (Neues Forum), „Wende“ (Egon Krenz), Wendezeit, Wendehälse, „Wind of Change“ (das Lied der Band „Scorpions“, eigentlich eine Heavy-Metal-Truppe, wurde im September 1989 geschrieben, nach den Erfahrungen der Gruppe auf dem Moscow Music Peace Festival, das am 12. und 13. August 1989 im Moskauer Olympia-Stadion stattfand. Veröffentlicht wurde die Ballade erst 1990 auf dem Album „Crazy World“.)

 

1989

 

Frühjahr 1989

Michail Gorbatschow verkündet das Ende der Breschnew-Doktrin. Diese Doktrin besagte, dass alle Ostblock-Staaten notfalls auch mit Gewalt in den Warschauer Vertrag einzubinden seien.

2. Mai

Ungarn beginnt mit dem Abbau des Grenzzauns zu Österreich. In den folgenden Wochen versuchen viele DDR-Bürger, trotz fortbestehender Grenzkontrollen über Ungarn in die Bundesrepublik zu fliehen. In den Botschaften der Bundesrepublik in Prag und Warschau sammeln sich DDR-Bürger, die ihre Ausreise erzwingen wollen.

27. Juni

Österreichs Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn durchtrennen gemeinsam den Grenzzaun zwischen ihren Ländern. Das Bild geht um die Welt und wird zum Symbol für das Ende des Eisernen Vorhangs.

19./20. August

Sopron, Ungarn: Ungarische Oppositionelle wollen im Grenzgebiet zu Österreich ein Fest des Friedens feiern, das „Paneuropäische Picknick“, das Grenztor an der alten Pressburger Landstraße zwischen St. Margarethen im Burgenland und dem ungarischen Sopronkohida wird symbolisch für drei Stunden geöffnet.
Rund 900 DDR-Bürger nutzen die Chance und fliehen ungehindert. Es ist die größte Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau.
Nach dem Picknick wird die Grenze jedoch wieder geschlossen und scharf bewacht.

21./22. August

 

österreichisch-ungarische Grenze:
Beim Überqueren der Grenze wird der DDR-Bürger Kurt-Werner Schulz, ein Architekt aus Weimar, der die Grenze für offen und gefahrlos passierbar gehalten hatte, vor den Augen seiner Familie erschossen. Er ist das letzte Opfer des Eisernen Vorhanges.

31. August

Berlin, Hauptstadt der DDR:
Ungarns Außenminister Gyula Horn teilt dem DDR-Außenminister Oskar Fischer mit, dass Ungarn die Grenze öffnen wird.

August/September

ČSSR, Polen:
DDR-Bürger flüchten in die westdeutschen Botschaften in Prag und Warschau.

4. September

Leipzig (die »Heldenstadt«):
»Erste große Montagsdemonstration« nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche
Die Nikolaikirche sei eine „Schaltzentrale der Konterrevolution“ (Einschätzung der Stasi), Rufe der Demonstrant/innen „Wir bleiben hier“, „Wir wollen raus“, nach einem Handgemenge „Stasi raus“, Plakat „Für ein offnes Land mit freien Menschen“ der „Initiativgruppe Leben“

10. September

Ungarn:
Ungarns Außenminister Gyula Horn gibt bekannt, dass alle DDR-Bürger, die sich in Ungarn aufhalten, nach Österreich ausreisen dürfen.

11. September

Ungarn öffnet die Grenze zu Österreich für alle DDR-Bürger. Innerhalb von drei Tagen reisen 15 000 DDR-Bürger aus.

25. September

In Leipzig findet eine große „Montagsdemonstration“ für Meinungsfreiheit und Reformen statt (5 000 Teilnehmer).

30. September

18.58 Uhr, Gelände der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland:
Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, auf dem Balkon der Botschaft: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise … [möglich geworden ist].“ Das Satzende geht im Jubel der etwa 4000 ausreisewilligen DDR-Bürger unter.

3. Oktober

Die DDR schließt die Grenze zur Tschechoslowakei. In Dresden werden 800 DDR-BürgerInnen aus dem Zug nach Prag geholt. Es kommt in mehreren Städten der DDR zu Besetzungen/Blockaden von Gleisen und Bahnsteigen. Am nächsten Tag fliegen in Dresden Pflastersteine gegen das Bahnhofsgebäude. Die Proteste werden durch massiven Einsatz von Ordnungskräften beendet.

7. Oktober

Berlin: Die Regierenden in der DDR feiern den „Tag der Republik“ und den »40. Jahrestag« des ostdeutschen Staates. Michail Gorbatschow ist Ehrengast.

7. Oktober

Berlin-Alexanderplatz: Gegen 17 Uhr versammeln sich junge Leute am Rande des großen Volksfestes in Berlin-Mitte. Sie rufen „Neues Forum, Neues Forum“, immer wieder „Wir bleiben hier!“, „Demokratie - jetzt oder nie!“, „Freiheit für die Inhaftierten!“, „Gorbi, hilf uns! Gorbi, hilf uns!“, „Gorbi! Gorbi! Gorbi!“ Am Abend kommt es dann zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten.

7. Oktober

Kreisstadt Plauen an der deutsch-deutschen Grenze: Mit maschinengeschrie­benen Zetteln und Mundpropaganda wird zu einer Demonstration in der Innenstadt aufgerufen. Gegen 15 Uhr versammeln sich Menschen auf dem Theaterplatz und dem Otto-Grotewohl-Platz. Die Polizei versucht mit Wasserwerfern und einem Hubschrauber, die Menge aufzulösen, was misslingt. Etwa 15.000 demonstrieren, und es werden Transparente mit Losungen wie „Wir brauchen Reformen“, „Für Reformen und Reisefreiheit gegen Massenflucht - vor allem Frieden“ oder „Reisefreiheit - Meinungsfreiheit - Pressefreiheit“ mitgeführt. Die Demonstration bleibt friedlich und löst sich mit dem Ruf „Wir kommen wieder“ gegen 18 Uhr auf, nachdem beschlossen worden ist, am nächsten Sonnabend erneut zu demonstrieren und dass es außerdem Gespräche zwischen Plauener Bürgern und dem Oberbürgermeister geben sollt. Von diesem Zeitpunkt an bis zu den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 finden in Plauen an jedem Sonnabend Demon­stra­tionen statt.

8. Oktober

Staatschef Erich Honecker weist per Fernschreiben die 15 SED-Bezirksleitungen an, „weitere Krawalle von vornherein zu unterbinden“. Die „konterrevolutionären Aktionen“ sollen durch entsprechende Maßnahmen von Armee, Bereitschafts­polizei, Volkspolizei und „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ (einer paramilitäri­schen Miliz) unterbunden werden.

9. Oktober

Leipzig: 18 Uhr: Der „Aufruf der Sechs“/„Leipziger Sechs“ (von Kurt Masur, dem Chefdirigenten des Gewandhauses, verlesen und über Rundfunk und öffentliche Lautsprecher verbreitet) ruft zu Gewaltlosigkeit auf. Unter den Unterzeichnern befinden sich drei hohe Funktionäre, es sind Sekretäre der SED-Bezirksleitung.

9. Oktober

Leipzig: „Friedliche Revolution“: Nach den Friedensgebet in der Nikolaikirche ziehen 70 000 friedliche DemonstrantInnen über den Innenstadtring und rufen „Schließt euch an, reiht euch ein“, „Wir sind keine Rowdys“, „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“. „Bewaffnete Staatsorgane“ (Polizei, Nationale Volksarmee und Betriebskampfgruppen) haben sich mit Lastwagen, Wasserwerfern und Panzern rund ums Stadtzentrum postiert. Die SED-Führung verwirft die „Pekinger Lösung“, die Demonstration wird nicht gewaltsam beendet. Um 18.35 Uhr ordnet der Leipziger SED-Chef Helmut Hackenberg den Rückzug der Einsatzkräfte an.
„Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ (Volkskammerpräsident Horst Sindermann; Schauspieler Peter Sodann in einer szenischen Dokumentation in der Rolle eines Generals der Staatssicherheit)

11. Oktober

Nach Abschluss einer zweitägigen Krisensitzung des Politbüros wird auf Initiative von Krenz und Co. gegen erhebliche Widerstände eine Erklärung verabschiedet, die die Gründe für die Ausreisewelle in der DDR selbst sucht und die Bevölkerung zu einem offenen Dialog einlädt – für Honecker eine „Kapitulations-Erklärung“.

16. Oktober

Leipzig: 120.000 demonstrieren

23. Oktober

Leipzig: 320.000 demonstrieren

24. Oktober

Die Volkskammer wählt Egon Krenz zum Vorsitzenden des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates; dabei gibt es erstmals Gegenstimmen und Stimmenthaltungen, und es gibt Demos gegen die Wahl. Slogans: „Egon Krenz – keine Lizenz“, „Wir sind keine Fans von Egon Krenz“, „Bonzen raus – Arbeiter rein“

30. Oktober

Die Agitprop-Sendung „Der schwarze Kanal“ des DDR-Fernsehens (zum ersten Mal ausgestrahlt am 21. März 1960) mit Karl-Eduard von Schnitzler (der West-Berliner RIAS-Sender prägte den Schmähnamen „Sudel-Ede”, der Osten bezeichnete RIAS seinerseits als „Hetzsender“) wird abgesetzt.

4. November

Berlin-Alexanderplatz:
Größte (und genehmigte) Demonstration in der Geschichte der DDR: Die Vertrauensleute der Berliner Theater haben zu einer Demonstration für die Inhalte der Artikel 27 (Meinungsfreiheit) und 28 (Versammlungsfreiheit) der DDR-Verfassung mobilisiert, fast eine halbe Million Ost-Berliner folgen dem Aufruf. Die Demonstranten fordern Presse-, Reise-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. („Großmutter, warum hast du so große Zähne?" - unter einer Karikatur von Egon Krenz mit Häubchen, „Ohne Visa von Berlin nach Pisa", „Rechtssicherheit statt Staatssicherheit“).
Es gibt dreißig Kundgebungsbeiträge, u.a. von Gregor Gysi, Markus Wolf, Jens Reich, Friedrich Schorlemmer, Günter Schabowski (der ausgepfiffen wird), Stefan Heym und Christa Wolf (die einen demokratischen Sozialismus für möglich hält, dafür gibt es nur noch höflichen Applaus). Die Menschen beeindruckt der Redebeitrag der letzten Rednerin, der Schauspielerin Steffi Spira: „Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen."
Am Abend wird im Fernsehen der lange geforderte Entwurf eines neuen Reisegesetzes verkündet: DDR-Bürgern sei es ab sofort erlaubt, über die bundesdeutsche Botschaft in Prag in die BRD auszureisen. Allerdings ist diese Regelung mit Beschränkungen verbunden.

5. November

Der Massenexodus von DDR-Bürgern über die tschechoslowakische Grenze hält unvermindert an. Die Aufnahmelager in Westdeutschland sind überfüllt.
In der Berliner Erkenntniskirche trifft sich eine Initiativgruppe mit dem Ziel der Gründung einer grünen Partei in der DDR.

6. November

Die DDR-Führung veröffentlicht einen Entwurf für ein Reisegesetz; die maximale Reisedauer soll dreißig Tage betragen, und es soll „Versagungsgründe“ geben. Auf der Leipziger Montagsdemo am gleichen Tag skandieren die Menschen: „Wir brauchen keine neuen Gesetze – die Mauer muss weg!“

7. November

Der DDR-Ministerrat unter Willi Stoph tritt geschlossen zurück. Vorher hatte der Ministerrat in einer letzten Entscheidung den Wehrkunde-Unterricht an den Schulen abgeschafft. Der Rechtsausschuss der Volkskammer weist das neue Reisegesetz als unzureichend zurück.

8. November

Das SED-Politbüro tritt geschlossen zurück. Dem neuen vom Zentralkomitee (ZK) auf einer dreitägigen Tagung gewählten Politbüro gehören nur noch 11 Mitglieder an (statt bisher 21), darunter Hans Modrow. Krenz wird als Generalsekretär bestätigt. - Das „Neue Forum“ wird vom DDR-Innenministerium als Vereinigung anerkannt.
Bundeskanzler Kohl macht eine wirtschaftliche Unterstützung durch die BRD von der Abhaltung freier Wahlen abhängig, und die SED müsse auf ihren Führungs­anspruch verzichten.

9. November

Berlin: Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros der SED, hält in Ostberlin eine Pressekonferenz vor Journalisten aus aller Welt, die vom Fernsehen der DDR live übertragen wird.
Auf Nachfrage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrmann holt Günter Schabowski um 18.53 Uhr einen Zettel aus seiner Tasche heraus, den er vor der Pressekonferenz von Egon Krenz, dem Nachfolger Honeckers, bekommen hat und liest vor: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VPKÄ (der Volkspolizeikreisämter) in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dabei noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen.“
Schabowski ist sich nicht sicher, was er da verlesen hat und wird schon mit einer weiteren Frage konfrontiert: „Gilt das auch für Westberlin?“.
Er zuckt mit den Schultern und antwortet: „Also, doch, doch“ und liest dann weiter vor: „Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Westberlin erfolgen.“
Schabowski wird gefragt: „Wann tritt das in Kraft?“, und er antwortet: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“
Die Verfasser hatten eigentlich eine Verkündigungssperrfrist zum 10. November (vier Uhr morgens) vorgesehen. Davon weiß aber Schabowski nichts; weil er zum Zeitpunkt der Verlesung im ZK durch Egon Krenz mit der Presse sprach. „Unverzüglich“ bezog sich nur auf die Art und Weise der Erteilung der Visa.

9. November

Berlin: Nach der Pressekonferenz erscheinen um 20.15 Uhr die ersten Passanten an den Grenzübergangsstellen in Berlin und fordern, durchgelassen zu werden. Ohne Erfolg versuchen die Grenzkontrolleure, die anschwellende Menschen­menge zur Rückkehr zu überreden. Um 21.00 Uhr beginnen die Kontrolleure am Übergang Bornholmer Straße mit der Abfertigung lediglich einiger Passanten, doch dies steigert die Ungeduld der wartenden Menschen. Um 23.30 Uhr können die Grenzer den Ansturm nicht mehr halten. Der diensthabende Offizier meldet: „Wir fluten jetzt! Wir machen alles auf!“ Der Schlagbaum öffnet sich und zehntausende Menschen drängen nach Westberlin. Meistgebrauchte Vokabel: „Wahnsinn!“
Die ersten Grenzgänger; die durchgelassen werden, weil sie besonders lautstark oder aggressiv sind („Ventillösung“), bekommen einen Sperrvermerk in ihren Pass gestempelt, der die Wiedereinreise in die DDR ausschließt. Dies wird aber in der Folge nicht mehr beachtet, und alle können wieder zurück.
Kurz vor Mitternacht erklimmen immer mehr Menschen von beiden Seiten die Mauerkrone und skandieren „Die Mauer muss weg!“.
Die ersten „Mauerspechte“ schlagen Stücke aus der Mauer, und es wird gerufen „Die Mauer ist weg!“.
Bundeskanzler Helmut Kohl weilt indessen zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Polen, den er unterbricht, und ist erst am 10.11. in Berlin.

10. November

Berlin: Mit den Worten „Wir Deutschen sind heute das glücklichste Volk der Welt“ beglückwünscht Walter Momper (Regierender Bürgermeister von Westberlin, SPD) die DDR-Bürger und -Bürgerinnen zu ihrer „friedlichen und demokratischen Revolution“.

10. November

„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ (Willy Brandt zugeschrieben). Tatsächlich gesagt hat er: „(Es sei) noch ne Menge zusätzlich zu tun, damit das wieder zusammengefügt wird, was zusammengehört.“

13. November

Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit der DDR, hält zum ersten Mal eine Rede in der Volkskammer. Sie wird unterbrochen durch Zwischenrufe. Er sagt daraufhin „Ich liebe – Ich liebe doch alle – alle Menschen – Na ich liebe doch – Ich setzte mich doch dafür ein“. Die Volkskammer quittiert dies mit Gelächter. Mielkes Worte werden gern in der falschen Fassung zitiert „Ich liebe euch doch alle“.
Erich Fritz Emil Mielke (1907-2000) wird am 3.12.1989 aus der SED ausgeschlos­sen, am 7.12.1989 kommt er in Untersuchungshaft, vorgeworfen wird ihm Schädigung der Volkswirtschaft.

19. November

Krenz und Modrow erklären in Interviews, eine Wiedervereinigung Deutschlands stehe nicht zur Diskussion.

20. November

DT64 und SFB strahlen die erste deutsch-deutsche Radio-Gemeinschafts­sen­dung aus.

20. November

Bei der Leipziger Montagsdemonstration fordern erstmals größere Teilnehmer­gruppen die Wiedervereinigung Deutschlands: „Deutschland - einig Vaterland“ (Zeile der Nationalhymne der DDR von Johannes R. Becher - nach einigen Quellen war der Slogan schon am 30. Oktober und am 13. November auf der Montagsdemo in Leipzig zu hören), „Keine Experimente mehr, Wiedervereinigung jetzt“ und „Wir sind ein Volk!“

28. November

Bundeskanzler Helmut Kohl legt dem Bundestag einen Stufenplan (10-Punkte-Plan) zur Deutschlandpolitik vor. Sein Endziel (ohne zeitliche Festlegung) ist die Herstellung einer bundesstaatlichen Ordnung, d. h. die staatliche Einheit Deutschlands. Dieser Plan bleibt in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt und hat auf den nachfolgenden Ablauf der Ereignisse kaum Einfluss.

1. Dezember

Die DDR schafft die Zensur ab.

4. Dezember

Torschlusspanik: Die staatstragenden DDR-„Blockparteien“ CDU und LDPD, deren Mitglieder auch „Blockflöten“ genannt wurden, wollen es nun nicht mehr gewesen sein und erklären ihren Austritt aus dem „Demokratischen Block der Parteien und Massenorganisationen“ der DDR.

4. Dezember

Leipzig: Das Neue Forum besetzt bei der Montagsdemonstration die Bezirksver­waltung der Stasi/MfS an der Runden Ecke. Ebendort wird ab Mai 1990 ein Museum entstehen, das die Arbeit der Stasi dokumentiert (ständige Ausstellung „Stasi -  Macht und Banalität“).

7. Dezember

In Ostberlin tagt erstmals der „Runde Tisch“, ein Gesprächskreis aus Vertretern der etablierten Parteien und der neuen oppositionellen Bewegungen.

11. Dezember

Montagsdemonstration: Slogan „Wir sind ein Volk“ statt der ursprünglichen Parole „Wir sind das Volk“, doch gibt es auch Transparente mit Parolen wie „Wir wollen keinen Kohl auf dem sauberen Mittagstisch“ oder „Kein Ausverkauf der DDR“ und „Wir lassen uns nicht BRDigen“.
Die Demonstrationen verlieren mehr und mehr ihre anfängliche Bedeutung, weil die vorrangigen Ziele - politische Reformen und freie Wahlen - erkämpft sind.

16. Dezember

Die SED versieht ihren Parteinamen mit dem Zusatz „Partei des demokratischen Sozialismus“ (PDS).

19. Dezember

Bundeskanzler Kohl führt in Dresden Gespräche mit Ministerpräsident Modrow. Eine Vertragsgemeinschaft der beiden deutschen Staaten wird in Aussicht genommen. Am nächsten Tag spricht Kohl auf einer Massenversammlung zur Dresdner Bevölkerung.

22. Dezember

Das Brandenburger Tor in Berlin wird nach 28 Jahren wieder geöffnet.

24. Dezember

Bundesbürger und Westberliner dürfen ohne Visum und Zwangsumtausch in die DDR und nach Ostberlin reisen.

1990

 

8. Januar

Bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten überwiegen Parolen für die Wiedervereinigung und gegen die SED-PDS.

12. Januar

Die am 7.10.1989 in der Illegalität gegründete SPD der DDR hält ihre erste Landesdelegiertenkonferenz ab.

15. Januar

Demonstranten stürmen das Gebäude des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin.

21. Januar

Krenz und weitere 13 prominente Funktionäre werden aus der SED-PDS ausgeschlossen.

1. Februar

Modrow schlägt die schrittweise Vereinigung der beiden deutschen Staaten vor. Als Vorbedingung nennt er ihre militärische Neutralität.

4. Februar

Die SED-PDS nennt sich nur noch PDS.

10. Februar

Der russische Präsident Gorbatschow erklärt, dass es Sache der Deutschen sei, den Zeitpunkt und den Weg der Einigung selbst zu bestimmen.

11. Februar

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher erklärt, Deutschland könne nur mit Zustimmung aller 35 Signatarstaaten der KSZE-Schlussakte von Helsinki vereinigt werden.

14. Februar

Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und die beiden deutschen Staaten vereinbaren die Aufnahme von Verhandlungen über die äußeren Aspekte der deutschen Einheit („Zwei plus vier“).

20. Februar

Erfurt, Domplatz: Die „Allianz für Deutschland“, bestehend aus der ehemaligen DDR-Blockpartei CDU, dem Demokratischen Aufbruch (DA) und der Deutschen Sozialen Union (DSU) startet den Wahlkampf zur ersten freien Volkskammer-Wahl. Vor rund 100.000 Menschen spricht Helmut Kohl auf der größten politischen Veranstaltung, die es in Erfurt je gegeben hat. Der westdeutsche Bundeskanzler sagt seinen Zuhörern; sie hätten die Chance, mit ihrer Hände Arbeit „blühende Landschaften“ (an anderer Stelle auch: „blühende Gemeinwesen“) zu schaffen.

1. März

Die DDR-Regierung beschließt die Gründung einer Treuhandanstalt zur Verwaltung des Volkseigentums.

6. März

Anlässlich eines Moskau-Besuchs von Modrow erklären die Regierungen der UdSSR und der DDR übereinstimmend, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten dürfe nicht durch Beitritt der DDR nach Artikel 23 erfolgen, sondern müsse in Etappen vor sich gehen, und Gesamtdeutschland dürfe nicht Mitglied der NATO sein.

8. März

Die DDR-Regierung „entpflichtet“ die 109 000 ehemaligen „inoffiziellen Mitarbeiter“ der Staatssicherheit.

12. März

Letzte Sitzung des Runden Tisches

13. März

An der letzten Montagsdemonstration in Leipzig nehmen „nur“ noch zirka 30.000 bis 50.000 Menschen teil.

18. März

Erste freie demokratische Wahl zur Volkskammer in der DDR. Stärkste Partei wird die ehemals mitregierende DDR-Blockpartei CDU, als weitaus größte Partei des Bündnisses „Allianz für Deutschland“, an zweiter Stelle steht die neu gegründete SPD der DDR, an dritter Stelle die PDS als Nachfolgepartei der SED. Die Bürgerrechtler von Bündnis 90 erreichen keinen Platz im Parlament.

1. April

Die Deutsche Bundesbank schlägt vor, bei einer Währungsunion Einkommen und Renten in der DDR im Verhältnis 2:1 umzustellen. Dies führt zu heftigen Protesten in der DDR.

5. April

Die neu gewählte Volkskammer der DDR konstituiert sich. Sabine Bergmann-Pohl (CDU) wird zur Präsidentin gewählt. Lothar de Maizière (CDU) wird mit der Regierungsbildung beauftragt. Der Staatsrat wird abgeschafft; die Volkskammerpräsidentin nimmt provisorisch die Aufgaben des Staatsoberhauptes wahr. Die Präambel der Verfassung, in der die DDR als „sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern“ bezeichnet wird, wird gestrichen.

12. April

Die Volkskammer wählt Lothar de Maizière (CDU der DDR) zum Ministerpräsidenten und bestätigt die von ihm gebildete Regierung der großen Koalition.

19. April

DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière gibt seine Regierungserklärung ab. Als Ziel nennt er die rasche Herstellung der Einheit über einen vertraglich zu vereinbarenden Weg gemäß Artikel 23 des westdeutschen Grundgesetzes.

23. April

Die BRD-Regierung schlägt der DDR eine Währungsunion mit einem Umtauschkurs von 1:1 für Löhne, Gehälter und Renten sowie für Bargeld und Sparguthaben bis 4 000 Mark pro Kopf vor.

28. April

Eine Gipfelkonferenz der EG stimmt einmütig der Vereinigung Deutschlands zu.

5. Mai

In Bonn beginnen die „Zwei-plus-vier“-Gespräche der Außenminister der beiden deutschen Staaten und der vier Siegermächte.

16. Mai

Bund und Länder einigen sich auf die Schaffung eines Fonds „Deutsche Einheit“ in Höhe von 115 Milliarden DM zur Unterstützung der DDR. Das Geld soll größtenteils am Kapitalmarkt aufgenommen werden.

18. Mai

In Bonn unterzeichnen die Finanzminister Theo Waigel (Bundesrepublik) und Walter Romberg (DDR) den Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion.

13. Juni

Berlin, offizieller Beginn des Abrisses der Berliner Mauer

21. Juni

Der Bundestag und die Volkskammer verabschieden eine gleichlautende Erklärung über die Endgültigkeit der Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze.

1. Juli

 

Währungsunion: Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion tritt in Kraft. Damit ist die D-Mark alleiniges Zahlungsmittel in beiden deutschen Staaten. Alle Personenkontrollen an der innerdeutschen Grenze fallen weg. Das Notaufnahmeverfahren für Übersiedler aus der DDR wird abgeschafft. Seit Jahresbeginn sind 238 384 Personen aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt.

3. Juli

Die Regierung der DDR stimmt der Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen am 2.12. zu.

16. Juli

Durchbruch in Richtung Wiedervereinigung: Gespräche zwischen Gorbatschow, Kohl und Genscher in Moskau und im Kaukasus werden mit dem Ergebnis abgeschlossen, dass die UdSSR einer NATO-Mitgliedschaft des künftigen Gesamtdeutschlands zustimmt. Die sowjetischen Truppen sollen innerhalb von 3 bis 4 Jahren aus Deutschland abgezogen werden.

22. Juli

Die Volkskammer beschließt ein Gesetz über die Wiederherstellung der 1952 aufgelösten Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Landtagswahlen werden auf den 14.10. angesetzt.

23. August

„Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung vom 3. Oktober 1990. (...). Abgegeben wurden 363 Stimmen, davon ist keine ungültige Stimme abgegeben worden. Mit Ja haben 294 Abgeordnete gestimmt [starker Beifall], mit Nein haben 62 Abgeordnete gestimmt und sieben Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten. Meine Damen und Herren, ich glaube, dass ist ein wirklich historisches Ereignis. Wir haben uns die Entscheidung alle sicher nicht leicht gemacht, aber wir haben sie heute in Verantwortung vor den Bürgern der DDR in der Folge ihres Wählerwillens getroffen.“
Gregor Gysi (PDS) (persönliche Erklärung): „Das Parlament hat soeben nicht mehr und nicht weniger als den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik zum 3. Oktober 1990 [Beifall] beschlossen.“

31. August

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (BRD) und Staatssekretär Günther Krause (DDR) unterzeichnen den Einigungsvertrag. Bundestag und Volkskammer stimmen dem Vertrag am 20. September zu.
http://1989.dra.de/themendossiers/politik/volkskammer.html

12. September

Die Außenminister der vier Siegermächte und der beiden deutschen Staaten unterzeichnen in Moskau den Zwei-plus-vier-Vertrag (Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland). Nach seiner Ratifizierung erlöschen alle Rechte der vier Mächte in Bezug auf Deutschland.

20. September

Die Volkskammer und der Bundestag ratifizieren den Einigungsvertrag. Am folgenden Tag stimmt auch der Bundesrat zu.

24. September

Die DDR tritt aus dem Warschauer Vertrag aus.

1. Oktober

Die vier Siegermächte suspendieren ihre Vorbehaltsrechte in Bezug auf Deutschland bis zum Inkrafttreten des Zwei-plus-vier-Vertrages, der noch von den Parlamenten ratifiziert werden muss. Damit hat Deutschland bereits jetzt seine volle Souveränität zurückerlangt.

2. Oktober

Die Nationale Volksarmee löst sich auf. Zuvor hatte es den ersten und einzigen Streik von DDR-Soldaten gegeben.

3. Oktober

Mit Anbruch des 3. Oktober 1990 ist die Teilung Deutschlands beendet. Überall finden Volksfeste statt. Der 3. Oktober wird Nationalfeiertag.

4. Oktober

Im Berliner Reichstag tritt der nunmehr gesamtdeutsche Bundestag, der um 144 von ihren Fraktionen delegierte Volkskammerabgeordnete erweitert worden ist, zu seiner ersten Sitzung zusammen.

14. Oktober

Landtagswahlen in den Ländern der ehemaligen DDR. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird die CDU stärkste Partei, in Brandenburg die SPD.

30. November

Der Abriss der Berliner Mauer ist beendet. Drei Teilstücke bleiben als historische Denkmäler erhalten.

2. Dezember

Erste gesamtdeutsche Bundestagswahl - Sieger sind wie erwartet die Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP.

20. Dezember

Der neu gewählte Bundestag tritt im Berliner Reichstag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Alterspräsident ist Willy Brandt (SPD).

 

 

 

Im Internet Chronik der Wiedervereinigung

 

 

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