Noten / Zensuren / Notenschwellen / Neuberechnung der Durchschnittsnote an Gesamtschulen
Zeugnisse - oder ‚Giftblätter‘ ... gibt es in
Europa etwa seit 1500. Vorher handelte der Vater mit dem Schulmeister aus, was das
Kind lernen sollte, und überprüfte später, ob das Kind über die gewünschten
Fertigkeiten verfügte. Um 1500 ging man dazu über, die Leistung nach Ziffern zu
bewerten.
Das Wort ‚Note‘ leitet sich von nota ab (lat. Merkmal, Kennzeichen,
Schriftzeichen, Inschrift, aber auch: Schandfleck, zensorische Rüge < lat. notus
Partizip der Vergangenheit von noscere wissen, kennen < lat. gnoscere,
griech. gignoskein < indoeurop. *gen- *gno- wissen,
kennen)
Das Wort ‚Zensur‘ leitet sich von censere ab (lat. schätzen, bewerten,
beurteilen < indoeurop. kens verkünden, Sanskrit samsa rühmen,
lobpreisen).
Die Studienordnung der Jesuitenschulen sah erstmals die sechs Unterteilungen
vor, die bis heute, mit einigen Unterbrechungen, erhalten blieben: Sehr gute
Schüler bekamen die Bewertung (hier alle als Adjektiva): optimus
(bestens, Superlativ von bonus), es schlossen sich an: bonus (gut), mediocris
(mittelmäßig, durchschnittlich), dubius (zweifelhaft, gefährdet), retinendus
(zurückzuhaltende, auszusiebende) und reiciendus (abzuweisende,
fortzuwerfende).
Gelegentlich findet sich auch eine Fünfer-Einteilung (hier alle als Adverbia): optime
(sehr gut, am besten), bene (gut), sic satis (geht so, genügend),
male (schlecht), pessime (sehr schlecht, am schlechtesten).
War etwas nicht mehr zu bewerten, weil es unterhalb der Messskala (=canon)
lag, war es sub omni canone (Plural: sub omnibus canonibus). Das
wurde umgangssprachlich verballhornt zu unter aller Kanone.
Ende der 30er-Jahre berechtigte das Zeugnis in Deutschland erstmals zum
Studium. (Hamburger Abendblatt, 2.7.03, Seite 2, verändert und erweitert)
Seit 1938 besteht das Notensystem in Deutschland aus diesen sechs Stufen: 1
(sehr gut), 2 (gut), 3 (befriedigend), 4 (ausreichend), 5 (mangelhaft) und 6
(ungenügend).
An Klasse 11 gilt ein Punktesystem: Es gliedert sich wie folgt: sehr gut (15-13
Punkte), gut (12-10 Punkte), befriedigend (9-7 Punkte), ausreichend
(6-5 Punkte), schwach ausreichend (4 Punkte), mangelhaft
(3-1 Punkte) und ungenügend (0 Punkte). (Hamburger Abendblatt, 27.1.09,
Seite 12)
Die Entscheidung, Zahlen/Ziffern, und nun gerade sechs, zum Bewerten zu
verwenden, ist nicht zwingend. In anderen Ländern werden beispielsweise
Buchstaben genommen oder eine Skala von 1 bis 10, wobei 10 die beste Bewertung
ist. Verwenden wir Buchstaben, wird auch deutlich, dass es methodisch höchst
fragwürdig ist, Noten wie Zahlen zu behandeln - niemand würde so rechnen: A
plus B geteilt durch zwei ist A Komma fünf.
Die Hauptgefahr besteht aber darin zu glauben, die Verwendung von Noten führe
zu Objektivität und Vergleichbarkeit der benoteten Leistungen. Dies ist
wissenschaftlich nachweisbar nicht der Fall.
Pädagogisch demotivieren Noten sowohl "leistungsschwächere" (Ich kann
mich anstrengen, wie ich will, ich werde nicht besser) wie "leistungsstärkere"
SchülerInnen (Ich bekomme sowieso gute Noten, ohne mich sonderlich
anzustrengen). Noten behindern auch Leistungsprofile. Noten sind als
Machtmittel höchst fragwürdig. Noten sind kein Mittel, Leistungen angemessen zu
bewerten. Sie wirken sich negativ auf die Entwicklung der Schulen aus.
Leistungsstarke Schulsysteme verzichten weitgehend auf Zensuren.
Eigentlich sollen Noten und Beurteilungen dem Lernenden bzw. dem Beurteilten
helfen, seine Leistungen zu verbessern. Sie sollen ihn nicht anprangern,
bloßstellen und demotivieren, sondern ihn unterstützen, ermutigen und
anspornen.
Im Internet gibt es Beurteilungsportale für Schulen und Lehrkräfte
(schulradar.de und spickmich.de).
Schulinterne Konflikte lassen sich durch solche Portale nicht beheben - dazu
bedarf es interner Konfliktberatung, Kommunikation der Beteiligten,
Einbeziehung der schulischen Gremien und Mediation (diese vielleicht sogar von
außen). Schulen und Lehrkräfte zu beurteilen ist legitim. So genannte
Schmähkritik verbietet sich von selbst und kann sogar strafbar sein. Davon
abgesehen bleibt aber zu klären, ob berufsbezogene Daten von Privatpersonen
(hier: Lehrer und Lehrerinnen) ohne oder gegen deren Willen der allgemeinen
Öffentlichkeit (hier: World Wide Web) zugänglich gemacht werden dürfen (Art. 1
Abs. 1 GG, Art. 2 Abs. 1 GG sowie §§ 6, 20, 35 BDSG). Einige Gerichte haben
sich hier auf den Standpunkt gestellt, dies sei durch das Recht auf freie
Meinungsäußerung gedeckt (Art. 5 GG).
Ob die Beurteilung von Schulen diesen hilft, sich zu verbessern, ist zu hoffen.
Ranking-Listen - haben wir
gesehen - geben nicht die individuellen Anstrengungen der Schulen wider und
tragen nichts zu ihrer Verbesserung bei. Die Verbesserung der Lernkultur einer
Schule gelingt gut durch begleitende Schulprogramm-Evaluation und Qualitätskontrollen.
2010: Im Entwurf für eine Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Primar-,
Stadtteilschulen und Gymnasien soll neben den Noten eine 90-Punkte-Skala
zur Leistungsbewertung eingeführt werden. Sie beginnt ab Klasse 4. Dadurch
sollen die Lernfortschritte differenzierter beurteilt werden. Eine Umrechnung
auf die Notenskala ist anhand von Vergleichstabellen möglich. Die Halbjahreszeugnisse
der 6. Klassen und die Zeugnisse der Abschlussklassen 9 und 10 weisen Punkte
und Noten aus.
Die Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens soll durch ein
wissenschaftliches Verfahren zur Bewertung überfachlicher Kompetenzen ersetzt werden.
Zur Primarschulempfehlung für Sek1 gehört in Zukunft ein intensives
Beratungsgespräch. (Hamburger Abendblatt, 31.3.10, Seite 19)
Das von der Schulbehörde Ende März 2010 vorgelegte Papier und die beigefügte Tabelle nährt bei Gesamtschulfreunden erneut den Verdacht, dass es bei der Hamburger Schulreform zuvörderst um die Abschaffung des integrierten Schulsystems geht.
Zwar steht Stadtteilschule drüber (siehe Tabelle unten), abgebildet ist aber das von der ARGE abgelehnte dreigliedrige Schulsystem, bestehend aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium.
Zwar ist es gängige Praxis, in Gesamtschulen und in der
gymnasialen Oberstufe mit einem Punktesystem zu arbeiten, dennoch geht es im
Prinzip in einem integrierten Schulsystem nicht um eine möglichst punktgenaue
Selektion/Abgrenzung der Schüler, sondern um langes gemeinsames (!)
Lernen, darum, die Schüler so zu fördern und fordern, auch durch hilfreiche
Leistungsrückmeldungen, dass sie sich individuell leistungsmäßig stetig
verbessern und dadurch ihre Abschlussperspektiven erweitern (eine Punkteskala
kann das vielleicht abbilden, Noten können das nicht). Es geht nicht darum, die
Schüler in Schubladen mit den Aufschriften Hauptschüler, Realschüler,
Gymnasiast zu packen!
Es gilt unverändert diese Grundsatzkritik: Wie der Grundschulverband hält die
ARGE Noten- und Punkte-Skalen für ein Selektionsinstrument. Mit ihrer Hilfe
werden Schüler ausgesondert und nicht gefördert. Noten und Punkte sind
ungeeignet, Lernfortschritte zu dokumentieren und Schüler zu motivieren. An
ihre Stelle müssen Lernentwicklungsberichte treten.
Gesamtschulen und Stadtteilschulen brauchen das System nicht, um bei den Übergängen zu beurteilen, welchen Abschluss das Kind später erreicht. Das kann und soll - so lang wie möglich - offen bleiben.
Das Punktesystem darf nicht zu Rankinglisten führen.
Nach Protesten wurde die Einführung der 90-Punkte-Skala im April 2010 vorerst
zurückgestellt. Es soll mehr Zeit für Beratung und Diskussion geben..
Die Umrechnungstabelle der BSB
|
Primarschule |
Stadtteilschule und Gymnasium |
||||
|
Punkte
|
Note
|
Punkte
|
Note für den ersten Schulabschluss
|
Note für den mittleren Schulabschluss
|
Note für den Oberstufenabschluss
|
|
76-90 |
1 |
81-90 |
1 |
1 |
1 |
|
61-75 |
2 |
71-80 |
1 |
1 |
2 |
|
46-60 |
3 |
61-70 |
1 |
2 |
3 |
|
31-45 |
4 |
51-60 |
1 |
3 |
4 |
|
16-30 |
5 |
41-50 |
2 |
4 |
5 |
|
unter 16 |
6 |
31-40 |
3 |
5 |
6 |
|
|
|
21-30 |
4 |
5 |
6 |
|
|
|
11-20 |
5 |
6 |
6 |
|
|
|
unter 11 |
6 |
6 |
6 |
"Wir treffen auf Märchen: Ohne Noten werden die SchülerInnen nicht an
die Härte der Realität herangeführt, deshalb Noten spätestens ab Klasse 3. Es
gibt keine Gütekriterien für Noten. Sie spiegeln nur die Rangfolge in einer
Lerngruppe wider, mehr nicht. Noten bewerten und entwerten. Sie tragen zur
Zerstörung der Beziehung zwischen LehrerIn und SchülerIn bei. Und bei den
leistungsstarken SchülerInnen führen sie zu einer 'Tauschwertpädagogik': Ich
tue nur das, was du forderst - wozu mehr? Es heißt, ohne Note gebe es keinen
Druck, Lernen sei Anstrengung, erfolgreiches Lernen soll und stolz und
zufrieden machen. Doch eine 'Vier' ist nur 'ausreichend', das heißt, einem
Kind, dass sich angestrengt hat, etwas zu erreichen, wird bescheinigt, die
Anstrengung lohnt nicht."
"Kinder finden Noten gut, Kinder finden auch Fernsehen gut."
"Kinder wollen Noten, finden Noten gut, aber wenn in Umfragen nachgefragt
wird, stellt sich heraus, sie wollen gute Noten, Kinder finden gute Noten
gut." (Zitate: ARGE-Seminar 2004)
Schuljahr 2008/09, Hamburg: Schulversuch zum Thema Noten
Erprobt werden Alternativen zur klassischen Ziffern-Note. Der Versuch wird von
45 auf 54 Schulen ausgedehnt. Nach und nach sollen dann weitere Schulen von der
Ergebnissen profitieren. Neue Formen der Leistungsbewertung: der Stoff für die
Kinder wird in Module unterteilt (Gesamtschule Winterhude), die die Kinder mit
Zertifikat absolvieren können. Zugleich besprechen Lehrer gemeinsam mit den
Kindern und ihren Eltern, wo sie stehen und wie sie sich weiter entwickeln
können. Schon im Januar hat Hamburg einen 5-jährigen Modellversuch gestartet.
(NDR 90,3, Aktuell, Alexander Heinz, 11.7.08)
Um die Noten der verschiedenen Leistungsniveaus
vergleichbar zu machen und um längeres gemeinsames Lernen in einer Klasse zu
ermöglichen, plant die Schulbehörde eine Notenskala mit größerer Spreizung. Das unten stehende 24-Punkte-Benotungssystem wurde veröffentlicht.
In den Abschlusszeugnissen werden aber gemäß Kultusministerkonferenz weiterhin die Noten Eins bis Sechs erscheinen.
Merksatz: Ein auf Vergleichbarkeit ausgerichtetes Bewertungsschema bleibt immer ein Instrument der Selektion. (hlz 12/2010, Seite 31)
|
Punkte |
24 |
23 |
22 |
21 |
20 |
19 |
18 |
17 |
16 |
15 |
14 |
13 |
12 |
11 |
10 |
9 |
8 |
7 |
6 |
5 |
4 |
3 |
2 |
1 |
0 |
|
Erster |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
1+ |
1 |
1- |
2+ |
2 |
2- |
3+ |
3 |
3- |
4+ |
4 |
4- |
5+ |
5 |
5- |
6 |
|
Mittlerer |
|
|
|
1+ |
1 |
1- |
2+ |
2 |
2- |
3+ |
3 |
3- |
4+ |
4 |
4- |
5+ |
5 |
5- |
6 |
|
|
|
|
||
|
Oberstufenabschluss |
1+ |
1 |
1- |
2+ |
2 |
2- |
3+ |
3 |
3- |
4+ |
4 |
4- |
5+ |
5 |
5- |
6 |
|
|
|
|
|
|
|
||
Quelle: Hamburg Abendblatt, 16.11.10, Seite 12
Aus gegebenem Anlass dokumentiert die ARGE/GEST an dieser Stelle verschiedene Aktivitäten und Aspekte des Problems.
Brief der ARGE an die Rechtsabteilung der BSJB und
das Antwortschreiben
Das Hamburger Schulgesetz im Wortlaut dazu
Brief der Elterninitiative der
Julius-Leber-Schule an die Schulsenatorin
Noten oder Berichte (eine wissenschaftliche Studie)
"Zensuren zensiert" (eine
Informationsschrift der ARGE von 1993)
Resolution von Elternverein Hamburg und GEW
Hamburg zur Abschaffung des Elternwahlrechts in der Grundschule (im Mai
2002)
Links
Bildungsbündnis www.quatsch-mit-zensuren.de
Wer gegen Noten ist, ist nicht gegen Anstrengung (von Otto Herz) www.ggg-nrw.de/Lager/Herz9711.html
Siehe auch
Internet-Portale (Lehrer/innen
beurteilen)
Sitzenbleiben