STELLUNGNAHME ZUR SCHULPROGRAMMENTWICKLUNG (SPE)
"Die Schule legt die besonderen Ziele, Schwerpunkte und Organisationsformen ihrer pädagogischen Arbeit sowie Kriterien für die Zielerreichung in einem Schulprogramm fest." (HmbSG § 51,1)
Wenn es denn so einfach wäre, könnten Eltern oder alle an Schule Beteiligten gut mit einer solchen Aussage umgehen. Schon die Tatsache, dass die ursprünglich im Diskussionsentwurf für ein neues Schulgesetz enthaltene Formulierung nur die Kenntnisnahme des Schulprogramms durch die Schulaufsicht vorsah, im jetzt geltenden HmbSG aber durch eine Genehmigung ersetzt wurde, hat viele misstrauisch werden lassen. Damit ist Schulprogrammentwicklung in einen größeren Gestaltungszusammenhang gerückt worden. Bildungspolitisch wird dieser Gestaltungszusammenhang gegenwärtig beschrieben durch Stichworte wie einschneidende Kürzungen finanzieller und personeller Mittel, Schulautonomie, Schul-Sponsoring, Privatisierung / Teilprivatisierung des Bildungswesens, Bildungsgutscheine, Lernuntersuchungen vor allein kognitiver Fähigkeiten, Neue Steuerungsmodelle etc.
Um es deutlich zu sagen: Die ARGE hält Schulentwicklung für unumgänglich. Die bisherige Geschichte von Gesamtschule hat gezeigt: Ohne Schulentwicklung läuft nichts, ja, Gesamtschule hat zu allen Zeiten geradezu von Schulentwicklung gelebt. Dies sind und waren immer Prozesse, die von PädagogInnen, SchülerInnen oder Eltern häufig auch gemeinsam getragen wurden und werden. In einem solchen gemeinsam von unten getragenen demokratischen Prozess wird sich auch Schulprogrammentwicklung an Gesamtschulen durchsetzen. Der Verhinderung solcher Prozesse aus Arbeitsbelastungsgründen stehen wir Eltern eher ablehnend gegenüber.
Aber können wir uns, wie von der Schulbehörde gefordert, eine Betrachtung nur der Schulentwicklung leisten, ohne Zusammenhänge herzustellen zum stattfindenden Umbau der Bildungspolitik von oben, zur Einführung Neuer Steuerungsmodelle, den verstärkten Privatisierungsbemühungen, verbunden mit einer Verengung des Bildungsbegriffs, des Abbaus von Chancengleichheit und der Gefährdung integrativer Pädagogik? Gibt es auf diesem Hintergrund in einigen Jahren noch Gesamtschulen mit heutiger Ausrichtung?
Die zeitliche Befristung der Vorlage von Schulprogrammen bis zum 1. 8. 2000 führt schon jetzt zu so nicht beabsichtigten Wirkungen: Die Berichte der ARGE-Delegierten aller anwesenden Schulen auf der April-Sitzung haben mehr als deutlich unterstrichen, dass es in der überwiegenden Zahl der Schulen Probleme mit dem Einbezug von Eltern und Schülerlinnen in die Schulprogrammentwicklung gibt. Dabei wurde deutlich, dass dies für PädagogInnen und Schulleitungen eine neue Aufgabe darstellt, auf die sie nicht vorbereitet sind. Aus dieser Erkenntnis heraus haben erst jetzt - viel zu spät - entsprechende Fortbildungen begonnen. Qualifikation hätte am Anfang stehen müssen für alle Beteiligten, gibt es als Meinung auch aus der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung zu hören.
Gleichzeitig meinen viele PädagogInnen und Schulleitungen aber, dass der Termindruck 1. 8. 2000 es nicht erlaube, einen "umständlichen" Prozess des Einbezugs von Eltern und SchülerInnen abzuwarten. Auf diese Weise geht die Sicht von Eltern und SchülerInnen für die Schulprogrammentwicklung verloren. Um solche Fehlentwicklungen zu stoppen, fordern wir, dass es möglich sein muss, am 1. 8. 2000 nur ein Zwischenergebnis, mit festgelegten zeitlichen und inhaltlichen Meilensteinen für die weitere Ergänzung, abzuliefern. Dies sollte auch deutlich machen, dass am 1. 8. 2000 die Schulentwicklung nicht abgeschlossen ist, sondern dass es sich um einen Prozess handelt, der ständiger Weiterentwicklung bedarf. Kooperation und Prozesshaftigkeit einer demokratischen Schulentwicklung erachten wir als wichtiger als irgendeine "Vollständigkeit" eines Schulprogramms zum 1. 8. 2000. Letztlich sollen Eltern,. SchülerInnen und PädagogInnen in ihrer Schulkonferenz gemeinsam ein Schulprogramm beschließen. Hier gibt es also eine neue Bedeutung für die Mitarbeit von Eltern und SchülerInnen.
Die Betonung der Rolle der Schulleitung als Moderator in diesem Prozess wird von uns Eltern als problematisch angesehen, da Schulleitung in der Regel eigene Interessen vertritt und sich eher selten der gebotenen Zurückhaltung als Moderator befleißigt. Die Sinnhaftigkeit der angelaufenen Fortbildung für diesen Kreis ist daher anzuzweifeln, da Fortbildung nichts an der Interessenlage verändert. In der Konsequenz kann dies nur heißen, sofortige Qualifizierung für alle an Schule Beteiligten in sehr verstärktem Umfang anzubieten.
Die als gleichwertig dargestellte. professionelle bzw. ehrenamtliche Mitarbeit empfinden viele ARGE-Eltern als einen Widerspruch. In Wirklichkeit fühlen sich viele Eltern ausgegrenzt. Um Elternsicht. in Schulprogramme einzubringen, ist es notwendig, dass diese die folgenden Fragen beantworten: Warum haben wir unser Kind an dieser Schule angemeldet? Was waren/sind unsere Erwartungen? Warum haben keine andere Schulform gewählt und warum gerade diese Gesamtschule? Die Einbringung der Antworten auf diese Fragen in das jeweilige Schulprogramm ist uns wichtig.
Aus der BSJB wurde der ARGE auf entsprechende Fragen geantwortet: "Schulprogramm muss beantworten: Welches sind die zentralen gesellschaftlichen Anforderungen an Schule in einer Großstadtmetropole?" Aber auch: "Das Papier ist nicht so wichtig wie der Prozess der Erstellung, da traditionelle Strukturen dies nicht leisten." Diese Antworten sind ein Widerspruch. Für die zentralen gesellschaftlichen Anforderungen haben Gesamtschulen ihr Konzept. Können wir uns als Gesamtschulen daher ganz auf den Prozess der Erstellung konzentrieren?
Zu den besonderen Aufgaben der Schulaufsicht im Prozess der Schulentwicklung gehört auch, Schulleitung zur Bewegung anzuhalten. Geht es auch hier nur um den Prozess der Erstellung eines Schulprogramms, oder bezieht sich eine solche Aussage auch auf die Inhalte von Schulprogrammen?
Durch die Einführung des Neuen Steuerungsmodells in den Bereich der Schulbehörde, wie von der Hamburger Bürgerschaft beschlossen, werden verschiedenste negative Entwicklungen gerade auch für Schulentwicklung befürchtet:
Warum gibt es keine von der BSJB geförderte, öffentliche Diskussion um die mit dieser Einführung beabsichtigten Ziele?
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