ARGE

Arbeitsgemeinschaft der
Elternräte der Gesamtschulen in Hamburg

 

Presseerklärung der ARGE zu den Forderungen des Aktionsrates Bildung, München

Der „Aktionsrat Bildung“ schlägt „einen radikalen Umbau des Schul- und Vorschulsystems“ vor. Dabei geht es ihm nicht um Chancengleichheit, sondern um „Bildungsgerechtigkeit“ (was immer das sein soll – wer entscheidet hier, was gerecht ist?).

Die Forderungen des Rates im Einzelnen:

-          flächendeckende Ganztagsschulen

Dazu meinen wir: Als Sparmodell - GTS: „Gymnasium trifft Suppenküche“ - sind das in Hamburg vorzugsweise Gymnasien. Ganztagsunterricht bedarf aber eines Konzeptes, die bloße Verlängerung des Vormittagunterrichts in den Nachmittag nach dem Motto „Mehr vom Gleichen“ bringt mehr Stress statt Lernzuwächse.

-          Qualitätskontrollen für Lehrkräfte

Dazu meinen wir: Genau wie bei der Bezahlung der Lehrkräfte nach Leistung, siehe unten, muss genau hingeschaut werden. Wer kontrolliert nach welchen Maßstäben? Hier ist Transparenz gefordert. Und: Fällt wegen der Kontrollen Unterricht aus?
In Hamburg wurde bereits die Schulinspektion eingeführt (§ 85, Abs. 2 HmbSG).

-          bundesweite Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen

Dazu merken wir an: Sollen dabei als Nebeneffekt integrierte Bildungsgänge beseitigt werden, wie in Hamburg geplant? Dazu lesen Sie bitte unsere Stellungnahme zur Zweigliedrigkeit in Hamburg vom 27.3.2007.

-          Sicherung der Unterrichtsqualität über eine qualitätsbezogene Finanzierung

Dazu fragen wir: Sollen Schulen, die die geforderten Qualitätsstandards nicht erreichen, wie mit OFSTED in Großbritannien geschlossen werden?
(OFSTED = Office for Standards in Education, inspiziert Schulen und Lehrkräfte, „inkompetente“ LehrerInnen können entlassen, schlecht bewertete Schulen geschlossen und neu gegründet werden, sog. „fresh start“.) Was geschieht mit den SchülerInnen nach Schließung eines Standorts? Die Behörde schiebt den Schulen/den Schulgemeinden die gesamte Verantwortung für Gelingen und Misslingen zu. Um Chancengleichheit anzustreben, müssen genügend Ressourcen bereitstehen. Soziale Benachteiligungen müssen ausgeglichen werden. Gleiche Rahmenbedingungen reichen hier nicht aus.

-          Verbesserung der Unterrichtsqualität

Dazu fragen wir: Ist die Unterrichtsqualität denn wirklich generell schlecht? Genügt PISA, um das für gesichert zu halten? An den Rankinglisten der Studien werden immer wieder Zweifel geäußert. In der öffentlichen Diskussion werden diese Stimmen ausgeblendet.
Wie wird die Qualität des Unterrichts definiert? Auf welche Weise, mit welchem Ziel soll die Unterrichtsqualität verbessert werden?

-          Schulen zum Teil privatisieren und ihnen mehr Autonomie geben

Dazu merken wir an: In Hamburg gibt es den durchaus positiv bewerteten Ansatz der
Selbstverantwortete Schule, SvS.
Ohne eine genaue Beschreibung dessen, was geschehen soll,
kann Privatisierung auch zu höherer Selektivität des Gesamtsystems führen. Bildung ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht und darf nicht von den Einkommensverhältnissen und vom Bildungs-Engagement der Eltern abhängig gemacht werden – auch hier gilt wieder einmal: Die Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler ist anzustreben.
Hamburger Lehrkräfte klagen bereits, SvS hieße in der Praxis
„Sehr viele SchülerInnen“ (hlz, 06-07/06, Seite 8-9) …

-          Lehrkräfte nach Leistung bezahlen

Dazu fragen wir: Wie und durch wen wird die „Leistung“ ermittelt? Hier besteht Mobbing-Gefahr. Was soll geschehen, wenn eine „schlechte“ Leistung festgestellt wird? Was geschieht beim/ gegen das Burn-Out-Syndrom? Wie ist die Zielrichtung: Helfen, unterstützen oder abkanzeln, strafen?

-          PädagogInnen nur noch befristet einstellen

Dazu merken wir an: Qualifizierte, gut ausgebildete Lehrkräfte sind nur zu bekommen, wenn eine Festanstellung geboten wird. In Hamburg arbeiten heute ReferendarInnen als Lückenbüßer eigenverantwortlich.
Der Beamtenstatus bei Lehrkräften wurde in Hamburg seinerzeit auch eingeführt, um Studierende für den Lehrerjob zu gewinnen. Auch ohne Befristung ist das Lehrerstudium durch verschiedene Maßnahmen schon jetzt wenig attraktiv gemacht worden. Die zentralen Fragen müssen beantwortet werden: Haben wir in Zukunft genügend Lehrkräfte? Was geschieht gegen die Überalterung der Kollegien?
Wichtig wären eine praxisnähere Ausbildung der Lehramtsstudierenden von Anfang an (damit angehende Lehrkräfte ihre Eignung frühzeitig überprüfen können) sowie die Anhebung der ausgewiesenen LehrerInnenstellen (eine Frage der Finanzierung, siehe unten).

-          PädagogInnen zu Weiterbildung verpflichten

Dazu merken wir an: Das ist in Hamburg längst Vorschrift. Zu fragen wäre aber: Bieten die Weiterbildungsangebote wirklich die Hilfe bei den Problemen, die Lehrkräfte heute haben? Weiterbildung muss sinnvoll sein.

-          Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung: Krippenplätze ab dem zweiten Lebensjahr sowie eine Kindergartenpflicht ab vier Jahren. Kindergärten sollen beitragsfrei sein.

Dazu merken wir an: Die Finanzierung ist möglich! Wie das geschehen kann, hat ein Teilnehmer eines Hamburger
Internetforums – „Hamburger Haushalt schuldenfrei bis 2016“ - nachgewiesen. Sein Haushaltsentwurf weist im Jahr 2016 ein Guthaben von ca. 3,4 Mio. Euro aus. 24 Produktbereiche wurden auf 50% gekürzt. Standardbegründung: „Fällt leider einem ausgeglichenen Haushalt zum Opfer…“ Aber immerhin, einige Bereiche wurde sogar aufgestockt. Dazu zählt Wissenschaft (110%), Schulen (110%) und Kindertagesbetreuung. In den Etats muss umgeschichtet werden. Dies gilt ebenso für die Zahl der notwendigen LehrerInnenstellen.

Quelle: Hamburger Abendblatt, 9. März 2007: „Kündbare Lehrer und Autonomie für Schulen“
http://www.abendblatt.de/daten/2007/03/09/703079.html

 

Aber kritisieren wir nicht nur, sondern schlagen wir vielmehr bei dieser Gelegenheit konkret und konstruktiv ebenfalls einen radikalen Umbau des Schul- und Vorschulsystems vor: Wir fordern

-          einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung: Krippenplätze ab dem zweiten Lebensjahr sowie eine Kindergartenpflicht ab vier Jahren. Kindergärten sollen beitragsfrei sein.
(zur Finanzierung siehe oben)

-          Bei PISA international 2001 erreichten die integrierten Gesamtschulsysteme mit Ganztagsunterricht die Spitzenergebnisse.
Wir fordern daher
ein integriertes Gesamtschulbildungswesen für Gesamtdeutschland mit Ganztagsunterricht, der diesen Namen verdient, im Einzelnen:
von Klasse 0 (=Vorschule) bis 10 als einen gemeinsamen Bildungsgang für alle und danach eine je nach Bedarf drei oder zwei Jahre dauernde kombinierte Studien- und Berufs-Oberstufe.

 

-          Im Übrigen gilt unverändert unser 4-Punkte-Forderungskatalog aus der Stellungnahme zur Zweigliedrigkeit in Hamburg vom 27.3.2007:
-
Keine Aufteilung nach Klasse 4, kein Aussondern nach Klasse 6 des Gymnasiums
- Gemeinsames durchgängiges Lernen ab Klasse 0 bis zum angestrebten Schulabschluss
- Integration der Gymnasien in die Gesamtschulen
- Integration der Fördereinrichtungen in die Gesamtschulen.

 

Der ARGE-Vorstand, den 13.06.2007

 

Stellungnahme zur Zweigliedrigkeit

 

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