Die hier vorgestellte Eltern- und PädagogInneninitiative "Protest gegen Test" ist keine Initiative der ARGE. Der ARGE-Vorstand hält es jedoch für notwendig und wichtig, über diese Initiative zu informieren.
Sie ist nach eigenem Bekunden ein freier überorganisatorischer Zusammenschluss von Menschen aus allen Bereichen von Bildung und Erziehung.
Die
ARGE dokumentiert im Folgenden Teile aus einem Flyer der Initiative.

 

"Allein in den nächsten sechs Monaten kommen vier Untersuchungen an Hamburger Schulen vor allem auf die jetzigen Jahrgänge acht und neun zu.
Dies sind:

PISA (Program for International Student Assessment / Programm für Internationalen SchülerInnen-Vergleich). An dieser von der OECD initiierten internationalen Schulstudie nehmen 26 Staaten teil. Ziel des Programms ist es, den OECD-Mitgliedsstaaten vergleichende Daten über die Effektivität ihrer Bildungssysteme zur Verfügung zu stellen. PISA wird, beginnend im Mai 2000, alle drei Jahre Leistungen von 15-jährigen SchülerInnen in den Bereichen Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften testen. Für diesen internationalen Teil werden in der Bundesrepublik in ungefähr 210 Schulen jeweils etwa 28 SchülerInnen getestet. Darüber hinaus haben die KultusministerInnen eine sogenannte nationale Erweiterung beschlossen: Es werden weitere SchülerInnen des Jahrgangs 9 einbezogen, und ein Leistungsvergleich zwischen den Bundesländern soll durchgeführt werden. Damit erweitert sich die Untersuchung auf etwa 65 bis 110 Schulen aller Schulformen pro Bundesland.

LAU 9 (Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung - Jahrgang 9). Dieser dritte Teil einer Hamburger Untersuchung wird im August/September 2000 in allen 9. Klassen durchgeführt. Mit LAU 5 ist 1996 begonnen worden und 1998 folgte LAU 7. In LAU 7 sollte auch der subjektive Eindruck von SchülerInnen zum Unterrichtsklima erfragt werden. Mit diesen Fragen ist die Behörde jedoch vor Gericht wegen fehlender Mitbestimmung der Personalvertretungen gescheitert. Dies soll jetzt nachgeholt werden mit der folgenden Untersuchung im Vorfeld zu LAU 9:

Ditton-Untersuchung (Unterrichtsmerkmale, Unterrichtserwartungen und -bedingungen). Es sollen im April 2000 die Arbeitsbedingungen im Unterricht, im Kollegium, das Verhältnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen sowie subjektive Einschätzungen abgefragt werden. Anders als noch bei LAU 7 sollen diesmal nicht nur die SchülerInnen des Jahrgangs 8 befragt werden, sondern auch die LehrerInnen und die Schulleitung. Nach der Durchführung von LAU 9 im September sollen die Ergebnisse beider Untersuchungen verknüpft werden.

Schulschwänzerstudie Initiator dieser Studie ist das Kriminologische Institut Niedersachsen. 4000 NeuntklässlerInnen an 150 Hamburger Schulen sollen im Zeitraum zwischen Februar und April 2000 über die Motive ihres "Blaumachens" Auskunft geben.

Zwölf gute Gründe, sich NICHT an diesen Tests zu beteiligen!

1. Ziele werden kaum benannt!

Sowohl PISA als auch LAU nennen keine klar definierten Ziele der Untersuchung. Es wird verfahren nach dem Motto: ‚Wir erheben mal und sehen dann, was wir mit den Daten machen.' Die bisherigen empirischen Untersuchungen haben aber deutlich gemacht, dass vor allem Bildungspolitik und -verwaltung Steuerungsdaten suchen. Häufig wirkt dies am Ende gegen die Interessen der Untersuchten.

2. Ursachenforschung fehlt!

Alle Untersuchungen beschreiben nur. Sie zeigen aber keine Ursachen auf. Dies wird insbesondere durch LAU 5 und LAU 7 unterstrichen. Um zu verändern, genügt eine Beschränkung auf Beschreibung nicht, sondern Ursachen sind gefragt und nicht beliebig zu interpretierende Untersuchungen.

3. Erkannte Probleme werden nicht angegangen!

Es ist seit langem bekannt, dass Mathematik in der Bundesrepublik nach einem international veralteten Curriculum unterrichtet wird. Eine Folge: schlechtes Abschneiden bei internationalen Vergleichen (z.B. TIMSS) - gleichwohl wird nichts verändert. Viele Eltern haben in ihren Schulen oft jahrelang auf problematische LehrerInnen hingewiesen. Gleichwohl wird ein Unterstützungs-/Fortbildungssystem, um diesen Zustand zu überwinden, nicht bereit gestellt. Oder: Ganztagsschulen fördern Chancengleichheit, gleichwohl werden sie nur zögerlich umgesetzt. Und: LAU 5 hat Probleme der Grundschulempfehlung benannt - auf breiter Ebene wird dies nicht angegangen (es sei denn, man interpretiert Vergleichsarbeiten in Jahrgang 3 als adäquate Lösung!).

4. Kürzungen der Bildungsausgaben, obwohl Untersuchungen noch laufen!

Wie wenig Untersuchungsergebnisse mit den tatsächlich zur Verfügung gestellten Sach- und Personalausgaben zu tun haben, macht Folgendes deutlich: In Hamburg wurden 1998/99 riesige Einschnitte in Bildungsausgaben beschlossen, die sich teilweise noch zu Beginn des kommenden Schuljahres auswirken werden. Dies geschah, ohne auf Ergebnisse z.B. von LAU 5 einzugehen.

5. Mitbestimmung soll umgangen werden!

Obwohl die Schulbehörde bereits bei den Unterrichtsklima-Fragen in Zusammenhang mit LAU 7 vor Gericht gescheitert ist, versucht sie jetzt erneut, mit der Ditton-Untersuchung das Ausforschen der LehrerInnen durchzuziehen. Die freiwillige Beantwortung durch SchülerInnen und LehrerInnen wird zu diesem Zweck herausgestellt. Mitbestimmung der Personalvertretung wird erneut umgangen.

6. Vertiefte Schulkämpfe statt Beschäftigung mit Schulentwicklung sind zu erwarten!

Schon der Umgang mit den Ergebnissen der dritten internationalen Mathematikstudie (TIMSS) hat deutlich gemacht: Hier werden sowohl von wissenschaftlicher Leitung der Untersuchung, aber auch von BildungspolitikerInnen völlig unhaltbare Aussagen in diese Untersuchungen hinein interpretiert. Vor allem sind von interessierter Seite immer wieder die Schulformdiskussion angeheizt worden. Ein solcher Umgang ist auch weiterhin zu befürchten, da z.B. PISA und TIMSS federführend vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung/Berlin geleitet werden. Ebenso fehlt eine Distanzierung der betroffenen WissenschaftlerInnen zu solchen Vorgängen in der Vergangenheit. Im Ergebnis wird dies die Schulgrabenkämpfe nur vertiefen.

7. Leistungsbegriff wird verkürzt!

Die Auswahl vor allem kognitiver Aspekte ist eine unzulässige Verkürzung des Leistungsbegriffes. Dies geschieht in fast allen Schulleistungsuntersuchungen mit dem Hinweis auf fehlende Testinstrumente für andere Aspekte von Leistung. Im Ergebnis wird mit diesen Untersuchungen aber so umgegangen, als seien weitestgehend alle Aspekte von Leistung untersucht worden.

8. Probleme standardisierter Tests!

Die Durchführung standardisierter Tests beinhaltet folgende Probleme:

9. Eigeninteresse der WissenschaftlerInnen!

Viele ErziehungswissenschaftlerInnen sind bundesweit an Untersuchungen wie PISA beteiligt. Da es dafür reichlich Gelder gibt, ist ein erhebliches Eigeninteresse an diesen Untersuchungen nur zu verständlich. Kritische Distanz ist daher abhanden gekommen, die Nähe zu den AuftraggeberInnen manchmal unerträglich.

10. Gegenwärtige Schulentwicklung wird behindert!

Es gibt inzwischen Erfahrungen, dass gegenwärtig stattfindende Schulentwicklungsprozesse generell, aber auch durch die Häufigkeit und schnelle Folge solcher Untersuchungen erheblich behindert werden.

11. Unterrichtsausfall durch Tests!

Insgesamt werden die vier genannten Untersuchungen zusammen mehr als eine Unterrichtswoche dauern und damit in erheblichem Umfang weiteren Unterrichtsausfall produzieren.

12. Schnüffelei und Denunziantentum verhindern!

PISA erforscht noch weitgehender als LAU die soziale Situation der Familie. Nicht nur die Arbeitsverhältnisse der Eltern werden im Detail erfragt, sondern auch deren Ausbildung, wie oft politische Themen im Elternhaus diskutiert werden, welche Hausaufgabenhilfen von den Eltern kommen usw. Ebenso werden die SchülerInnen zum Lernklima in ihrer Klasse gefragt.

Die Ditton-Untersuchung befragt nicht nur SchülerInnen nach dem Schulklima, sondern will u.a. von Schulleitung und LehrerInnen wissen, ob "an ihrer Schule öfter mal alles drunter und drüber ginge", ob "einige KollegInnen besser nicht Lehrer geworden wären", ob "Schulleitung mehr Möglichkeiten haben sollte, gegen ‚schwache' Kollegen vorzugehen" (siehe Fragebogen).

Unterstützte Selbstevaluation der Schulen einfordern!

Wir fordern, statt zweistellige Millionenbeträge zu verschleudern, endlich den Einzelschulen eine Schulbegleitforschung in ihrem Schulentwicklungsprozess zu ermöglichen. Eine unterstützte Selbstevaluation der Schule muss Vorrang haben. "Schlichte Außenrevision ist Last, Anlass zu Misstrauen, Widerstreben und Nischensuche!" (Hermann Schwarz)

Zur rechtlichen Lage:

Für Frageteile in allen anstehenden Untersuchungen, die sich auf die soziale Lage von SchülerInnen und Elternhaus beziehen, ist die vorherige Zustimmung der Eltern erforderlich. Ohne diese dürfen SchülerInnen die entsprechenden Fragebögen nicht beantworten. - Nur die Beantwortung von Fragebögen, die sich mit Fächern wie Mathematik, Deutsch oder der 1. Fremdsprache beschäftigen (sogenannte Fachfragebögen) kann nicht verweigert werden.

Zur Beteiligung an der Ditton-Untersuchung wird von der Schulbehörde gesagt, dass die Teilnahme insgesamt freiwillig sei.

Wir fordern Euch auf: Beteiligt Euch nicht an diesen Untersuchungen - verweigert Euch.

PISA braucht 80%ige Beteiligung!*
Dieses kann verhindert werden!

*Nach Aussagen der PISA-Verantwortlichen ist eine 80%ige Beteiligung notwendig, um diese Studie sinnvoll auswerten zu können."

Anlaufadresse der Initiative: W.-E. Lenz, Berner Heerweg 153, 22159 Hamburg

 


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