Aktionsbündnis Gesamtschule in Hamburg: Werbe- und Plakataktion
Gesamtschule - Gut für alle!

Die integrierte Gesamtschule (IGS)

 

Vorweg: ein kleiner geschichtlicher Abriss
Johann Amos Comenius (1592-1670) forderte eine Schule, die allen offen steht und die „alle alles auf alle Weise/gänzlich/allunfassend“ („omnes omnia omnino“) lehrt.
Über Aufklärung (Rousseau, Pestalozzi, Herbart) und Romantik (Fröbel) wurden diese Gedanken in der Reformpädagogik (Lichtwark, Montessori, Berthold Otto, Peter Petersen - Gründung der Jenaplan-Schule) immer wieder neu aufgenommen und weiter entwickelt. „Pädagogik/Erziehung vom Kinde aus“ sollte die Kinder dort abholen, wo sie stehen (fördern und fordern).
Wesentliche Prinzipien der Reformpädagogik waren Schulgemeinde, Neue Methoden, Schulraumgestaltung, Schulreisen, Schullandheime.

Nach dem ersten Weltkrieg, am 16. Mai 1919, wurde in Hamburg das „Gesetz betreffend die Einheitsschule“ verkündet. Zwei Tage vorher hatte es die Bürgerschaft auf gemeinsame Initiative der SPD (darunter die Abgeordneten Richard Ballerstaedt, Rudolf Roß und Adolph-Schönfelder) und der DDP (den Liberalen, deren Abgeordneter Dr. Theodor Blinckmann das Gesetz einbrachte) beschlossen. Auch die konservative DVP trat dafür ein. Die obligatorische Grundschule wurde errichtet, die dreijährigen Vorbereitungsklassen für die Gymnasien abgeschafft, Lehr- und Lernmittelfreiheit eingeführt, die Reformoberschulen ab Klasse 7 eingerichtet und die staatliche Berufsschule verpflichtend. (Quelle für diesen Absatz: hh-heute, 15. Mai 2009)

Nach dem zweiten Weltkrieg schien sich das herkömmliche, ständisch orientierte Schulsystem endgültig kompromittiert zu haben, hatte es doch das faschistische Regime nicht nur nicht verhindert, sondern begrüßt und mit getragen. Es hatte Menschen zu willfährigen Untertanen erzogen.
Nun sollte in einer Schule der Demokratie demokratisches Verhalten für ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen erlernt werden, gefordert wurde die demokratische Leistungsschule, zwecks Um- oder Neuerziehung und um die vorhandenen Begabungspotentiale voll auszuschöpfen. Restaurative Tendenzen machten diese Bemühungen jedoch Mitte der 50er-Jahre wieder rückgängig.
Der soziale Aufbruch Mitte bis Ende der 60er-Jahre setzte das Thema der Schule für alle wieder neu auf die Tagesordnung.
Dem West-Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers gelang es 1963/64, vier verschiedene Modellversuche zur Entwicklung und Erprobung von Gesamtschulen auf Klassenstufe 7-10 und 7-13 zuwegezubringen.
Evers wollte mit einer so genannten Schule für alle das Bildungssystem grundlegend reformieren. 1966 eröffnete er in West-Berlin die erste deutsche Gesamtschule.
Zu der Zeit erschienen die Bücher: Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe, Olten und Freiburg 1964, und Ralf Dahrendorf: Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik, Hamburg 1965.
Als Geburtsurkunde der Gesamtschule gelten die „Empfehlungen zur Einrichtung von Schulversuchen mit Gesamtschulen“ der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates vom 31. Januar 1969. Am 27. November 1969 unterzeichneten die Kultusminister aller Länder die Empfehlung, mindestens 40 Gesamtschulmodelle einzurichten.
Aber eigentlich waren es Elterninitiativen, deren Druck so groß war, dass sie von der Politik aufgenommen wurden und zur Gründung von Gesamtschulen führten. In Hamburg machten 1968 die Schule Alter Teichweg als integrierte Gesamtschule und die Heinrich-Hertz-Schule als kooperative (oder additive) Gesamtschule den Anfang.
In mehreren Schüben folgten dann weitere Schulen, die sich allesamt in integrierte Gesamtschulen umwandelten. Die ARGE als Interessenvertreterin der Gesamtschule und der Gesamtschuleltern begleitete die Entwicklung dieser Schulen seit Anfang der 70er-Jahre.
Seit 1979 galt die integrierte Gesamtschule in Hamburg nicht länger als Versuchs-, sondern als Regelschule.

 

Die integrierte Gesamtschule stellt ein alternatives Schulsystem gegenüber dem dreigliedrigen Schulwesen dar, das aus Gymnasium, Real- und Hauptschule besteht. Wenn Eltern in Klasse 4 vor der Wahl stehen, auf welche weiter führende Schule sie ihr Kind schicken sollen, so stehen sie zwischen der Wahl von zwei Schulsystemen. Haben sie erst einmal gewählt, können sie sich bei einem weiteren Schulwechsel nur noch innerhalb des gewählten Systems bewegen. Ein Wechsel von einem ins andere System ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich (Zuzug aus einem Bundesland ohne IGS-Angebot; psychosoziale und pädagogische Probleme, die sich aus einer unreflektierten, uninformierten Schulsystemwahl ergeben haben u.ä.).
Integrierte Gesamtschulen lehnen den späteren Schulsystemwechsel aus gutem Grund ab: In den unteren Klassen geht es darum, dass SchülerInnen, Lehrkräfte und Eltern in Ruhe für die weitere gemeinsame Zeit Grundlagen des Miteinander entwickeln.

Integrierte Gesamtschulen beginnen ab Klasse 5 ohne Beobachtungssystem, ohne Vertütung, ohne den Stress der Auslese. Schulabschlüsse werden so lange wie möglich offen gelassen. Dies ist förderlich für die Entwicklung. Die Struktur macht den Unterschied. Stellt man sich den Problemen oder nur einem Teil der Probleme? Es gibt Differenzierung auf zwei Leistungsniveaus, und es wird pro Fach abgerechnet (Profilbildung), um Kindern gerecht zu werden.
Viele Gesamtschulmenschen streben einen binnendifferenzierten Unterricht für so viele Fächer wie möglich und so lange wie möglich an. Dadurch wird erreicht, dass die Kinder in ihren Klassenverband verbleiben, miteinander lernen und doch gemäß ihren besonderen Begabungen gefördert werden.
Dies erfordert aber auch eine andere Pädagogik. Viele Lehrkräfte an Gesamtschulen sind über „learning by doing“ zu GesamtschullehrerInnen geworden. Zu fordern ist immer noch die Einrichtung eines durchgehenden Ausbildungsgangs für Gesamtschullehrkräfte, zu fordern bleibt noch immer der Ausbau der universitären Veranstaltungsangebote zum Thema Gesamtschule (derzeit spärlich bis nicht existent).

Fortbildung für alle (LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern) ist unerlässlich.
Nur so schaffen es Unterrichtende, den defizitären Blick zu verlernen (den sie während ihres Schulbesuchs und ihrer Ausbildung sorgsam erlernt haben), der sich an dem schärft, was Kinder nicht können, und statt dessen Vorhandenes zu bestärken und Neues darin sinnvoll zu integrieren.
Nur so gelingt es, dass SchülerInnen und Eltern in die Lage versetzt werden, ihre Interessen zu artikulieren, und als gleichberechtigte PartnerInnen in den Entwicklungsprozess der Schule eingebunden werden. Die ARGE macht hierzu durch Veranstaltungen und Seminare sowie über ihre Projekte Angebote.

Integrierte Gesamtschulen bieten ein glaubwürdiges Angebot als Stadtteilschulen. In so genannten sozialen Brennpunkten (aber auch anderswo) leisten integrierte Gesamtschulen gesellschaftspolitisch wichtige Arbeit gegen die Entmischung von Gesellschaft und Schülerschaft.

Es lässt sich - nicht zuletzt anhand vorhandener Zahlen - beweisen: Die integrierte Gesamtschule verhilft durch ihre Struktur zu höheren Abschlüssen.

Als Ziel formulieren manche Eltern das Erreichen des bestmöglichen Abschlusses an der bestmöglichen Schule. Sie übersehen dabei, dass Bildungsgänge nicht immer gradlinig verlaufen. Das dreigliedrige System bietet Sackgassen und Möglichkeiten leichten bis schweren Scheiterns. Schulisches Lernen ist nicht alles im Leben, zeichnet auch nicht unbedingt den Lebens- und Berufserfolg vor, aber es sollte doch so flexibel angelegt sein, dass es immer „Weichen“ vorsieht, an denen Kinder/Jugendliche „abbiegen“ können. Dies ist ein Strukturprinzip der integrierten Gesamtschule.
Manche sagen, es gebe gute und schlechte Schulen. In Wahrheit ist es doch wohl so, dass Schulen ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld widerspiegeln. Es liegt nicht zuletzt an uns Eltern (Lehrkräften, SchülerInnen), dazu beizutragen, dass die Schule in unserem Stadtteil oder unserer Wahl ein überzeugendes Angebot machen kann.
Gleichzeitig müssen wir einfordern, dass die Schulbehörde gleiche Rahmenbedingungen für alle Gesamtschulen sichert, um unabhängig von Standortfragen die Chancengleichheit für alle zu gewährleisten.

 

Um ein ausreichendes Kursangebot zu gewährleisten, haben manche IGS mit anderen eine gemeinsame Oberstufe. In Hamburg gibt es aber auch integrierte Gesamtschulen, die mit Gymnasien eine gemeinsame Oberstufe haben. Im Abiturdurchschnitt sind keine Unterschiede festzustellen. Es wurde mitgeteilt, dass 1999 IGS-SchülerInnen geringfügig besser abgeschnitten hätten. Wir dürfen dabei allerdings nicht übersehen, dass viele dieser GesamtschulabiturientInnen im herkömmlichen Schulsystem nicht einmal in die Nähe des Abschlusses Abitur gekommen wären.

 

Nur an der integrierten Gesamtschule gibt es Integration, sowohl als soziale Integration aller wie auch „im engeren Sinne“ als Einbeziehung von Kindern mit „besonderem Förderungsbedarf“.
Die integrierte Gesamtschule wird auch in Zukunft an der Spitze von innovativen, modernisierenden Tendenzen im Schulwesen stehen und wird hier unentbehrlich bleiben: ohne integrierte Gesamtschulen keine Arbeitslehre, keine Betriebspraktika, keine Integration, keine eigenständige Schulprogrammdiskussion, kein Projektunterricht, keine innerschulische Mitbestimmungsdiskussion, keine Öffnung zum Stadtteil und so weiter.

 

Die integrierte Gesamtschule und Leistungsuntersuchungen:
Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld, nach eigenem Bekunden PISA-Fachmann (PISA = Program for International Student Assessment) sagte am 17.11.1999 auf der SPD-Tagung „Gesamtschulen in Hamburg - Entwicklung, Erfahrungen, Perspektiven“: „An der Spitze der leistungsfähigsten Schulsysteme stehen nach den Ergebnissen der Untersuchung mit denen in Schweden und Dänemark reine Gesamtschulsysteme.“
Dies erneuert die alte Forderung: Schaffen wir in Deutschland endlich ein solches System mit gleichen Bildungschancen, Schulen, an denen wegen einer echten Heterogenität der Gruppen (nicht nur von der Wirtschaft) erwünschte Schlüsselqualifikationen wie Team- und Konfliktfähigkeit erlernt werden können, um international wieder Anschluss zu finden und um unsere Bildungsreserven auszuschöpfen.
Leistung und Vorurteil (das angeblich bessere Schulniveau außerhalb Hamburgs): Zitat: „Wir haben uns vor einiger Zeit den Spaß erlaubt, ein bayerisches Zentralabitur-Thema im Fach Chemie bei der Schulbehörde anzumelden. Es kam zurück mit der Bemerkung, so ein leichtes Thema hätten sie zur Abiturprüfung noch nie auf dem Tisch gehabt.“ (Bernhard Nette, Personalrat Gesamtschulen, in: Hamburger Abendblatt, 13. Juli 2000, Seite 19)
Leistungsvergleiche: Leistungsvergleichsarbeiten gab es in der integrierten Gesamtschule schon immer. Sie sind ein konstituierendes Element der Gesamtschule, mit anderen Worten gesamtschulspezifisch.
Leistung verteilt sich nach sozialen Aspekten. Das Gymnasium hat eine andere Heterogenität als die Gesamtschule. GS hat die Integration bis nach unten zu gewährleisten und muss von daher besser ausgestattet sein.

 

Integrierte Gesamtschule heute - das ist: eine Schule für alle Kinder; eine Schule, in deren Mittelpunkt die Förderung von Kindern und Jugendlichen steht; eine demokratische Schule; eine lebendige Schule; eine offene Schule; eine alternative Schule. (Weiteres ist nachzulesen im GGGinfo 2/99, Landesverband Hamburg, Seite 9-21.)

Die Gesamtbilanz für die integrierte Gesamtschule ist positiv.

Für die ARGE und ihre Bündnispartnerinnen ist eines klar: Zum Erhalt der Standorte der integrierten Gesamtschulen gibt es bildungs- und gesellschaftspolitisch keine Alternative. Der Auftrag, die integrierte Gesamtschule als ersetzende Schulform auszubauen, bleibt. Elternwille gilt, doch Eltern müssen wissen, um wählen zu können. Und Elternwille kann politischen Gestaltungswillen nicht ersetzen: z.B. Standortpolitik, z.B. Ausstattung der Schulen, um die erweiterten systembedingten Anforderungen der integrierten Gesamtschule erfüllen zu können.

2002 hat ein neuer Mitte-Rechts-Senat in Hamburg festgelegt, dass Gymnasien und kooperative Gesamtschulen ihre Schülerinnen und Schüler in 12 Jahren zum obersten Abschluss führen sollen. Da in einem integrierten Bildungsgang die unterschiedlichen Begabungen nicht identifiziert werden können, führen die integrierten Gesamtschulen ihre Schülerinnen und Schüler auch weiterhin in 13 Jahren zum Abitur.

Im Rahmen der Schulreform 2008-2012 des schwarz-grünen Senats werden die Hamburger Gesamtschulen und die GHR-Schulen zum Schuljahresbeginn 2010/11 zu Stadtteilschulen (siehe Stichwörter unten) umgewandelt. Diese Schulen bieten alle Abschlüsse an und führen in 13 Jahren Jahren zum Abitur. Sie sollen nach Möglichkeit über eine eigene Oberstufe verfügen.

 

(zusammengestellt aus Aufzeichnungen von Gesamtschulveranstaltungen und Veröffentlichungen 1999/2010. K.P.S.)

 

Literatur

Siehe auch die Stichwörter

 

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