Dieser Beitrag wurde nicht für die ARGE geschrieben. Verantwortlich ist der Unterzeichner. Da der Text aber die Fragen, die für die ARGE im Artikel "Selektion nicht objektiv" behandelt wurden, unter einem anderen Aspekt noch einmal aufnimmt, wird er an dieser Stelle dokumentiert.
Außerdem möchten wir damit auch auf die Publikationen der GGG "GGGinfo" des LV Hamburg aufmerksam machen, in dessen Ausgabe 3/2000 der Text erschienen ist.

 

Fragen und Fragen

Bei der Erstellung des ARGE-Beitrages für den Schwerpunkt "Gesamtschuldiskussion" der hlz hat der Fragenkatalog, den die hlz-Redaktion der ARGE freundlicherweise an die Hand gegeben hatte, eine nicht unwichtige Rolle gespielt. Hier eine mögliche Form der Abarbeitung eines Fragenkatalogs: Fragen durch Gegenfragen beantworten.

  1. Sinkende Anmeldezahlen – alle wollen auf das Gymnasium. Wie kommt’s?
  2. Wenn viele Menschen, ja wenn eine Mehrheit sich falsch verhält oder falsche Entscheidungen trifft, werden dadurch falsche Verhaltensweisen und Entscheidungen zu richtigen?

    Wer hat die Meinungsherrschaft? Welche Interessen stehen hinter der veröffentlichten Meinung? Kommt es nicht zu Schieflagen dadurch, dass bestimmte Meinungen seit Jahren beständig unterschlagen werden?

    Sinken die Anmeldezahlen oder bewegen sie sich über die Jahre hinweg in einem Rahmen mit leichten Abweichungen nach oben und unteren?

    Sind "alle" auf dem Gymnasium glücklich? Oder ist "Glücklich-Sein" (Spaß am Lernen haben und dadurch erfolgreich lernen; "pursuit of happiness") kein Kriterium für die Schule in einer demokratischen Gesellschaft?

  3. Wie reagieren? Schließung von Schulen, um das Angebot zu verknappen?
  4. Ist an dieser Stelle zu reagieren? Und warum? Und wenn ja, warum in dieser Weise?

    Sollen Marktgesetze im Bildungsbereich die Steuerungselemente sein/werden? Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Wie definieren wir Bildung?

    Was können wir uns von einer "Verknappung" versprechen? Was wird als nächstes "verknappt"? Werden weitere Schulformen "verknappt"? Kommt dann eine weitere Verknappungsrunde für Lehrkräfte und Ressourcen? Bedeutet "Schulangebot", dass Eltern und SchülerInnen "KundInnen" der Schule sind? Welches Selbstverständnis von Schule geht damit einher? Welche Schule wollen wir?

    Wollen wir "Integration" verknappen?

    "IGS ist die der Demokratie angemessene Form von Schule": Schaffen wir ein Mehr an demokratischen Strukturen, indem wir demokratische Lernorte verknappen? Sollen Schülerinnen in demokratischen Strukturen lernen? Wenn ja, wie viele? Oder nicht doch alle?

    Sollen SchülerInnen kritikfähig werden? Kritikfähige Schülerinnen werden sich gegen die "Verknappung" zur Wehr setzen – ein unerwünschter Nebeneffekt?

  5. Zweizügige Gesamtschule? BTG und Steilshoop erhalten?
  6. Warum dürfen Gesamtschulen nicht zweizügig sein? Weil es im Schulgesetz des Bundeslandes Hamburg steht? (Gesetze sind veränderbare Übereinkünfte von Gemeinschaften.) Was – außer der Haushaltskonsolidierung – spricht gegen den Erhalt der Standorte BTG und Steilshoop? Es seien schwierige Standorte? Es gebe Pressionen von GegnerInnen? Wo gibt es solche Pressionen in der politischen öffentlichen Leben nicht? Welches bildungspolitische Selbstverständnis erwarten wir von verantwortlichen PolitikerInnen? Haben die politisch Handelnden einen Standpunkt und Grundsätze, nach denen sie – mit langem Atem, auf lange Sicht – handeln (oder ist das nicht mehr zeitgemäß)?

    Gibt es objektive Kriterien für Gefährdung von Schulstandorten? Ist nicht jeder Standort gefährdet, wenn wir das Kriterium "Gefährdung" entsprechend definieren?

  7. Was ist von der Ausdehnung kooperativer Gesamtschulen zu halten?
  8. Ist es nicht bildungspolitisch kurzsichtig, um nicht zu sagen Unfug, weitere KGS zu installieren, wenn dadurch vorhandene IGS-Standorte gefährdet werden?

    Steht hinter einer solchen Ausdehnung vielleicht die Weigerung, eine gründliche Bestandsaufnahme in Bezug auf den Standort und die gesamte Schullandschaft vorzunehmen? Der bequemste Weg, Handlungsfähigkeit zu beweisen ("Wir tun was.")? Aktionismus, ohne mögliche Folgen zu überlegen ("Hauptsache, es wird irgendwas getan.") ?

    Lösen KGS die an den Standorten anliegenden Probleme, z.B. Stadtteilflucht, Akzeptanzprobleme? Oder werden Probleme dadurch sogar verschärft? Gibt es hierzu Untersuchungen, Vorbilder; Argumente?

  9. Sollte der Zugang ans Gymnasium durch Notendurchschnitte, Probezeiten erschwert werden?
  10. Müsste an dieser Stelle nicht wieder die Leistungsdebatte neu eröffnet werden? Wie definiere ich Wissen, Kenntnisse, Kompetenzen, Schlüsselqualifikationen?

    Sollte die Leistungsdefinition über Noten nicht abgeschafft werden? Wissen wir nicht um die Fragwürdigkeit von Noten, um ihre durch Untersuchungen der Vergangenheit längst nachgewiesenen Scheinobjektivität?

    Definiert sich das Gymnasium nicht sowieso nach solchen Notendurchschnitten? Was also ist daran prinzipiell neu/anders? Werden dadurch Probleme auf neue, bessere Weise gelöst? Wenn ja, die Probleme welcher Schulform? Welches Selbstverständnis von Schule steht hinter einer solchen "Lösung"?

     

  11. Wie kann die Gesamtschulbewegung wieder offensiver werden?
  12. Ist sie denn je defensiv gewesen? Allerdings ein Problem ist da: Wie hebeln wir die Totschweige-Spirale aus?

    Brauchen wir logistische Unterstützung? Wer kann sie geben?

    Sprechen wir immer eine Sprache, die von denen, die wir ansprechen wollen, verstanden wird? (Die in der ARGE organisierten Eltern haben bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder darauf hingewiesen, dass Texte, mit denen Eltern umgehen sollen, verständlich sein müssen.)

  13. Wer sind die BündnispartnerInnen? Rot-Grün? GEW? Elterninitiativen? GGG? Profs an der Uni?

Warum erweitern die Vorschlagsliste nicht um nonkonformistische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, JournalistInnen, Schauspielerinnen, WissenschaftlerInnen, Promi-Szene, UnternehmerInnen (fällt jemand noch eine Gruppe ein?) ? Geht es darum, Kriterium zu entwerfen, wer nicht BündnispartnerIn sein kann? Oder geht es nicht darum, Einladungen auszusprechen?

Noch eins; nämlich Grundsatz(selbst)kritik: Betreiben wir mit der Behandlung dieser Fragen nicht das Geschäft derjenigen, die Keile treiben wollen zwischen die, die sich immer noch für eine fortschrittliche Entwicklung von Erziehung und Bildung einsetzen? Das Geschäft derjenigen, die ihre wirtschaftlichen Vorteile verteidigen, die sie durch ihre Beteiligung an den höchst umstrittenen Leistungsuntersuchungen haben (Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing) ?

Und was ist mit Problemflexibilität? Damit ist gemeint: "So formuliert ist es vielleicht richtig, aber vielleicht ist es anders erklärt leichter verständlich, anders gehandhabt leichter zu bearbeiten, anders gefragt verständlicher und deshalb schneller und einfacher zu beantworten."

 

Klaus-Peter Schiebener

 

Erschienen im GGGinfo 3/2000 der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule e.V., Landesverband Hamburg, Seite 8-9

 

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