Selektion nicht objektiv

Zur aktuellen Situation des Bildungs- und Schulwesens

"‚Man trägt wieder konservativ‘ – überall scheint man sich darauf geeinigt zu haben, dass der älteste Hut als letzter Schrei zu gelten hat, der Oldtimer als Zukunftsmodell. Die ganze Operation basiert auf tiefsitzenden sozialen Ängsten. Der rationale Kern der Angst ist die Befürchtung, dass die Bedingungen für das Überleben des Einzelnen und des Ganzen akut gefährdet sind." (Giorgio Pellizzi, Kursbuch 36, Juni 1974 )

"Die Wurzel der Barbarei (=des Faschismus) war die Selektion." (Bundespräsident Roman Herzog in seiner Rede am 9.11.98 in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Berlin)

 

Der Text von 1974 scheint nahe zu legen, dass sich an den Grunddispositionen in einem Vierteljahrhundert nicht viel geändert hat, freilich mit der Einschränkung, dass die Sorge ums Ganze kaum noch jemanden beschäftigt, aber alle immer mehr auf die eigenen Chancen und den eigenen Vorteil bedacht sind.

Solidarisches Handeln, soziale Verantwortung sind immer erst dann gefragt, wenn wir gezwungen werden, gegen zerstörerische Tendenzen in der Gesellschaft vorzugehen.

Was hat sich im Schulwesen seither geändert? Es gibt ein neues Instrumentarium: Neue Steuerungsmodelle sollen den Schulen mehr Selbstverantwortung geben. Dabei wird übersehen, dass unterschiedliche Rahmenbedingungen unterschiedliche Ressourcen erfordern. Leistungsuntersuchungen wie TIMSS, PISA und LAU sollen die Effizienz und Qualität von Schule erhöhen. Sie erreichen objektiv jedoch genau das Gegenteil: der Selektionsdruck wird erhöht, für Prüfungen wird in Zukunft Stoff gepaukt, statt fächerübergreifend das Lernen zu lernen. So genannte Kernfächer hierarchisieren das Wissen und die dazu gehörenden Lehrkräfte gleich mit (Faktorisierung). Gleichzeitig zeigen diese Untersuchungen aber auch, dass Selektion und selektives Fördern nur mittelmäßige Ergebnisse produzieren, die Restschulen des gegliederten Systems immer schlechter werden, im internationalen Vergleich integrierte Schulsysteme besser abschneiden.

(Wir dürfen gespannt sein, was in diesem Zusammenhang von der Initiative Protest gegen Test auf der Veranstaltung am 21.9.00 im Kaifu zum Thema LAU9 vortragen wird.) Auf der Veranstaltung der Initiative "Protest gegen Test" am 21.9.00 zum Thema LAU9 hat der Bremer Wissenschaftler Schönwalder ein testkritisches Gutachten vorgelegt. Wir dürfen gespannt sein, welche weiteren Aktivitäten die Initiative auf diese Grundlage entfalten wird.

Schulprogramme sollen Schulen unterstützen, sich selbst zu helfen. Ungeklärt dabei ist jedoch die Rolle der Schulaufsicht, die gleichzeitig beraten und anweisen soll..

Mit Hilfe von Evaluation sollen die Schulen ihre Entwicklung vorantreiben. Die Gesamtschule, wie die ARGE sie definiert (Integration aller, Lernprozesse statt Abschlussorientierung) ist bereits Programm. Schulentwicklung ist von unten (bottom up) zu organisieren.

Jürgen Baumert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Hauptverantwortlicher für die Durchführung von PISA in Deutschland hat darauf hingewiesen, dass PISA keine flächendeckende Evaluation von SchülerInnen und Schulen sei. Für die einzelne Schule sei die interne Evaluation viel erfolgversprechender. Schulintern ausgewertete Parallelarbeiten brächten viel mehr als die PISA-Fragebögen. Für die Gesamtschule ist das nichts Neues. Vergleichsarbeiten gab und gibt es dort schon immer.

Durch LAU, so Baumert, sei erwiesen, dass das gegliederte System die SchülerInnen nicht begabungsgerecht platziere. Nur ein offenes Schulsystem werde den Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler gerecht.

Deutlicher gesagt, die Selektion des gegliederten Systems folgt keineswegs objektiven Kriterien: Die Verteilung auf die Schulformen erfolgt nicht nach Leistung, sondern nach sozialer Herkunft. Das heißt, kompensatorische Erziehung, integriertes, integrierendes, integratives Lernen, soviel Binnendifferenzierung wie möglich sind erforderlich, um gesellschaftlicher Entmischung entgegenzuwirken und um die Begabungsreserven richtig auszuschöpfen (siehe Green-Card-Diskussion). Profilbildung für jeden Lernenden ist aber nur in einer Schule möglich, in der alle Kinder sind. Dies und soziales Lernen macht Qualität von Schule aus. Eine Schulpolitik, die auf mehr Tests von Schulen, LehrerInnen und SchülerInnen hinaus will, verwechselt die Begriffe Qualität und Selektion. Tests messen darüber hinaus nur das, was sie messen wollen oder können.

Wertschätzung und Ermutigung (auch der LehrerInnen) bringen Schulen voran. Warum verliert sich durch die Schulstruktur der Spaß am Lernen, mit dem SchulanfängerInnen in die Schulen kommen?! Lernen macht Spaß, wenn es selbstmotiviert ist, wenn der Lerngegenstand etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat..

Ist Lernen nur als Auswirkung von Lehren zu definieren oder soll Lehren unterstützen, damit SchülerInnen selbst herauszufinden, was sinnvoll, nötig und interessant ist?

Vorbehaltlos und unabhängig von Anmeldezahlen setzt sich die ARGE für die zweizügige Gesamtschulen ein, dies kann im Internet nachgelesen werden unter www.arge.schule-hamburg.de. Vorliegende Schulprogramme einzelner Gesamtschulen belegen überzeugend, dass dies Sinn macht: Es ist pädagogisch machbar, statdtteilfördernd und nahezu ressourcenneutral.

Halbherzige Modelle lösen dagegen die anstehenden Probleme nicht:

Modell Sechsjährige Grundschule: Sie löst nicht die Probleme der Selektion, sie reduziert integratives Lernen in Sek1 um zwei wichtige Jahre, in denen sich die Klassen in einem integrierten System finden. Sie ist offensichtlich uneffektiv: Die USA, in denen die Kinder sechs Jahre zusammen bleiben, schneiden im Vergleich regelmäßig schlecht ab.

Wesentlich effektiver sind integrierte Systeme (Dänemark, Schweden). Die ARGE setzte sich deshalb 1998 in ihrem Forderungskatalog für eine zehnjährige Grundschule ein

Modell IHR-Schule: Ein Versuch, den durch die Struktur des gegliederten Systems vorgegebenen Selektionsdruck zu entschärfen. Dies übersieht, dass GS-Integration und HR-Integration grundverschieden sind. Eine IHR garantiert eben keine Chancengleichheit, weil sie nicht durchgängig ist. Integration umfasst immer alle, wenn sie pädagogisch Sinn machen soll und gesellschaftspolitisch wirklich gewollt ist.

Modell Noch-mehr-kooperative-Gesamtschulen: Die Standortwahl der zweiten KGS hat die dortigen Probleme nicht gelöst, sondern verschärft. Steilshoop ist nicht ein Problem der Schulform, sondern der Akzeptanz im Stadtteil. Es ist bildungspolitisch fatal, wenn beim Erhalt integrierter Gesamtschulen hohe formale Anforderungen gestellt werden, bei allen anderen Schulformen jedoch weitgehendste Zugeständnisse gemacht werden.

Wie kommt es, dass die Schulformwahl durch die Eltern ("Elternwille") objektiv den Selektionsdruck erhöht, objektiv die Schulchancen für viele Kinder eher verschlechtern als verbessern? Eltern vertrauen auf einen "Königsweg", den Schnelldurchgang zum Abitur am Gymnasium (in einem demokratischen Gemeinwesen sollten wir eigentlich gegen solche Wege misstrauisch sein). Dies hat Gründe: Die ARGE muss immer wieder feststellen, dass Eltern

  1. nicht oder schlecht informiert sind (Eltern müssen wissen, um begründet eine Entscheidung treffen zu können),
  2. durch GrundschullehrerInnen einseitig informiert werden (die ARGE fordert seit langem die Abschaffung der Grundschulempfehlung).

Es muss hier noch einmal deutlich gesagt werden: Der "Königsweg" des gegliederten Schulsystems beinhaltet auch die Möglichkeit leichten bis schweren Scheiterns und auch Sackgassen (statt Abitur gar kein Abschluss). Die Einführung von Notenschwellen erhöht lediglich den Selektionsdruck in der Grundschule und löst nicht das Grundproblem des gegliederten Systems; Kinder eintüten zu müssen.

Über die Scheinobjektivität der Notengebung hat die ARGE in ihrer Broschüre "Zensuren zensiert" ausführlich und unter verschiedenen Aspekten berichtet und Stellung genommen. Zur optimalen individuellen Förderung gehört ein Lernentwicklungsbericht.

Die integrierte Gesamtschule ist nach wie vor die innovativste Schulform: Gutes und Erfolgreiches wird gern abgekupfert. Sie ist auch im Leistungsbereich – jenseits dessen, was in der veröffentlichten Meinung zu finden ist - sehr erfolgreich. Hingewiesen sei an dieser Stelle noch einmal auf die unerfreuliche Tatsache, dass in den Untersuchungen Gesamtschulspezifisches nicht erforscht wird, weil die UntersucherInnen nach eigener Aussage dafür keine Messinstrumente haben, die wahre Gesamtleistungsfähigkeit der Gesamtschule von den Untersuchungen mithin nicht voll erfasst wird.

Bis zu 80% (abhängig natürlich vom Einzugsbereich) der AbiturientInnen an Gesamtschulen hatten keine entsprechende Grundschulempfehlung (dabei ist zu beachten, dass diese jungen Erwachsenen sonst nicht einmal in die Nähe eines solchen Abschlusses gekommen wären), die Aufwärtsförderung funktioniert bis zum Ende der Sekundarstufe 1: Viele SchülerInnen verbessern noch im letzten Halbjahr ihre Abschlussart. Durch die Kooperation von Oberstufen in Hamburg wissen wir, dass das Leistungsvermögen der OberstufenschülerInnen an Gymnasien und Gesamtschulen in etwa gleich ist (in 1999 soll nach unseren Informationen das der Schülerinnen an Gesamtschulen geringfügig besser gewesen sein). An einigen "kleinen" Gesamtschulen in Hamburg erreichen mehr SchülerInnen das Abitur als in großen Schulkomplexen (siehe dazu die Veröffentlichungen im Hamburger Abendblatt).

Bildung, das, was Schule vermitteln soll, ist neben der sozialen Komponente ein Wert an sich. Der integrative Ansatz nimmt den ganzen Menschen wahr. Und nur wenn alle da sind, können wir Demokratie in der Schule authentisch leben. Selektion durch Leistung reduziert Menschen auf einen Teil ihrer Person. Menschen sind mehr als das, was sie leisten, und sie sind nicht nur wertzuschätzen für das, was sie leisten.

Zum Erhalt aller Gesamtschulstandorte gibt es deshalb keine Alternative.

Ziel von Bildung ist, gemeinschafts-, demokratiefähig zu werden, es "ist nicht Steigerung einzelner Fähigkeiten und Leistungen, sondern sie hilft uns, unserem Leben einen Sinn zu geben" (Hermann Hesse).

 

 

Klaus-Peter Schiebener, 08.09.2000

Mitglied des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft der Elternräte der Gesamtschulen in Hamburg – ARGE

 

Erschienen in der hlz 10/00, Seite 21-23

 

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