Zentral-Abitur (in Hamburg seit 2005)
zentral < lat. centralis das
Zentrum betreffend < lat. centrum und griech. kentron
Mittelpunkt, Punkt < griech. kentein stechen (so einen Punkt
markieren)
Abitur (Abschlussprüfung, Reifeprüfung) < mittellat. abiturire
abgehen wollen < lat. abire fortgehen < ab- fort, weg + ire
gehen
(österreichisch:) Matura, Matur < lat. examen maturum Reifeprüfung
< lat. maturus reif
Turbo- (Vorsilbe schnell), Turbine (=Kraftmaschine) < lat. turbo
Kreisel, Wirbel, Wirbelwind (Genitiv turbinis) < indoeurop. *twer-
umrühren, aufrühren
Diskussionspunkte: Gibt es einen allgemein
akzeptierten (akzeptierbaren) Wissenskanon? Wer legt ihn wie fest und wer
kontrolliert die Festleger? Verändert sich der Kanon
im Laufe der Zeit? In welchen Zeitabständen wird er überprüft? Wird durch die
Festlegung eines Wissenskanons Wichtiges vernachlässigt? Wird durch die
Geheimhaltung der Themen die unterrichtliche Vorbereitung zum Vabanquespiel?
Gelingt die Geheimhaltung durchgehend, d.h. sind einigen Schülerinnen und
Schülern die Themen doch vorher bekannt? Ist trotz einer Anonymisierung
sichergestellt, dass Arbeiten wieder den richtigen Schülern und Schülerinnen
zugeordnet werden (weder die Prüflinge noch die Eltern/ElternvertreterInnen
können das nachprüfen)? Sogar die Schulbehörde geht davon aus, dass es zu
Unterrichtsausfällen kommt: Wie viel fällt aus? Wird dieser Stoff nachgeholt?
Können die betroffenen Lehrkräfte in der zur Verfügung stehenden Zeit die
Abi-Korrekturen und -Beurteilungen schaffen – zumal wenn sie zeitgleich auch
noch Vergleichsarbeiten in Klasse 8 und/oder Abschlussprüfungen in Klasse 10
betreuen sollen? Werden diese Lehrkräfte arbeitszeitmäßig entlastet? ...
Deutschlands
Bildungspolitiker huldigen weiter dem Mythos „Vergleichbarkeit“
Baden-Württemberg,
Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und
Niedersachsen wollen bundesweit vergleichbare Abiturprüfungen („normierte
Aufgabenpools für die Abiturprüfung“).
Im Frühjahr 2011 werden sie für Deutsch und Mathematik entwickelt. Das sei aber
kein Zentralabitur, sondern ein Länderabitur, das in den Prüfungsaufgaben
konkrete Vergleichbarkeit ermögliche, betonte der bayerische Kultusminister
Spaenle (CSU).
Der schulpolitische Sprecher der Hamburger SPD Ties Rabe spricht von einem
Schritt in die richtige Richtung, denn Eltern bräuchten Gewähr, dass Hamburgs
Schulabschlüsse mit denen anderer Länder vergleichbar sei. Dem GAL-Sprecher
Michael Gwosdz geht die Initiative nicht weit genug: Es müssten vielmehr
bundeseinheitliche Standards für die Schulfächer geschaffen werden, daraus
würden sich dann vergleichbare Abiture ergeben. Dora Heyenn (Die Linke) hält
nichts von der „Vergleichbarkeitswut“ ihrer Kollegen. Es sei nicht zielführend,
Schulen ohne Rücksicht auf äußere Bedingungen in ein Raster zu zwängen. Die
Vereinheitlichung von Prüfungen führe dazu, dass nur noch Musteraufgaben gelöst
würden. Statt Zusammenhänge zu erkennen, würden Schüler sich nur noch
abfragbare Fakten aneignen. Sie empfiehlt im Übrigen ein einheitliches
bundesdeutsches Bildungssystem. (Hamburger Abendblatt, 03.02.11, Seite 17)
Sieht so die Zukunft der Schule aus: Pauken für die Prüfung, Fakten im
Kurzzeitgedächtnis speichern und dann sofort wieder vergessen? Geht es in der
Schule, geht es im Leben nur um die Verwertbarkeit von Wissen? Wissen ist nicht
identisch mit Bildung. Was soll Bildung ein? Wofür und wozu sollen
Schüler/innen lernen? Welches Bildungsziel definieren Bildungspolitiker für die
Kinder?
Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschließt die Einführung einheitlicher Abitur-Standards ab 2010/11. Dabei geht es um Vergleichbarkeit, nicht um Vereinheitlichung. Die Einführung eines bundesweit einheitlichen Zentralabiturs lehnt die Mehrheit der Länder ab. Auf Länderebene ist das Zentralabitur, mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz, beschlossen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) plädiert dagegen für das Einheitsabitur. (NDR-Videotext, 17.10.07, Seite 163)
Alleingänge: Die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen führen ab 2012 einheitliche Abiturprüfungen für die Fächer Deutsch und Matehmatik ein. Bei positiven Erfahrungen sollen weitere Fächer hinzukommen. Die bayerische Elternlobby begrüßt diese Pläne. (Hamburger Abendblatt, 15.04.08, Seite 6)
Artikel
Jede Klausur wird zweimal korrigiert
Der Start zur ersten
zentralen Abiturprüfung hatte etwas Konspiratives: Die 1800 Schüler mit dem
Leistungskursus Deutsch mussten zunächst die „Schulchiffre“ auf ihr
Arbeitsblatt eintragen, dann ihre Kursusnummer und schließlich ihre
individuelle Schülernummer. Letztere hatte der Fachlehrer auf das Namensschild
geschrieben, das vor den Schülern auf dem Tisch stand.
„Verwenden Sie auf keinen Fall Ihren Namen und den Namen Ihrer Schule“, hieß es
auf dem Hinweisbogen zur Abi-Arbeit eindringlich. Die
Zahlen-Buchstaben-Kombination soll die Geheimhaltung sicherstellen, denn mit
dem ersten Zentralabitur wird erstmals die zweite Korrektur von einem Lehrer
einer anderen Schule geleistet - und zwar anonym.
Dieser Anspruch der Vergleichbarkeit und Standardisierung setzt ein aufwändiges
bürokratisches Verfahren voraus. Ein Jahr lang hat Karl-Friedrich Beck - in der
Bildungsbehörde der Koordinator für zentrale Abschlussarbeiten - auf den Tag X
hingearbeitet: „Das war nur zu schaffen, weil ich mich seit einigen Jahren mit
EDV beschäftige.“
Wenn die Fachlehrer die Abi-Arbeiten korrigiert haben, werden alle Originale
verpackt und versiegelt. Der ursprüngliche Plan, alle Arbeiten zu kopieren,
wurde wegen des Zeitaufwands und der Papierkosten aufgegeben. Der Paketdienst
UPS transportiert die wertvollen Akten dann kreuz und quer durch Hamburg
(Gesamtkosten laut Behörde: 6900 Euro).
„In einem mehrschrittigen System wurden in der Regel zwei in etwa gleich große,
nicht benachbarte Schulen einander zugeordnet“, erläutert Beck. Diese Schulen
tauschen die Arbeiten zur Erst- und Zweitkorrektur untereinander aus, ohne
allerdings voneinander zu wissen. Die Schulleiter benennen die Kollegen, die
die Zweitkorrekturen übernehmen.
Beck meint ausschließen zu können, dass eine anonymisierte Arbeit dem falschen
Schüler zugeordnet wird, was ebenso fatale wie glückliche Folgen haben könnte:
„Die Arbeiten sind eindeutig kodiert, der Weg wird protokolliert.“ Jeder
Irrläufer sei für die Behörde im Übrigen rückführbar.
Die Sorge der Schüler vor zu harten und ungerechten Zensuren hält Beck für
unbegründet. Wenn Erst- und Zweitkorrektur um mindestens vier Punkte (drei
Punkte = eine Note, die Red.) abweichen, muss ein drittes Gutachten erstellt
werden. Wenn ein Drittel aller Prüflinge mit Fünf oder schlechter abschneidet,
muss die Schulaufsicht alarmiert werden und nach Lösungen suchen. Eventuell
müssen dann alle Zensuren heraufgesetzt werden. Liegt die Abweichung unter vier
Punkten, wird der Mittelwert zur Note. pum
Hamburger Abendblatt, 02.02.05, Seite 3
Artikel
Lehrer-Kritik: Zentrales Abitur schlecht vorbereitet
Premiere: Schülern der 13. Klassen
werden erstmals dieselben Aufgaben gestellt. Die geringe Zeit für aufwändige
Korrekturen stößt auf Widerstand.
Premiere an den Hamburger Gymnasien und Gesamtschulen: Heute erhalten die
Schüler der 13. Klassen im schriftlichen Abitur zum ersten Mal dieselben
Aufgaben. Bis zum 17. Februar laufen die schriftlichen Prüfungen - in den zehn
wichtigsten Fächern als Zentralabitur. Bei den Praktikern in den Schulen, den
Lehrern, stößt vor allem die kurzfristige Umsetzung der Reform und der enge
zeitliche Rahmen für die Korrekturen auf Kritik. „Unter den Kollegen formiert
sich Widerstand gegen die Fristsetzung für die Korrekturen“, sagt Arno Becker,
Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes Hamburg (DLH).
Bis zum 28. Februar müssen die Fachlehrer die Erstkorrekturen der Abi-Arbeiten
abgeben. Dann werden die anonymisierten Originale per Paketboten und nach einem
geheimgehaltenen Schlüssel auf andere Schulen verteilt. Die Zweitkorrekturen
sollen dann bis zum 18. April die Ursprungsschulen wieder erreicht haben.
„Obwohl der Termin um eine Woche verlängert wurde, bleibt die Frist zu kurz“,
kritisiert Becker. „Wer zugleich noch Vergleichsarbeiten in Klasse 8 oder
Abschlussprüfungen in Klasse 10 betreuen muss, der schafft es nicht, der bricht
zusammen.“
Michael Bartsch, Vorsitzender des Personalrats Gymnasien, sieht es ähnlich.
„Bestimmte Belastungsspitzen können nicht mehr aufgefangen werden“, sagt
Bartsch voraus. „Die Schulen haben keinen Spielraum, um die Mehrbelastung
auszugleichen“, sagt auch Becker. In früheren Jahren gehörte es durchaus zur
Praxis von Schulen, Lehrer ein bis zwei Tage vom Unterricht zu befreien, damit
sie Abi-Arbeiten konzentriert korrigieren konnten. „Das Zentralabitur wird zu
immensen Unterrichtsausfällen führen“, befürchtet der stellvertretende
Lehrerkammer-Vorsitzende Peter Puhle von der Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft (GEW). „Der Fahrplan ist eng gesteckt“, räumt Alexander Luckow,
Sprecher der Bildungsbehörde, ein. „Wir hoffen, dass wir die Termine im
nächsten Jahr etwas entzerren können.“
Becker moniert außerdem, dass die Zweitkorrektoren für ihre Tätigkeit im Rahmen
des Lehrer-Arbeitszeitmodells keine Stunden angerechnet bekommen. Die
Bildungsbehörde lässt das umstrittene Arbeitszeitmodell auf Schwachstellen,
Probleme und Ungerechtigkeiten fortlaufend überprüfen. Denkbar ist, dass im
Rahmen dieser Evaluation eine zeitliche Entlastung der Zweitkorrektoren
vorgeschlagen wird.
Die Gewerkschafter üben auch inhaltliche Kritik am Verfahren. „Das ganze Kreuz
mit dem Zentralabitur ist die Abschaffung der Prüfungsausschüsse“, sagt der
Personalrats-Vorsitzende Michael Bartsch. Die Anonymisierung verhindere, dass
individuelle Lernbeobachtungen des Fachlehrers in die Beurteilung einfließen
können. Der Schulleiter fügt die Noten des Erst- und Zweitkorrektors nur
schematisch zu einer Note zusammen. „Es wird nur nach Papierlage geprüft“, sagt
auch Puhle. „Eine politische Richtungsänderung wird auf dem Rücken der
betroffenen Schüler vollzogen. So, wie wir das Projekt jetzt umsetzen müssen,
wird ein ganzer Abi-Jahrgang in Geiselhaft genommen“, sagt Michael Bartsch. pum
Hamburger Abendblatt, 01.02.05
Artikel (FAQ)
Das neue Abitur - was
ändert sich für Lehrer und Schüler?
Reform: Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen zu Neuregelungen an Gymnasien.
Warum machen 5850
Schüler in Hamburg heute das gleiche Abi?
Ziel ist es, einen
einheitlichen Standard für den Unterricht und für Prüfungen an den Schulen zu
schaffen. Der einheitliche Standard soll dann dafür sorgen, die einzelnen
Leistungen vergleichen zu können. Darüber hinaus will die Schulbehörde mit dem
Zentralabi 1200 Lehrer entlasten, die nicht mehr jeder drei Themen für den
Kursus entwickeln.
Wie lief das Abitur
bislang?
Bisher wurden in
Hamburg alle Abiturprüfungen dezentral organisiert. Jede Schule entschied, an
welchem Tag welches Fach geprüft wurde. Die Fachlehrer arbeiteten die Themen
und Aufgaben aus und haben ihre Themenvorschläge in der Behörde eingereicht. In
der Themenwahl waren sie an Lehr- und Rahmenpläne gebunden. Korrigiert wurden
die Arbeiten von zwei Korrektoren derselben Schule, ein Prüfungsausschuss legte
dann Noten fest.
Wie läuft das
Zentralabitur ab - beginnen alle zur selben Zeit?
Der Beginn aller
Prüfungen ist heute einheitlich auf 9 Uhr festgelegt. Es gibt einen Plan für
die Zeit vom 1. bis 17. Februar. Darin ist genau festgehalten, welches Fach an
welchem Tag an allen Schulen gleichzeitig geprüft wird. Gestartet wird mit dem
Deutsch-Leistungskursus, und den Abschluss macht dann der
Spanisch-Leistungskursus.
Gibt es das
Zentralabitur in allen Fächern?
Nein, nicht in
allen. Bisher gibt es die zentralen Fragen in zehn Fächern: in Deutsch, Mathe,
Englisch, Französisch, Spanisch, Latein, Gemeinschaftskunde, Biologie,
Wirtschaft an Wirtschaftsgymnasien und im Fach Technik an den Technischen
Gymnasien.
Wer überlegt sich die
zentralen Prüfungsfragen?
Entwickelt wurden
die Fragen von so genannten „Aufgaben-Entwicklungsgruppen“ (AEGs). In den
Gruppen sitzen Lehrer aus den verschiedenen Fachbereichen - mindestens sechs
Lehrer von jeder Schule. Ihre Aufgabenvorschläge werden jeweils einer
Kommission vorgelegt, die aus Fachreferenten der Bildungsbehörde, aus
Vertretern der Schulleitungen, Schulaufsichten und des Landesinstituts für
Lehrerbildung und Schulentwicklung besteht. Zusammen beschließen sie die
endgültigen Prüfungsfragen.
Zu welchem Zeitpunkt
kennt der einzelne Lehrer die Fragen?
Am Prüfungsmorgen. Bis dahin liegen die Aufgaben im Schultresor.
Wer korrigiert die
Klausuren?
Die erste Korrektur
macht der Fachlehrer, die zweite übernimmt eine andere Schule.
Was verändert sich für
den einzelnen Schüler?
Weil alle Klausuren
anonymisiert an den zweiten Prüfer gehen, darf kein Schüler seinen Namen auf
die Klausur schreiben. Das Arbeitspapier ist an Stelle des bisherigen Schulstempels
mit einem Chiffrenstempel markiert. Die Schüler erhalten von der Schule nur
eine Nummer, mit der sie ihre Arbeiten kennzeichnen.
Müssen die Schüler jetzt
länger auf ihre Ergebnisse warten?
Nein.
Was passiert mit
Schülern, die am Prüfungstermin krank sind?
Sie bekommen neue
Klausurfragen. Die Schulbehörde überlegt, alle Nachschreiber zur Prüfung an
einer Schule zu bitten.
Ist das Zentralabitur
schwerer?
Darüber wird noch
diskutiert. Fakt ist: Die Schwerpunktthemen wurden schon 2003, also vor Beginn
der Studienstufe der jetzigen Abiturienten, aus den Lehrplänen für jedes Fach
benannt. Aus diesen Schwerpunkten stammen die Fragen. In fast allen Fächern
können die Schüler aus mehreren Aufgaben wählen. Sie müssen nur eine Aufgabe
beantworten.
Wie machen das andere
Bundesländer?
Zentrale
Abiturprüfungen werden bereits in Baden-Württemberg, Bayern,
Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt
gemacht. Neben Hamburg startet auch Brandenburg in diesem Jahr mit den zentralen
Prüfungen. Ab 2007 folgen Bremen, Hessen, Niedersachsen und
Nordrhein-Westfalen. Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und auch Berlin sind
noch nicht dabei. har
Hamburger Abendblatt, 01.02.05
Artikel
Erstes Zentral-Abi: „So schwer war’s nicht“
Goethe, Kertèsz, Lyrik: Vor der gestrigen Deutschklausur kannten selbst die Lehrer nicht die Aufgaben. Abendblatt-Besuch bei zwei Gymnasien.
Von Florian Kain, Vanessa Seifert
Hamburg - Seit 16 Jahren
ist Holger Christier Deutschlehrer am Gymnasium Bramfeld (540 Schüler, 41
Kollegen). Aber so gespannt wie gestern, das gibt der 56-Jährige zu, ist er
selten zur Arbeit gefahren: „Ich war wahrscheinlich aufgeregter als die 15
Schüler meines Deutsch-Leistungskurses“, sagt der frühere Vorsitzende der
SPD-Bürgerschaftsfraktion. Besonders die Unsicherheit hat ihm zu schaffen
gemacht: „Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt. Und ob ich die Schüler
wirklich ausreichend vorbereitet habe.“
Morgens um halb acht dann das zentrale „Gipfeltreffen“ mit Schulleiter Albrecht
Gsell (58) und Oberstufen-Koordinator Horst Bruhn (57). Im Lehrerzimmer stürzt
sich das Trio mit leicht zittrigen Fingern auf den versiegelten Umschlag aus
der Bildungsbehörde. Der Inhalt: die Abituraufgaben in Deutsch, die an allen
Gymnasien in Hamburg erstmals dieselben sind. Ein eiliger Blick auf die vier
zur Auswahl gestellten Themen: 1. Goethes „Wahlverwandtschaften“ 2. Gedichte von Ernst Stadler („Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei
Nacht“) und Julius Hart („Auf der Fahrt nach Berlin“) 3. „Roman eines
Schicksallosen“ von Imre Kertèsz 4. Erörterung des Artikels von Heinz
Schlaffer: „Es ist eine Lust zu lesen“. Dann gibt Christier Entwarnung: „Das
ist zu schaffen, das haben wir alles ausführlich behandelt!“
Um Punkt neun Uhr versammeln sich dann auch die nicht minder aufgeregten
Prüflinge im Klassenzimmer. Bis 14.30 Uhr haben sie Zeit, um eine der vier
Aufgaben zu lösen. Eine halbe Ewigkeit? Von wegen. Selten im Leben vergehen
fünfeinhalb Stunden rascher als an diesem Tag X. Und keiner gibt zu früh ab:
„Ein gutes Zeichen“, meint der Direktor. Auch er ist froh, dass die Aufgaben
nicht zu speziell formuliert sind, dass sie Raum lassen zur Interpretation und
zur eigenen Schwerpunktsetzung. Kurz vor halb drei dann viele frohe Gesichter
auf dem Pausenhof: Die erste Abi-Klausur ist geschafft. Und fast alle der 15
Schüler meinen: So schwer war das heute nun wirklich nicht.
Ähnlich sehen das die 14 Teilnehmer des Deutsch-Leistungskurses am Gymnasium
Hochrad in Othmarschen: „War einfacher als gedacht“, sagt Elena Gohdes (19),
als sie um 14.33 Uhr den Raum 8 ihrer Schule verlässt. Eine
Gedichtinterpretation hat sie abgeliefert. Auf 15 Seiten. Das Zentralabitur
findet die Schülerin gut. Man könne Leistungen dann besser vergleichen, sagt
sie. Elena hatte zuvor nur eine Sorge: „Dass die Klausur hammerschwer wird. Wie
in Bayern.“
So ging es auch Johanna Joppien (19). In der Nacht zuvor hat sie kein Auge
zugemacht. „Zentralabitur - ich wusste doch nicht, was mich erwartet“, sagt
Johanna. Sie hat sich in der Klausur mit Goethes „Wahlverwandtschaften“
beschäftigt. „Die Aufgabe war nicht zu schwierig“, sagt sie.
Das Zentralabitur verunsichert auch manche Eltern. „Die Informationen von der
Behörde über den genauen Ablauf waren widersprüchlich“, kritisiert Ulrike Nasri
(49). Die dreifache Mutter ist Mitglied im Elternrat des Gymnasiums Hochrad.
Ihre Tochter Souraya macht gerade Abitur. „Mein Sohn ist im letzten Jahr viel
entspannter gewesen“, sagt Ulrike Nasri. Auch, weil mancher Lehrer mal einen
Tipp parat hatte. „So nach dem Motto: Guckt euch dieses Kapitel noch mal an.“
Es sei ein Nachteil, dass ein Lehrer nicht mehr auf die Interessen der Schüler
eingehen könne, meint auch Ingrid Lensch (57), Oberstufenkoordinatorin am
Gymnasium Hochrad. „Wir sind in der Vorbereitung sehr auf den Pflichtstoff
fixiert. Schließlich wollen wir, dass die Schüler gut abschneiden.“ Ungünstig
findet sie, dass viele ihrer Abiturienten gleich heute die nächste Klausur
schreiben: „Früher lag mindestens ein Tag dazwischen.“
Hamburger Abendblatt, 02.02.05, Seite 3
Artikel
Thema Goethe
Wie und warum sich die Schüler mit den „Wahlverwandtschaften“ auseinandersetzen sollten.
Hamburg - Rund 1800
Abiturienten blickten gestern Morgen voller Spannung auf das gleiche Blatt
Papier: „Schriftliche Abiturprüfung, Schuljahr 2004/2005: Leistungskurs
Deutsch“. Es war das erste Zentralabitur in Hamburg. Eine der vier alternativen
Aufgaben betraf die Literatur der Klassik - Goethes Roman „Die
Wahlverwandtschaften“.
„ ,Die Wahlverwandtschaften' sind ein traditionelles Thema für einen
Deutsch-Leistungskurs“, sagt Axel Schwartzkopff, der in der Bildungsbehörde die
Arbeitsgruppe für die Entwicklung der Abi-Aufgaben koordiniert hat. „Im ersten
Durchgang mit zentralen Aufgabenstellungen sollte auch Vertrautes und Bewährtes
zum Prüfungsthema werden.“ Andererseits zähle der Text zum „kulturellen Erbe“
und enthalte „sehr aktuelle und immer wieder aufs Neue zu diskutierende Themen,
zum Beispiel im Bereich der Geschlechterbeziehungen“. Also etwas fürs Leben.
Der Text dürfte in allen Deutsch-Leistungskursen behandelt worden sein. „Aber
auf ganz unterschiedliche Art“, weiß Schwartzkopff. „Die Aufgabe soll möglichst
für alle gleich schwer und gleich weit entfernt sein.“
Herausgekommen ist eine Themenstellung, die vermutlich auch manchem
Klassikexperten den Kopf rauchen ließe. Die Schüler mussten zwei Briefe der
Goethe-Zeitgenossen Karl Wilhelm Ferdinand Solger und Friedrich Heinrich Jacobi
über die „Wahlverwandtschaften“ untersuchen, wobei die Romanfigur Ottilie im
Mittelpunkt stand. „Es kommt darauf an, aus der historischen Distanz die
unterschiedlichen Ansichten zu Ottilie zu erkennen, zu beschreiben und mit
Hilfe geeigneter Stellen des Romans zu erörtern und schließlich eine eigene
Position zu formulieren“, sagt Schwartzkopff. Welche Textstellen das sind,
lässt er sich nicht entlocken: „Wir wollen die Korrektoren nicht gängeln.“
Übrigens: Wem Goethe als Thema nicht behagte, der konnte sein Können auch bei
zwei Gedichten des Expressionismus, einem Roman von Imre Kertèsz oder einem
Zeitungsartikel über die Lust zu lesen unter Beweis stellen. pum
Hamburger Abendblatt, 02.02.05, Seite 3
Artikel (Kommentar)
Das Zentralabitur kommt
überstürzt
Kommentar
Von Peter Ulrich Meyer
Hamburg folgt mit der
Einführung des Zentralabiturs einem bundesweiten, ja internationalen Trend. Für
einheitliche Prüfungen spricht eine schlichte Forderung: Das Abitur soll an
jedem Gymnasium und jeder Gesamtschule grundsätzlich gleich schwer sein. Und
umgekehrt: Die Schüler sollen im selben Fach nicht an der einen Schule mehr und
der anderen weniger lernen. Das Abitur soll gleich viel wert und damit
vergleichbar sein.
Die Realität sieht selbst im räumlich engen Stadtstaat Hamburg anders aus.
Untersuchungen belegen, dass das Leistungsspektrum allein schon der Gymnasien
sehr unterschiedlich ist. Es gibt Gymnasien, an denen der Leistungsstand der
Neuntklässler nur Realschulniveau erreicht. Diese Schüler müssen dann vier Jahre
später im Abitur dieselben Aufgaben wie die Absolventen der Top-Gymnasien
lösen. Zentrale Abschlussprüfungen erfordern einen Unterbau. Die Bildungspläne
müssen - über alle Jahrgänge - auf den einheitlichen Abschluss ausgerichtet
sein. Lernbedingungen und Unterrichtsinhalte müssen in Billstedt und Blankenese
in etwa gleich sein. Da das kaum der Fall ist, kommt die Reform überstürzt.
Hamburger Abendblatt, 01.02.05, Seite 2
Ranking
„Die Aussagekraft eines
Rankings der Durchschnittsnoten scheint mir sehr überschaubar, weil wir leider
immer noch unterschiedliche Bewertungskriterien für die Abiturprüfungen in den
Ländern haben.“ In keinem anderen Bundesland machten prozentual so viele
Jugendliche Abitur wie in Hamburg - das führe beinahe zwangsläufig zu einer
Absenkung des Notenschnitts (und die Statistik macht einen Fortschritt zu einem
Nachteil).
Hamburgs Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig
„Unterschiede der Abiturnoten in der ersten oder zweiten Stelle hinter dem
Komma sind bei individuellen Beurteilungen nicht wirklich aussagekräftig.“
Schleswig-Holsteins Bildungsstaatssekretär Wolfgang Meyer-Hesemann
Hamburg Abendblatt, 15.08.07, Seite 1
„Turbo-Abitur“
Bildung + Innivation
Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen
Der Weg zum Abitur
Dossier zur aktuellen Diskussion um das so genannte „Turbo-Abitur“
www.bildungsserver.de/innovationsportal/bildungplus.html?artid=646
„Vom Landesabitur zum Bundesabitur?“
„GEW. Wir machen Schule
–
Abitur in der Diskussion
Analysen und Positionen zum Zentralabitur“
Bundesfachgruppenausschüsse Gymnasien und Gesamtschulen der GEW (August 2008)
www.gew.de/Binaries/Binary38387/Bro%20Zentral%20Abi%20ENDk.pdf
Abiturprüfungen
Beispiel: Fach Deutsch
www.hamburger-bildungsserver.de/index.phtml?site=faecher.deutsch.abitur
Von dort können auch die Prüfungsunterlagen (Regelungen und Handreichungen) zu
den anderen Fächern eingesehen werden (siehe die Liste auf der linken Seite der
Webseite).
Ergebnisse 2011 (verglichen mit dem Vorjahr)
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insgesamt |
Stadtteilschulen
/ |
Gymnasien |
Aufbaugymnasium* |
Berufliches Gymnasium** |
Privatschulen |
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Anzahl |
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Durchschnittsnote 2011 |
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Durchschnittsnote 2010 |
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Nicht bestanden 2011 |
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Nicht bestanden 2010 |
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* sechsstufiges Aufbaugymnasium (läuft aus)
** Abend-, berufliches Gymnasium, Hansakolleg
Die Abiturienten des Jahrgangs 2011 in Hamburg erreichen mit 2,48 die beste Durchschnittsnote seit Einführung des Zentralabiturs im Jahr 2005. 2008 und 2009 lag der Durchschnitt bei jeweils 2,5, in den sechs Jahren davor bei 2,6. Dabei sind die Kernfächer Deutsch, erste Fremdsprache und Mathematik jetzt Bestandteil der Prüfung. Erstmals wurde nach den Bedingungen der Profiloberstufe geprüft. 90 Jugendliche erreichen die Note 1,0, vor zwei Jahren waren es 81. Der Doppeljahrgang des Vorjahres ist hier nur bedingt vergleichbar. Kein Jugendlicher schloss mit der denkbar schlechtesten Note 4,0 ab. Auch die Noten 3,9 und 3,8 waren äußerst selten vertreten. Die Zahl der „Durchfaller“ hat sich deutlich erhöht. Nimmt man die Beruflichen Gymnasien hinzu, erhöht sich diese Zahl sogar auf 326. (Hamburger Abendblatt, 29.06.11, Seite 13)
Siehe auch unter
Abitur
Abschlüsse
13 Jahre
Gesamtschule
Gymnasiale-Oberstufe
Profiloberstufen der Hamburger Gesamtschulen
Schulreform in Hamburg
Stadtteilschule