Abitur - Zentral-Abitur
zentral < lat. centralis das Zentrum betreffend < lat. centrum und griech. kentron Mittelpunkt, Punkt < griech. kentein stechen (so einen Punkt markieren)
Abitur (Abschlussprüfung, Reifeprüfung) < mittellat. abiturire abgehen wollen < lat. abire fortgehen < ab- fort, weg + ire gehen
(österreichisch:) Matura, Matur < lat. examen maturum Reifeprüfung < lat. maturus reif
Turbo- (Vorsilbe schnell), Turbine (=Kraftmaschine) < lat. turbo Kreisel, Wirbel, Wirbelwind (Genitiv turbinis) < indoeurop. *twer- umrühren, aufrühren
Diskussionspunkte: Gibt es einen allgemein akzeptierten (akzeptierbaren) Wissenskanon? Wer legt ihn wie fest und wer kontrolliert die Festleger? Verändert sich der Kanon im Laufe der Zeit? In welchen Zeitabständen wird er überprüft? Wird durch die Festlegung eines Wissenskanons Wichtiges vernachlässigt? Wird durch die Geheimhaltung der Themen die unterrichtliche Vorbereitung zum Vabanquespiel? Gelingt die Geheimhaltung durchgehend, d.h. sind einigen Schülerinnen und Schülern die Themen doch vorher bekannt? Ist trotz einer Anonymisierung sichergestellt, dass Arbeiten wieder den richtigen Schülern und Schülerinnen zugeordnet werden (weder die Prüflinge noch die Eltern/ElternvertreterInnen können das nachprüfen)? Sogar die Schulbehörde geht davon aus, dass es zu Unterrichtsausfällen kommt: Wie viel fällt aus? Wird dieser Stoff nachgeholt? Können die betroffenen Lehrkräfte in der zur Verfügung stehenden Zeit die Abi-Korrekturen und -Beurteilungen schaffen – zumal wenn sie zeitgleich auch noch Vergleichsarbeiten in Klasse 8 und/oder Abschlussprüfungen in Klasse 10 betreuen sollen? Werden diese Lehrkräfte arbeitszeitmäßig entlastet? ...
Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschließt die Einführung einheitlicher Abitur-Standards ab 2010/11. Dabei geht es um Vergleichbarkeit, nicht um Vereinheitlichung. Die Einführung eines bundesweit einheitlichen Zentralabiturs lehnt die Mehrheit der Länder ab. Auf Länderebene ist das Zentralabitur, mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz, beschlossen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) plädiert dagegen für das Einheitsabitur. (NDR-Videotext, 17.10.07, Seite 163)
Alleingänge: Die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen führen ab 2012 einheitliche Abiturprüfungen für die Fächer Deutsch und Matehmatik ein. Bei positiven Erfahrungen sollen weitere Fächer hinzukommen. Die bayerische Elternlobby begrüßt diese Pläne. (Hamburger Abendblatt, 15.04.08, Seite 6)
Artikel
Jede Klausur wird zweimal korrigiert
Der Start zur ersten zentralen Abiturprüfung hatte etwas Konspiratives: Die 1800 Schüler mit dem Leistungskursus Deutsch mussten zunächst die „Schulchiffre“ auf ihr Arbeitsblatt eintragen, dann ihre Kursusnummer und schließlich ihre individuelle Schülernummer. Letztere hatte der Fachlehrer auf das Namensschild geschrieben, das vor den Schülern auf dem Tisch stand.
„Verwenden Sie auf keinen Fall Ihren Namen und den Namen Ihrer Schule“, hieß es auf dem Hinweisbogen zur Abi-Arbeit eindringlich. Die Zahlen-Buchstaben-Kombination soll die Geheimhaltung sicherstellen, denn mit dem ersten Zentralabitur wird erstmals die zweite Korrektur von einem Lehrer einer anderen Schule geleistet - und zwar anonym.
Dieser Anspruch der Vergleichbarkeit und Standardisierung setzt ein aufwändiges bürokratisches Verfahren voraus. Ein Jahr lang hat Karl-Friedrich Beck - in der Bildungsbehörde der Koordinator für zentrale Abschlussarbeiten - auf den Tag X hingearbeitet: „Das war nur zu schaffen, weil ich mich seit einigen Jahren mit EDV beschäftige.“
Wenn die Fachlehrer die Abi-Arbeiten korrigiert haben, werden alle Originale verpackt und versiegelt. Der ursprüngliche Plan, alle Arbeiten zu kopieren, wurde wegen des Zeitaufwands und der Papierkosten aufgegeben. Der Paketdienst UPS transportiert die wertvollen Akten dann kreuz und quer durch Hamburg (Gesamtkosten laut Behörde: 6900 Euro).
„In einem mehrschrittigen System wurden in der Regel zwei in etwa gleich große, nicht benachbarte Schulen einander zugeordnet“, erläutert Beck. Diese Schulen tauschen die Arbeiten zur Erst- und Zweitkorrektur untereinander aus, ohne allerdings voneinander zu wissen. Die Schulleiter benennen die Kollegen, die die Zweitkorrekturen übernehmen.
Beck meint ausschließen zu können, dass eine anonymisierte Arbeit dem falschen Schüler zugeordnet wird, was ebenso fatale wie glückliche Folgen haben könnte: „Die Arbeiten sind eindeutig kodiert, der Weg wird protokolliert.“ Jeder Irrläufer sei für die Behörde im Übrigen rückführbar.
Die Sorge der Schüler vor zu harten und ungerechten Zensuren hält Beck für unbegründet. Wenn Erst- und Zweitkorrektur um mindestens vier Punkte (drei Punkte = eine Note, die Red.) abweichen, muss ein drittes Gutachten erstellt werden. Wenn ein Drittel aller Prüflinge mit Fünf oder schlechter abschneidet, muss die Schulaufsicht alarmiert werden und nach Lösungen suchen. Eventuell müssen dann alle Zensuren heraufgesetzt werden. Liegt die Abweichung unter vier Punkten, wird der Mittelwert zur Note. pum
Hamburger Abendblatt, 02.02.05, Seite 3
Artikel
Lehrer-Kritik: Zentrales Abitur schlecht vorbereitet
Premiere: Schülern der 13. Klassen werden erstmals dieselben Aufgaben gestellt. Die geringe Zeit für aufwändige Korrekturen stößt auf Widerstand.
Premiere an den Hamburger Gymnasien und Gesamtschulen: Heute erhalten die Schüler der 13. Klassen im schriftlichen Abitur zum ersten Mal dieselben Aufgaben. Bis zum 17. Februar laufen die schriftlichen Prüfungen - in den zehn wichtigsten Fächern als Zentralabitur. Bei den Praktikern in den Schulen, den Lehrern, stößt vor allem die kurzfristige Umsetzung der Reform und der enge zeitliche Rahmen für die Korrekturen auf Kritik. „Unter den Kollegen formiert sich Widerstand gegen die Fristsetzung für die Korrekturen“, sagt Arno Becker, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes Hamburg (DLH).
Bis zum 28. Februar müssen die Fachlehrer die Erstkorrekturen der Abi-Arbeiten abgeben. Dann werden die anonymisierten Originale per Paketboten und nach einem geheimgehaltenen Schlüssel auf andere Schulen verteilt. Die Zweitkorrekturen sollen dann bis zum 18. April die Ursprungsschulen wieder erreicht haben. „Obwohl der Termin um eine Woche verlängert wurde, bleibt die Frist zu kurz“, kritisiert Becker. „Wer zugleich noch Vergleichsarbeiten in Klasse 8 oder Abschlussprüfungen in Klasse 10 betreuen muss, der schafft es nicht, der bricht zusammen.“
Michael Bartsch, Vorsitzender des Personalrats Gymnasien, sieht es ähnlich. „Bestimmte Belastungsspitzen können nicht mehr aufgefangen werden“, sagt Bartsch voraus. „Die Schulen haben keinen Spielraum, um die Mehrbelastung auszugleichen“, sagt auch Becker. In früheren Jahren gehörte es durchaus zur Praxis von Schulen, Lehrer ein bis zwei Tage vom Unterricht zu befreien, damit sie Abi-Arbeiten konzentriert korrigieren konnten. „Das Zentralabitur wird zu immensen Unterrichtsausfällen führen“, befürchtet der stellvertretende Lehrerkammer-Vorsitzende Peter Puhle von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Der Fahrplan ist eng gesteckt“, räumt Alexander Luckow, Sprecher der Bildungsbehörde, ein. „Wir hoffen, dass wir die Termine im nächsten Jahr etwas entzerren können.“
Becker moniert außerdem, dass die Zweitkorrektoren für ihre Tätigkeit im Rahmen des Lehrer-Arbeitszeitmodells keine Stunden angerechnet bekommen. Die Bildungsbehörde lässt das umstrittene Arbeitszeitmodell auf Schwachstellen, Probleme und Ungerechtigkeiten fortlaufend überprüfen. Denkbar ist, dass im Rahmen dieser Evaluation eine zeitliche Entlastung der Zweitkorrektoren vorgeschlagen wird.
Die Gewerkschafter üben auch inhaltliche Kritik am Verfahren. „Das ganze Kreuz mit dem Zentralabitur ist die Abschaffung der Prüfungsausschüsse“, sagt der Personalrats-Vorsitzende Michael Bartsch. Die Anonymisierung verhindere, dass individuelle Lernbeobachtungen des Fachlehrers in die Beurteilung einfließen können. Der Schulleiter fügt die Noten des Erst- und Zweitkorrektors nur schematisch zu einer Note zusammen. „Es wird nur nach Papierlage geprüft“, sagt auch Puhle. „Eine politische Richtungsänderung wird auf dem Rücken der betroffenen Schüler vollzogen. So, wie wir das Projekt jetzt umsetzen müssen, wird ein ganzer Abi-Jahrgang in Geiselhaft genommen“, sagt Michael Bartsch. pum
Hamburger Abendblatt, 01.02.05
Artikel (FAQ)
Das neue Abitur - was ändert sich für Lehrer und Schüler?
Reform: Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen zu Neuregelungen an Gymnasien.
Warum machen 5850 Schüler in Hamburg heute das gleiche Abi?
Wie lief das Abitur bislang?
Bisher wurden in Hamburg alle Abiturprüfungen dezentral organisiert. Jede Schule entschied, an welchem Tag welches Fach geprüft wurde. Die Fachlehrer arbeiteten die Themen und Aufgaben aus und haben ihre Themenvorschläge in der Behörde eingereicht. In der Themenwahl waren sie an Lehr- und Rahmenpläne gebunden. Korrigiert wurden die Arbeiten von zwei Korrektoren derselben Schule, ein Prüfungsausschuss legte dann Noten fest.
Wie läuft das Zentralabitur ab - beginnen alle zur selben Zeit?
Der Beginn aller Prüfungen ist heute einheitlich auf 9 Uhr festgelegt. Es gibt einen Plan für die Zeit vom 1. bis 17. Februar. Darin ist genau festgehalten, welches Fach an welchem Tag an allen Schulen gleichzeitig geprüft wird. Gestartet wird mit dem Deutsch-Leistungskursus, und den Abschluss macht dann der Spanisch-Leistungskursus.
Gibt es das Zentralabitur in allen Fächern?
Nein, nicht in allen. Bisher gibt es die zentralen Fragen in zehn Fächern: in Deutsch, Mathe, Englisch, Französisch, Spanisch, Latein, Gemeinschaftskunde, Biologie, Wirtschaft an Wirtschaftsgymnasien und im Fach Technik an den Technischen Gymnasien.
Wer überlegt sich die zentralen Prüfungsfragen?
Entwickelt wurden die Fragen von so genannten „Aufgaben-Entwicklungsgruppen“ (AEGs). In den Gruppen sitzen Lehrer aus den verschiedenen Fachbereichen - mindestens sechs Lehrer von jeder Schule. Ihre Aufgabenvorschläge werden jeweils einer Kommission vorgelegt, die aus Fachreferenten der Bildungsbehörde, aus Vertretern der Schulleitungen, Schulaufsichten und des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung besteht. Zusammen beschließen sie die endgültigen Prüfungsfragen.
Zu welchem Zeitpunkt kennt der einzelne Lehrer die Fragen?
Am Prüfungsmorgen. Bis dahin liegen die Aufgaben im Schultresor.
Wer korrigiert die Klausuren?
Die erste Korrektur macht der Fachlehrer, die zweite übernimmt eine andere Schule.
Was verändert sich für den einzelnen Schüler?
Weil alle Klausuren anonymisiert an den zweiten Prüfer gehen, darf kein Schüler seinen Namen auf die Klausur schreiben. Das Arbeitspapier ist an Stelle des bisherigen Schulstempels mit einem Chiffrenstempel markiert. Die Schüler erhalten von der Schule nur eine Nummer, mit der sie ihre Arbeiten kennzeichnen.
Müssen die Schüler jetzt länger auf ihre Ergebnisse warten?
Nein.
Was passiert mit Schülern, die am Prüfungstermin krank sind?
Sie bekommen neue Klausurfragen. Die Schulbehörde überlegt, alle Nachschreiber zur Prüfung an einer Schule zu bitten.
Ist das Zentralabitur schwerer?
Darüber wird noch diskutiert. Fakt ist: Die Schwerpunktthemen wurden schon 2003, also vor Beginn der Studienstufe der jetzigen Abiturienten, aus den Lehrplänen für jedes Fach benannt. Aus diesen Schwerpunkten stammen die Fragen. In fast allen Fächern können die Schüler aus mehreren Aufgaben wählen. Sie müssen nur eine Aufgabe beantworten.
Wie machen das andere Bundesländer?
Zentrale Abiturprüfungen werden bereits in Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt gemacht. Neben Hamburg startet auch Brandenburg in diesem Jahr mit den zentralen Prüfungen. Ab 2007 folgen Bremen, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und auch Berlin sind noch nicht dabei. har
Hamburger Abendblatt, 01.02.05
Artikel
Erstes Zentral-Abi: „So schwer war’s nicht“
Goethe, Kertèsz, Lyrik: Vor der gestrigen Deutschklausur kannten selbst die Lehrer nicht die Aufgaben. Abendblatt-Besuch bei zwei Gymnasien.
Von Florian Kain, Vanessa Seifert
Hamburg - Seit 16 Jahren ist Holger Christier Deutschlehrer am Gymnasium Bramfeld (540 Schüler, 41 Kollegen). Aber so gespannt wie gestern, das gibt der 56-Jährige zu, ist er selten zur Arbeit gefahren: „Ich war wahrscheinlich aufgeregter als die 15 Schüler meines Deutsch-Leistungskurses“, sagt der frühere Vorsitzende der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Besonders die Unsicherheit hat ihm zu schaffen gemacht: „Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt. Und ob ich die Schüler wirklich ausreichend vorbereitet habe.“
Morgens um halb acht dann das zentrale „Gipfeltreffen“ mit Schulleiter Albrecht Gsell (58) und Oberstufen-Koordinator Horst Bruhn (57). Im Lehrerzimmer stürzt sich das Trio mit leicht zittrigen Fingern auf den versiegelten Umschlag aus der Bildungsbehörde. Der Inhalt: die Abituraufgaben in Deutsch, die an allen Gymnasien in Hamburg erstmals dieselben sind. Ein eiliger Blick auf die vier zur Auswahl gestellten Themen: 1. Goethes „Wahlverwandtschaften“ 2. Gedichte von Ernst Stadler („Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“) und Julius Hart („Auf der Fahrt nach Berlin“) 3. „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertèsz 4. Erörterung des Artikels von Heinz Schlaffer: „Es ist eine Lust zu lesen“. Dann gibt Christier Entwarnung: „Das ist zu schaffen, das haben wir alles ausführlich behandelt!“
Um Punkt neun Uhr versammeln sich dann auch die nicht minder aufgeregten Prüflinge im Klassenzimmer. Bis 14.30 Uhr haben sie Zeit, um eine der vier Aufgaben zu lösen. Eine halbe Ewigkeit? Von wegen. Selten im Leben vergehen fünfeinhalb Stunden rascher als an diesem Tag X. Und keiner gibt zu früh ab: „Ein gutes Zeichen“, meint der Direktor. Auch er ist froh, dass die Aufgaben nicht zu speziell formuliert sind, dass sie Raum lassen zur Interpretation und zur eigenen Schwerpunktsetzung. Kurz vor halb drei dann viele frohe Gesichter auf dem Pausenhof: Die erste Abi-Klausur ist geschafft. Und fast alle der 15 Schüler meinen: So schwer war das heute nun wirklich nicht.
Ähnlich sehen das die 14 Teilnehmer des Deutsch-Leistungskurses am Gymnasium Hochrad in Othmarschen: „War einfacher als gedacht“, sagt Elena Gohdes (19), als sie um 14.33 Uhr den Raum 8 ihrer Schule verlässt. Eine Gedichtinterpretation hat sie abgeliefert. Auf 15 Seiten. Das Zentralabitur findet die Schülerin gut. Man könne Leistungen dann besser vergleichen, sagt sie. Elena hatte zuvor nur eine Sorge: „Dass die Klausur hammerschwer wird. Wie in Bayern.“
So ging es auch Johanna Joppien (19). In der Nacht zuvor hat sie kein Auge zugemacht. „Zentralabitur - ich wusste doch nicht, was mich erwartet“, sagt Johanna. Sie hat sich in der Klausur mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ beschäftigt. „Die Aufgabe war nicht zu schwierig“, sagt sie.
Das Zentralabitur verunsichert auch manche Eltern. „Die Informationen von der Behörde über den genauen Ablauf waren widersprüchlich“, kritisiert Ulrike Nasri (49). Die dreifache Mutter ist Mitglied im Elternrat des Gymnasiums Hochrad. Ihre Tochter Souraya macht gerade Abitur. „Mein Sohn ist im letzten Jahr viel entspannter gewesen“, sagt Ulrike Nasri. Auch, weil mancher Lehrer mal einen Tipp parat hatte. „So nach dem Motto: Guckt euch dieses Kapitel noch mal an.“
Es sei ein Nachteil, dass ein Lehrer nicht mehr auf die Interessen der Schüler eingehen könne, meint auch Ingrid Lensch (57), Oberstufenkoordinatorin am Gymnasium Hochrad. „Wir sind in der Vorbereitung sehr auf den Pflichtstoff fixiert. Schließlich wollen wir, dass die Schüler gut abschneiden.“ Ungünstig findet sie, dass viele ihrer Abiturienten gleich heute die nächste Klausur schreiben: „Früher lag mindestens ein Tag dazwischen.“
Hamburger Abendblatt, 02.02.05, Seite 3
Artikel
Thema Goethe
Wie und warum sich die Schüler mit den „
Hamburg - Rund 1800 Abiturienten blickten gestern Morgen voller Spannung auf das gleiche Blatt Papier: „Schriftliche Abiturprüfung, Schuljahr 2004/2005: Leistungskurs Deutsch“. Es war das erste Zentralabitur in Hamburg. Eine der vier alternativen Aufgaben betraf die Literatur der Klassik - Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“.
„ ,Die Wahlverwandtschaften' sind ein traditionelles Thema für einen Deutsch-Leistungskurs“, sagt Axel Schwartzkopff, der in der Bildungsbehörde die Arbeitsgruppe für die Entwicklung der Abi-Aufgaben koordiniert hat. „Im ersten Durchgang mit zentralen Aufgabenstellungen sollte auch Vertrautes und Bewährtes zum Prüfungsthema werden.“ Andererseits zähle der Text zum „kulturellen Erbe“ und enthalte „sehr aktuelle und immer wieder aufs Neue zu diskutierende Themen, zum Beispiel im Bereich der Geschlechterbeziehungen“. Also etwas fürs Leben. Der Text dürfte in allen Deutsch-Leistungskursen behandelt worden sein. „Aber auf ganz unterschiedliche Art“, weiß Schwartzkopff. „Die Aufgabe soll möglichst für alle gleich schwer und gleich weit entfernt sein.“
Herausgekommen ist eine Themenstellung, die vermutlich auch manchem Klassikexperten den Kopf rauchen ließe. Die Schüler mussten zwei Briefe der Goethe-Zeitgenossen Karl Wilhelm Ferdinand Solger und Friedrich Heinrich Jacobi über die „Wahlverwandtschaften“ untersuchen, wobei die Romanfigur Ottilie im Mittelpunkt stand. „Es kommt darauf an, aus der historischen Distanz die unterschiedlichen Ansichten zu Ottilie zu erkennen, zu beschreiben und mit Hilfe geeigneter Stellen des Romans zu erörtern und schließlich eine eigene Position zu formulieren“, sagt Schwartzkopff. Welche Textstellen das sind, lässt er sich nicht entlocken: „Wir wollen die Korrektoren nicht gängeln.“
Übrigens: Wem Goethe als Thema nicht behagte, der konnte sein Können auch bei zwei Gedichten des Expressionismus, einem Roman von Imre Kertèsz oder einem Zeitungsartikel über die Lust zu lesen unter Beweis stellen. pum
Hamburger Abendblatt, 02.02.05, Seite 3
Artikel (Kommentar)
Das Zentralabitur kommt überstürzt
Kommentar
Von Peter Ulrich Meyer
Hamburg folgt mit der Einführung des Zentralabiturs einem bundesweiten, ja internationalen Trend. Für einheitliche Prüfungen spricht eine schlichte Forderung: Das Abitur soll an jedem Gymnasium und jeder Gesamtschule grundsätzlich gleich schwer sein. Und umgekehrt: Die Schüler sollen im selben Fach nicht an der einen Schule mehr und der anderen weniger lernen. Das Abitur soll gleich viel wert und damit vergleichbar sein.
Die Realität sieht selbst im räumlich engen Stadtstaat Hamburg anders aus. Untersuchungen belegen, dass das Leistungsspektrum allein schon der Gymnasien sehr unterschiedlich ist. Es gibt Gymnasien, an denen der Leistungsstand der Neuntklässler nur Realschulniveau erreicht. Diese Schüler müssen dann vier Jahre später im Abitur dieselben Aufgaben wie die Absolventen der Top-Gymnasien lösen. Zentrale Abschlussprüfungen erfordern einen Unterbau. Die Bildungspläne müssen - über alle Jahrgänge - auf den einheitlichen Abschluss ausgerichtet sein. Lernbedingungen und Unterrichtsinhalte müssen in Billstedt und Blankenese in etwa gleich sein. Da das kaum der Fall ist, kommt die Reform überstürzt.
Hamburger Abendblatt, 01.02.05, Seite 2
Ranking
„Die Aussagekraft eines Rankings der Durchschnittsnoten scheint mir sehr überschaubar, weil wir leider immer noch unterschiedliche Bewertungskriterien für die Abiturprüfungen in den Ländern haben.“ In keinem anderen Bundesland machten prozentual so viele Jugendliche Abitur wie in Hamburg - das führe beinahe zwangsläufig zu einer Absenkung des Notenschnitts (und die Statistik macht einen Fortschritt zu einem Nachteil).
Hamburgs Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig
„Unterschiede der Abiturnoten in der ersten oder zweiten Stelle hinter dem Komma sind bei individuellen Beurteilungen nicht wirklich aussagekräftig.“
Schleswig-Holsteins Bildungsstaatssekretär Wolfgang Meyer-Hesemann
Hamburg Abendblatt, 15.08.07, Seite 1
„Turbo-Abitur“
Bildung + Innivation
Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen
Der Weg zum Abitur
Dossier zur aktuellen Diskussion um das so genannte „Turbo-Abitur“
www.bildungsserver.de/innovationsportal/bildungplus.html?artid=646
Abiturprüfungen
Beispiel: Fach Deutsch
www.hamburger-bildungsserver.de/index.phtml?site=faecher.deutsch.abitur
Von dort können auch die Prüfungsunterlagen (Regelungen und Handreichungen) zu den anderen Fächern eingesehen werden (siehe die Liste auf der linken Seite der Webseite).
Schulreform in Hamburg (2008-2012)
Die Wege zum Abitur in Hamburg verändern sich mit der Schulreform.
Bisher konnte an folgenden Schulformen das Abitur abgelegt werden:
Siehe auch unter
Abschlüsse
Aufbaugymnasium
13 Jahre
Gesamtschule
Gymnasiale-Oberstufe
Profiloberstufen
Schulreform in Hamburg