Rede des Vertreters der ARGE am Gesamtschulaktionstag, dem 19.11.1998, vor dem Kurt-Schumacher-Haus in Hamburg

 

 

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Mütter und Väter,

sehr geehrte Gäste von der Presse und den anderen öffentlichen Medien,

 

mein Name ist Klaus-Peter Schiebener, und ich spreche für die Arbeitsgemeinschaft der Elternräte der Gesamtschulen in Hamburg, kurz ARGE genannt.

Ich spreche hier also für die vielen an den Gesamtschulen engagiert mitwirkenden Eltern.

 

Wir Eltern nehmen die Vorgaben des neuen Hamburgischen Schulgesetzes sehr ernst, offenbar ernster als die Politiker und Politikerinnen: Wir fordern nämlich als Erstes und Wichtigstes: Setzt dieses Gesetz endlich um:

Nicht erst die Schule der Zukunft, sondern die Schule der Gegenwart muss demokratisch sein, d.h. ab sofort müssen die drei schulischen Gruppen SchülerInnen, Lehrkräfte und Eltern bestimmen, wo es in den Schulen langgeht !

Wir fordern, nicht erst befragt zu werden, wenn die Entscheidungen schon gefallen sind, und nachdem ihr Politikerinnen und Politiker in letzter Zeit so viel Unfug verzapft habt, fordern wir auch ein Vetorecht bei den Kürzungsmaßnahmen, die uns immer noch schönfärberisch als Sparmaßnahmen verkauft werden.

 

Seit Jahren wird an der Kürzungsschraube gedreht, jetzt ist sie überdreht, nichts geht mehr, doch die zuständige Senatorin und die Koalition im Rathaus tun so, als sei nichts geschehen. Wenn ihr meint, ihr könntet das a la Helmut Kohl aussitzen, so lasst euch gesagt sein: Das hat schon in Bonn nicht mehr funktioniert. Eure Sitze wackeln! Und zwar bedenklich!

 

Vor zehn Tagen hat der Bundespräsident in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Berlin gesagt, die Wurzel des Übels des Faschismus sei die Selektion gewesen. Müssen wir eine solche Aussage nicht ernst nehmen? Müssen wir nicht für unser gesamtes Erziehungswesen Konsequenzen ziehen?

 

Zur Zeit haben Schuluntersuchungen Konjunktur: Es wird gefragt, wie leistungsfähig sind die Schulen, die Schulformen? Die Zielrichtungen der meisten dieser Untersuchungen stimmen nicht mit dem neuen Schulgesetz überein. Statt zu untersuchen, teilen uns die Untersucher ihre Vorurteile über Schule, insbesondere über die Gesamtschule mit. Für das, was Gesamtschulen leisten, so sagen sie selbst, haben sie leider keine Messinstrumente. Wie können wir solche Untersuchungen ernst nehmen, die nicht einmal wissen, was soziales Lernen ist?

 

Doch es gibt auch Interessantes: So kommt die Vorsitzende der LehrerInnenkammer Frau Eisele-Becker in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass LAU7 und TIMSS vor allem gezeigt haben, dass Selektion und selektives Fördern nur mittelmäßige Ergebnisse produzieren. Damit gebe es keinen Grund mehr, sagt sie, an einer "Mehrgliedrigkeit des Schulsystems festzuhalten".

 

Und kein Mensch bestreitet, dass die Gesamtschule die innovativste und meistuntersuchte Schulform ist. Ohne Gesamtschule kein Fortschritt im Bildungswesen!

 

Schon lange bevor dies der Schulbehörde in den Sinn kam, haben sich Gesamtschulmenschen systematisch mit Schulentwicklungsprozessen befasst. Die ARGE war und ist daran mit einer Konzeptgruppe beteiligt. Doch auch hier gilt es, etwas ganz klar festzustellen: Gesamtschule, eine Schule, in der alle willkommen sind und miteinander, nicht gegeneinander lernen, in der nicht abschluss- und notenorientiert, sondern in Lernprozessen gedacht wird, in der nicht Lernstoff gepaukt, abgehakt und vergessen, sondern das Lernen gelernt werden soll, das ist bereits Programm.

 

Und das sollten Politiker und Politikerinnen nicht unterminieren und abbauen, sondern unterstützen!

 

Wir fordern die verantwortlichen Politiker und Politikerinnen auf, endlich zu ihren eigenen gesellschafts- und schulpolitischen Aussagen zu stehen!

 

Von der SchülerInnen von heute hängt die Gesellschaft von morgen ab. Allein deshalb darf an keiner Stelle im Bildungsbereich gekürzt werden.

 

Falls die Politik nicht umgehend Zeichen setzt, dass sie diese verkehrte Schulpolitik ändert, dann sei ihr schon jetzt und hier gesagt:

 

Wir haben gerade erst angefangen!

Und wir können auch noch ganz anders! Ihr werdet euch noch wundern!

Gegen eine rot-grüne kohlra(a)benschwarze Kahlschlagpolitik!

Finger weg von der Gesamtschule!

 

Hamburg, 19.11.1998

 

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