ARGE

Arbeitsgemeinschaft der
Elternräte der Gesamtschulen in Hamburg

 

Presseerklärung zu den Ereignissen in Erfurt

 

Grauenvoll und unfassbar ist diese schreckliche Tat auch noch nach nunmehr drei Wochen. Was bisher eher belanglos als "Dies kann uns nicht passieren." abgelegt wurde, ist nun Realität geworden und kann sich jederzeit an jeder Schule in unserem Land wiederholen.

Es liegt an uns Eltern dafür Sorge zu tragen, dass die Anteilnahme und Betroffenheit (ganz besonders die der PolitikerInnen) sich auch im politischen Handeln niederschlägt. Besonnenheit sollte bei diesen Überlegungen auf der Tagesordnung stehen und nicht der Wille, populistisches Kapital aus Erfurt zu schlagen.

Ohne eine oberflächliche Analyse über Täter und Motiv in den Vordergrund zu stellen, wird eines deutlich: Der Täter war auffällig unauffällig. Somit passt diese Tat in keine der sonst üblicherweise gewählten Schubladen.

Nicht erst seit Erfurt ist Gewaltprävention ein immer wiederkehrendes Thema in der Arbeitsgemeinschaft der Elternräte der Gesamtschulen in Hamburg (ARGE), als auch bei den Eltern in den Elternräten sowie bei allen, die Verantwortung für die Bildung unserer Kinder tragen.

Politische Entscheidungen, die bisher aufgrund nationaler und internationaler Studien (LAU und PISA) getroffen wurden, erhalten nun einen anderen Stellenwert. In der Hamburger Schulpolitik, ganz besonders unter dem neuen Senator Lange, steht ausschließlich die Leistung im Mittelpunkt, um im nationalen und internationalen Wettbewerb mithalten zu können. Dies u.a. mit der Folge, das Abitur in zwölf Jahren zu "meistern".

Weitere politische Entscheidung wie u.a. die Abschaffung von Berichtszeugnissen und der erklärte Wille gegen eine so genannte Kuschelpädagogik, und dies, so wird dann behauptet, sei die Pädagogik der Gesamtschulen, stehen nach wie vor auf der Tagesordnung. Das angeblich leistungsorientierte gegliederte Schulsystem, in Wirklichkeit eher an Ausgrenzung, Aussortierung und Ellenbogendenken orientiert, wurde auf das Schild gehoben. Das in den zitierten Studien ein integratives Schulsystem bemerkenswerte Ergebnisse erbrachte, wurde schlichtweg ignoriert, eine Diskussion über Schulformen tabuisiert.

Eine auf einen verengten Leistungsbegriff ausgerichtete Schule bringt unzählige Amokläufer hervor. Unbemerkt von der Öffentlichkeit verläuft dieser Amoklauf nicht spektakulär, sondern richtet sich nach innen u.a. mit der Folge von Vereinsamung, Depression und sozialer Vereinsamung.

Wer es immer noch nicht begriffen hat: Schule ist mehr als eine Lehranstalt zur Vermittlung von Wissen. Schule ist eine Sozialisationsinstanz mit einem umfassenden Erziehungsauftrag, dem sich, gesellschaftlich bedingt, das Elternhaus weitgehend entzogen hat. Damit Schule seinen Bildungs- und Erziehungsauftrag nachkommen kann, brauchen wir den Ausbau eines integrierten Schulsystems und mehr Ganztagsschulen. Denn eine Stärke von Gesamtschulen ist es, den Schüler, die Schülerin in den Mittelpunkt zu stellen und nicht den Leistungsdrill. Wer heute Gesamtschule noch als ideologische Kaderschmiede verträumter KuschelpädagogenInnen ohne Realitätssinn versteht, hat nicht begriffen, dass wir ein Schulsystem benötigen, dass die Schüler ganzheitlich sieht. Taten wie die in Erfurt kann auch eine Gesamtschule nicht verhindern, sehr wohl aber präventiv eher begegnen.

Nicht die Verdichtung von Unterrichtsstunden, die Reduzierung von Beratungs- und Tutorenstunden fördern die Entwicklung unserer Kinder. Eine Schule, die den Schüler, die Schülerin in seiner / ihrer ganzen Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt, schafft Individuen, die sich mit der Schule identifizieren. Forschungsergebnisse belegen, dass soziale Kompetenz mindestens gleichwertig, wenn nicht höher als messbare Bildung zu werten ist. Dies wird jedoch immer wieder konsequent ignoriert.

Die ARGE verkennt nicht die angespannte und katastrophale Haushaltslage. Spätestens nach Erfurt wird deutlich, dass Bildung und Erziehung einen neuen politischen Stellenwert bekommen müssen; dies auch möglicherweise durch Umschichtung des Haushaltes. Der Lehrerkollegien müssen adäquat auf ihren erweiterten Erziehungsauftrag vorbereitet werden. PsychologInnen, Sonder- und SozialpädagogInnen müssen fester Bestandteil einer jeden Schule sein. Der Ausbau von Beratungs- und Tutorenstunden, und nicht deren Kürzung, fördern die Entwicklung der SchülerInnen. Der konsequente Ausbau von Ganztagsschulen bindet die SchülerInnen ganzheitlich ein und vermeidet eher die soziale Vereinsamung.

Der/Die leistungsschwache Schüler/in muss eingebunden, und nicht wie in der Vergangenheit, ausgegrenzt werden. Alle gesellschaftlichen Institutionen, die mit einem Bildungs- und Erziehungsauftrag ausgestattet sind, werden aufgefordert, ein soziales, integrierendes Netzwerk aufzubauen, denn durch Bündelung der Ressourcen werden Finanzmittel effektiver eingesetzt, und es werden Gelder frei ("gespart").

Hamburg braucht weder bayerische Tourismus-Polizisten noch schnuckelige blaue Polizeiuniformen; dies ebensowenig wie neue Gefängnisse. Innere Sicherheit ist nötig, blinder Aktionismus aber nicht. Nicht Investitionen in eine repressive Innen- und Sicherheitspolitik verhindern Gewalttaten, vielmehr muss die Verhinderung der Entwicklung von Gewaltbereitschaft im Mittelpunkt politischen Handelns stehen. Denn eines Tages übergeben wir unsere Welt an unsere Kinder.

Wir alle, vor allem aber die, die politische Verantwortung tragen, sind aufgefordert, Konflikt-, Kommunikationskultur und Dialogbereitschaft zu fördern und vorzuleben.

Mit freundlichen Grüßen (für die ARGE)

Bernd Petras

 

 

Hamburg, den 16. Mai 2002

 

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